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Aus der Stadt Letzter Rundgang durchs Maritim-Hotel
Hannover Aus der Stadt Letzter Rundgang durchs Maritim-Hotel
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00:23 20.12.2015
Von Conrad von Meding
Letzter Rundgang durch das Grand Hotel Maritim - bis mittags sind noch Stammgäste da, dann schliesst das Traditionshaus die Türen. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Einsam sitzt Friedhelm Biestmann am Frühstückstisch im großen Maritim-Restaurant. Er ist der letzte Gast. Wenn er geht, dann schließen die Mitarbeiter das Hotel endgültig ab.

15 Jahre ist der Mann aus Vechta treuer Gast gewesen - erst im Maritim-Stadthotel in der Südstadt, und als das schloss, da wechselte er ins Grandhotel am Friedrichswall. „Ein Wehmutsgefühl“ habe er bei diesem finalen Frühstück, sagt Biestmann: „Es war ein tolles Hotel, so zentral gelegen und mit hervorragendem Service.“ Der stellvertretende Landrat und ehemalige Landtagsabgeordnete wird sich künftig eine andere Bleibe für seine Hannover-Besuche suchen müssen.

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Seit einigen Tagen sind bereits die blauen Buchstaben auf dem Dach Geschichte. Ab Freitag ist das Maritim-Hotel selbst geschlossen. Ein letzter Rundgang.

Die Kunden sind traurig - und die Mitarbeiter? 250 waren es zu Hochzeiten in den Siebzigerjahren, jetzt sind noch 55 geblieben. Ja, sagt Direktor Oliver Risse, es habe auch Tränen gegeben, „einige sind fast ihr gesamtes Berufsleben hier gewesen“. Trotzdem werden die letzten Gäste herzlich verabschiedet - ein Grandhotel soll man schließlich würdevoll in Erinnerung behalten.

1965 als Intercontinental-Hotel eröffnet, seit 1995 das Maritim-Flaggschiff in Hannover, 285 Zimmer und ganz oben: die Präsidenten-Suite. Für die HAZ schließt Direktor Risse das 180-Quadratmeter-Apartment noch einmal auf, nimmt in der Biedermeier-Sitzgruppe Platz. Von Gorbatschow bis Putin, von Heino bis Prince, von Jan Ulrich bis Heidi Kabel - alle haben sie hier geschlafen. Michael Jackson hat sich in der Suite eine Tanzfläche installieren lassen, Mike Jagger das Inventar zertrümmert - und die Mitarbeiter haben alles ertragen, mit der freundlichen Geduld, die man bei einem Vier-Sterne-Haus erwarten darf.

Jetzt haben sie noch zwölf Tage Zeit, um alles zu räumen, was das Maritim-Signet mit den drei stilisierten Segeln trägt. 1000 Handtücher wollen aus den Badezimmern geholt werden und 2000 Sanitärartikel, 10 000 Geschirrteile müssen aus Küche und Restaurant entfernt werden, zählt Direktor Risse auf. 700 Umzugskartons voller Akten warten im Ballsaal auf den Abtransport in die Maritim-Zentrale in Bad Salzuflen. „Wir hatten hier 55 000 Gästebewegungen im Jahr - und alle Dokumente müssen zehn Jahre aufbewahrt werden“, sagt Risse.

Jahrelang war das große Sichtbetongebäude gegenüber vom Rathaus eine der ersten Adressen der Stadt. Allerdings hat Maritim zum Schluss kaum noch investiert. Auf allen Fluren atmet das Haus den Geist der Achtzigerjahre. In der Bar könnte man sofort einen alten James-Bond-Film nachdrehen. Auch wenn der Monumentalbau wie ein überdimensionierter Störenfried in der Altstadt-Silhouette wirkt - im Inneren war die Welt bis gestern in Ordnung. Die Stammgäste konnten sich darauf verlassen, mit Namen begrüßt zu werden. „Unsere langjährigen Mitarbeiter wussten genau, wer welche Vorliebe hatte - und sei es die Mandarine auf dem Obstteller“, sagt Direktor Risse. „Das gibt es heute doch fast nirgendwo mehr, vielleicht noch in Kastens Hotel Luisenhof.“ Andere Hotels hätten vielleicht die moderneren Flachbildfernseher, das Grandhotel aber das gewisse Extra an persönlicher Note. Risse wechselt jetzt zunächst ins Maritim Airport-Hotel in Langenhagen, bis das Unternehmen eine neue Führungsstelle für ihn hat. Auch vielen anderen Mitarbeitern seien Alternativstellen im Maritim angeboten worden, heißt es in der Zentrale in Bad Salzuflen.

Empfangsdirektorin Martina Liebke, seit 16 Jahren im Haus, hat noch nichts Neues gefunden. Sie blättert ein letztes Mal durch die beiden opulenten Gästebücher. „Die Staatsbesuche waren immer toll“, schwärmt sie, „auch wenn die Nächte für uns meist kurz waren.“ Zum Beispiel als Putin sich spontan entschieden hatte, noch eine Flasche Rotwein mit Angela Merkel zu öffnen - die blaulichtbestückten Staatskarrossen wollen einfach nicht vorfahren, das Personal musste warten. Wie Putin war? „Ein freundlicher Herr“, sagt Liebke, „er hat sogar Autogramme in der Lobby gegeben.“

Solche Geschichten kann hier fast jeder erzählen. Küchenchef Gerd Clovers, der mit seinen 61 Jahren zunächst in Arbeitslosigkeit und dann in den Ruhestand geht, erinnert sich gern an die Anekdote mit Prinz Edward, der nach einer Messe­eröffnung mitsamt Entourage im Grandhotel übernachten sollte. Weil kein Essen vorbestellt war, ließ Clovers diverse britische Gerichte vorbereiten: Seezunge aus Dover, irischen Hummer, Eier mit Garnelensandwiches, Steak mit Kidneybohnen. Was wollte der Prinz am Abend? Eine schlichte Banane. „Die Läden waren schon geschlossen - ich habe alle Mitarbeiter losgeschickt, eine Banane zu organisieren“, sagt Clovers. Und? „Am Ende gab es natürlich eine“, schmunzelt der Küchenchef. Ehrensache, in einem Grandhotel.

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