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Kirchenvertreter verbinden Luther-Statue die Augen

Protest gegen Antisemitismus Kirchenvertreter verbinden Luther-Statue die Augen

Zum Jahrestag der Pogromnacht am 9. November 1938 sind dem Luther-Denkmal in Hannover symbolisch die Augen verbunden worden. Der Reformator Martin Luther habe vor allem in seinen späten Schriften das Judentum diffamiert und dämonisiert, begründete die evangelische Kirche die Aktion.

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Die Luther-Statue neben der Marktkirche Hannover.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Der Landesbischof hielt die Leiter. Und das war nur eines von vielen Symbolen bei dieser Aktion. Am Ende stand Martin Luther mit verbundenen Augen da – und die sonst so heroisch wirkende Statue des Reformators an der Marktkirche hatte als Denkmal plötzlich einen ganz anderen Charakter. „Wir wollen damit Luthers Blindheit, ja Verblendung gegenüber Juden zum Ausdruck bringen“, sagt Ursula Rudnick. Die Beauftragte für Kirche und Judentum beim Haus kirchlicher Dienste verband Luther die Augen gemeinsam mit Marktkirchenpastorin Hannah Kreisel-Liebermann, um ein Zeichen gegen den Judenhass in Luthers Schriften zu setzen.

Die Aktion fand ihren Platz gewissermaßen an der Schnittstelle zweier Gedenkkomplexe: Die evangelische Kirche feiert derzeit 500 Jahre Reformation – und am 9. November jährte sich zum 78. Mal der Tag der Reichspogromnacht. Zahlreiche Vertreter jüdischer Gemeinden waren an die Marktkirche gekommen, um zu sehen, wie Luther die Augen verbunden werden. „Das ist eine mutige Aktion“, sagte Rabbiner Gabor Lengyel. Diese richte sich nicht gegen Luther. Dieser habe im Christentum viel verändert: „Er hat aber auch Vorlagen für Antisemiten geliefert.“ Es sei gut, dass die evangelische Kirche sich kritisch mit diesem Erbe auseinandersetze, erklärte Michael Fürst vom Landesverband jüdischer Gemeinden.

Kranzniederlegung zum Gedenken an die Pogromnacht am 9.11.1938.

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Landesbischof Ralf Meister unterstützte die Aktion: „Während des Jubiläums müssen wir uns davor hüten, Luther blind zu verehren“, erklärte er. Der Reformator hatte 1543 in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ gefordert, Synagogen niederzubrennen und die Häuser von Juden zu zerstören. In der Vergangenheit hätten sich Christen immer wieder auf Luthers Judenhass berufen, um den eigenen Antisemitismus zu legitimieren, sagte Ursula Rudnick, die Initiatorin der Aktion: „Daraus erwächst für uns die Aufgabe, jeder Form von Judenfeindschaft entgegenzutreten.“

Die evangelische Kirche distanziert sich seit einiger Zeit klar von Luthers Antisemitismus. Die EKD-Synode beschloss einstimmig, unter Juden nicht mehr zu missionieren: Christen seien nicht berufen, „Israel den Weg zu Gott und seinem Heil zu weisen“, heißt es in einer Erklärung.

200 versammeln sich in der Roten Reihe

Rund 200 Besucher versammelten sich am Ort der 1938 zerstörten Synagoge in der Roten Reihe, um an die Pogromnacht und die Ermordung der Juden in der NS-Zeit zu erinnern. Assaf Levitin, neuer Kantor der Liberalen jüdischen Gemeinde, stimmte das hebräische „El male rachamim“ an, das melancholische Seelengebet, in dem gläubige Juden die Barmherzigkeit Gottes beschwören. Regionspräsident Hauke Jagau und Oberbürgermeister Stefan Schostok legten – ebenso wie Vertreter von Kirchen und Parteien – Kränze an der Gedenkstätte nieder.

Zehntklässler der Heisterbergschule in Ahlem erinnerten in kurzen Texten an Herschel Grynszpan und seine Familie. Der 17-jährige Jude aus Hannover hatte 1938 in Paris einen deutschen Diplomaten erschossen, um gegen die brutale Abschiebung polnischer Juden zu protestieren. Seine Verzweiflungstat hatte den Nazis einen Vorwand für die „Reichskristallnacht“ vom 9. November geliefert, bei der überall in Deutschland jüdische Geschäfte und Synagogen zerstört wurden – auch jene Synagoge in der Roten Reihe, in der Grynszpan ein- und ausgegangen war. „Es ist unvorstellbar, dass so etwas geschehen konnte“, sagte die 15-jährige Schülerin Hafize: „Wir müssen dafür sorgen, dass sich so etwas nie wiederholt.“

Gedenken an jüdische Soldaten

Es war eine trügerische Hoffnung: Mehr als 760 Männer aus Hannovers jüdischer Gemeinde zogen vor 100 Jahren in den Ersten Weltkrieg. Viele waren erfüllt von Patriotismus; als lange diskriminierte Minderheit wollten sie ihre nationale Zuverlässigkeit unter Beweis stellen. Doch vergebens: „Der Einsatz jüdischer Soldaten im Ersten Weltkrieg wurde später oft systematisch geleugnet“, sagte Landtagspräsident Bernd Busemann bei einer Gedenkfeier in der Predigthalle des jüdischen Friedhofs an der Stangriede.

Vertreter von Bundeswehr, Kirchen und jüdischen Gemeinden legten dort Kränze zu Ehren der Kriegsopfer nieder. Es sei ein Gewinn, dass heute wieder rund 6200 Menschen jüdischen Glaubens in Hannover lebten, sagte Busemann. Auf Steintafeln sind in der Predigthalle die Namen von 125 jüdischen Gefallenen verzeichnet. Ausgerechnet unter diesem Denkmal jüdischer Vaterlandsliebe pferchten die Nazis später Juden zur Deportation zusammen. Werner Meyer, der die Gedenkfeier zum 21. Mal organisiert hatte, rief die Stadt dazu auf, die Predigthalle als Denkmal stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. 

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