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Aus der Stadt "Linden, willkommen in der Realität"
Hannover Aus der Stadt "Linden, willkommen in der Realität"
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00:16 17.01.2016
Von Conrad von Meding
"Ich bin sehr irritiert": Anwohner sehen sich den Aushang an der verschmierten Scheibe des Geschäfts an.  Quelle: Wirtschaftsforum ,Lebendiges Linden'
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Hannover

Die Lindener werden immer wählerischer, was ihre Geschäftswelt angeht. Will eine junge Unternehmerin eine Öko-Eisdiele eröffnen, hagelt es Farbbeutel: zu yuppiehaft. Machen sich Freunde moderner Turnschuhe mit einem „Sneakers“-Laden selbstständig: zu farbenfroh. Aber auch der alteingesessene Fleischer Gothe in der Limmerstraße musste immer wieder Schmierereien ertragen: zu fleischig. Das Geschäft hat nach 112 Jahren geschlossen, auf ihn folgt nun Bäcker Göing. Doch auch der muss sich jetzt gegenüber Anwürfen von Nachbarn erwehren: Zu viele Bäcker gebe es schon jetzt im Umfeld der Limmerstraße, außerdem sei Göing eine „Kette“, sowas brauche man nicht. „Ahnungslose Gerede“ sei das, findet Unternehmenschef Thomas Göing – und hat mit deutlichen Worten reagiert.

„Ihr Lieben, wenn ihr nicht alles Online einkaufen würdet, dann gäbe es auch noch genug Inhaber, die nach Ladenflächen suchen würden“, schreibt der Bäckermeister in einem Aushang unverblümt. Für die Geschäftsflächen in der Limmerstraße 28 hätten sich außer ihm nur Spielhallenbetreiber interessiert: „Willkommen in der Realität.“ Er verweist darauf, dass Göing keine anonyme Franchisekette ist, sondern ein alteingesessener hannoverscher Handwerksbetrieb: 1920 von seinem Großvater in Hainholz gegründet, 1954 von seinem Großvater durch das zweite Geschäft erweitert – in der nahen Dieckbornstraße in Linden. 32 Standorte betreibt Göing mittlerweile, gebe 270 Menschen Festanstellung und bezahle in Hannover seine Steuern. Thomas Göing, der das Unternehmen 2014 von seinem Vater Friedrich übernommen hat, hat für seine Kritiker einen Tipp parat: „Macht Euch doch einfach selbstständig und macht es besser.“

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Göing will ein Bäckereigeschäft in einem ehemaligen Fleischerladen in Linden eröffnen – und erntet Protest. Wo bisher Vegetarierer gegen Wurstwaren protestierten, machen jetzt Anwohner gegen den Bäcker mobil: Ihnen werden es zu viele Bäcker. Göing kontert mit deutlichen Worten.

Bezirksbürgermeister Jörg-Rainer Grube findet den Vorgang „so kurios, dass ich eigentlich gar nichts dazu sagen will“. Natürlich gebe es viele Bäcker im Umfeld der Limmerstraße, „da wünscht man sich manchmal schon mehr Vielfalt“, aber deshalb eine Geschäftseröffnung zu kritisieren, das findet er seltsam. Bei der Handwerkskammer ist Hauptgeschäftsführer Jans-Paul Ernsting „sehr irritiert“. „Die Leute sollen froh sein darüber, dass Vielfalt im Lebensmittelhandwerk geboten wird und sie sich aussuchen können, wo sie ihre Brötchen kaufen.“ Schließlich werde in den Betrieben nach unterschiedlichen Rezepten gebacken: „Überall schmecken die Brötchen anders.“ Dass Göing neue Filialen eröffne sei betriebsnotwendig: „Man braucht heutzutage eine bestimmte Größe, um Stabilität zu gewährleisten.“

Göing hat seinen Aushang mittlerweile abnehmen lassen, auch der neuerliche Antwortzettel von Anwohnern ist verschwunden. Farbschmierereien auf dem Schaufenster wurden entfernt – derzeit wird umgebaut – für die bevorstehende Eröffnung.

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