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Aus der Stadt Der Störfaktor
Hannover Aus der Stadt Der Störfaktor
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00:20 20.06.2014
Von Uwe Janssen
Ein Foto wie aus einer anderen Welt: Der tibetische Nomade Ling Tsang Gympa amüsiert sich, während er Yakdung sammelt. Den Kot wird er zum Heizen verwenden. Quelle: Lucas Wahl
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Hannover

Gefängnis? Landsberg. Hoeneß. Ein verurteilter Prominenter reicht, schon wird der Knast auch für Klatschblätter und Frauenzeitschriften zum heißen Thema, und die Gefängnisleitung organisiert sogar einen Tag der offenen Tür für Journalisten. Alles schön aufgeräumt und größer, als man dachte. So schlimm kann es da gar nicht sein. Der belgische Fotograf Sebastien van Malleghem hat es anders erlebt. Ohne Prominente. Ohne Führung. Monatelang hat er Gefängnisalltag in seinem Heimatland dokumentiert. Er zeichnet ein trostloses Bild in schwarz-weißen Fotos. Heruntergekommene, überfüllte Zellen, Gefangene, erschöpft, mit leeren Blicken. Sie versuchen, auch hier ein Leben zu leben. Aber die Kraft scheint wie ausgesogen zu sein.

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60 Fotostudenten und professionelle Fotoreporter stellen beim vierten Lumix-Festival auf dem Expo-Gelände aus.

Solche Bilder entstehen nicht beim Tag der offenen Eisentür. Diese Bilder scheinen auch immer weniger in die immer buntere Medienlandschaft zu passen. Weil sie stören. Genau hier liegt die Aufgabe des Fotojournalismus. Andere Seiten zu zeigen, auch wenn sie unbequem sind. Doch wie soll zwischen Sparzwängen in der Printbranche und dem boomenden, aber als Umsonstmedium empfundenen Internet der Fotojournalismus überleben? Nein, sagt Lutz Fischmann, Chef des großen Fotografenverbandes Freelens, eine Lösung gebe es noch nicht. Man könne sich auf die Zeitungsverlage nicht mehr verlassen, sondern müsse eigene Wege suchen. Aber welche? Rolf Nobel, Fotoprofessor in Hannover, sagt: „Wenn ich Chefredakteur einer Zeitung wäre, würde ich etwas ändern.“ Der Kraft der Bilder vertrauen. Das 4. Lumix-Festival, das, von den beiden Experten maßgeblich gestaltet, heute auf dem hannoverschen Expo-Gelände beginnt, liefert einen ganz praktischen Beitrag zur Vertrauensbildung: Es zeigt auf höchstem Niveau, was geht.

Mehr zum Lumix-Festival lesen Sie hier.

60 Reportagen sind bis Sonntag zu sehen, mehr als 1000 Fotografen hatten sich beworben. Die ausgewählten Arbeiten, die um den mit 10 000 Euro dotierten Freelens Award konkurrieren, decken das gesamte Spektrum des Genres ab, geografisch und thematisch. Wer durch den Skywalk neben dem Messeschnellweg geht, bekommt eine Weltreise im Schnelldurchlauf. Von Sandro Maddalenas spannungsgeladenen Bildern der Konflikte auf dem Maidan in Kiew ist es nur ein paar Meter bis zu der ruhig erzählten Langzeitdokumentation von HAZ-Fotografin Insa Hagemann über die französische Balletttänzerin Karine Seneca, die lange in Hannover gearbeitet hat. Wieder ein paar Meter weiter lenkt Konrad Lippert den Blick nach Belfast, wo der Krieg nicht ruht, auch wenn die fehlenden Nachrichten es uns glauben machen wollen. Dagegen ist der Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch vor gut einem Jahr noch lebhaft im Gedächtnis. Rahul Talukder zeichnet die Katastrophe in dramatischen Bildern nach.

Ernste, „schwere“ Themen sind im Wettbewerb deutlich in der Überzahl, aber es gibt auch fröhliche wie die von Adrian Wykrota über eine polnische Hochzeit, bei der alle Gäste nach und nach völlig ausflippen. Hüllen fallen, Menschen werden im Einkaufswagen über die Straße geschoben, und irgendwann strecken Tanz und Alkohol auch den stärksten Partylöwen nieder.

Dass das Festival überhaupt in Hannover stattfindet, war nach der vorigen Ausgabe nicht selbstverständlich. Da hatte es mächtig geknirscht zwischen der Hochschulleitung und dem Studiengang für Fotojournalismus, der mit Nobel an der Spitze die Keimzelle des Festivals ist. Es ging um interne Abrechnungen der Festivalkosten. Mittlerweile gibt es einen „Verein zur Förderung der Fotografie in Hannover“, der mit der Hochschule das Festival auf die Beine stellt. Das Lumix-Festival ist mittlerweile eines der größten seiner Art weltweit. Dass es genau hier stattfindet, wo die jungen Fotografen auf hohem Niveau ausgebildet werden und mittlerweile fast ein Dutzend Wettbewerbsteilnehmer stellen, drängt sich auf. Nicht nur, aber auch wegen der Resonanz: Nobel rechnet mit weit mehr als den 30 000 Besuchern, die 2012 dabei waren.

Fakten zum Festival

Prominenter Besuch

Prominenter Besuch: Daniela Schadt, Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck, wird zu einem Rundgang über das Festival erwartet, sie wird auch den Hauptpreis, den Freelens Award, am Sonnabendabend überreichen. Mehr denn je hoffen die Organisatoren auf gutes Wetter, denn erstmals werden Reportagen draußen gezeigt – in den von der Expo übrig gebliebenen Gärten des Wandels sind 13 Wettbewerbsbeiträge zu sehen. Die anderen verteilen sich auf sieben Gebäude, die ab heute von 10 bis 20 Uhr geöffnet sind. Die Eröffnung ist heute um 11 Uhr im Design Center an der Expo-Plaza. Festivaltickets sind dort erhältlich und kosten 10, ermäßigt 7 Euro. Jeder Besucher kann seine Lieblingsreportage wählen und so über den HAZ-Publikumspreis abstimmen, bei dem es drei Lumix-Kameras zu gewinnen gibt.

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