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Hier erhalten Männer mit Gewaltfantasien Hilfe

MHH-Ambulanz Hier erhalten Männer mit Gewaltfantasien Hilfe

Sie haben Angst vor sich selbst – und dem, was sie tun könnten: Männer mit sexuellen Gewaltfantasien erhalten seit Ende April Hilfe in der MHH-Ambulanz für die Behandlung dysregulierter Sexualität.

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Eröffnung der Ambulanz für Menschen mit sexuellen Gewaltfantasien: Prof. Dr. Tillmann Krüger (MHH, von links), Prof. Dr. Uwe Hartmann (MHH), Sozialministerin Cornelia Rundt und Thomas Weishaupt (Weisser Ring).

Quelle: Christian Behrens

Hannover. Alles begann mit einem jungen Mann, Tom, Anfang zwanzig, aus der Lüneburger Heide. Tom macht eine Ausbildung zum Koch, fährt jeden Tag mit dem Rad zu seiner Lehrstelle - im Rucksack sein Werkzeug: seine langen, geschärften Küchenmesser. Plötzlich, an einem ganz normalen Tag, ertappt sich Tom dabei, wie er hinter einer jungen Frau herfährt. Er ist wie in Trance, den Kopf zum Platzen voll mit blutigen Bildern und brutalen Fantasien. Die Messer und die Frau. Er ist kurz davor, erzählt er später, etwas Schreckliches zu tun. Erst als ein anderer Radfahrer ihm entgegenkommt, wacht er abrupt auf aus dieser Trance. Tom ist erschrocken, entsetzt, zutiefst beschämt. Er begibt sich in die Psychiatrie.

Die Geschichte ist wahr, nur dass der Kochlehrling nicht Tom heißt und aus einer anderen Gegend kommt. Sein Psychiater schickte ihn damals an die Medizinische Hochschule Hannover, deren Abteilung für klinische Psychologie und Sexualmedizin ein freiwilliges Präventionsprojekt für Pädophile anbietet. Professor Uwe Hartmann, der Leiter dieser Ambulanz, musste Tom damals aber abweisen.

Denn sein Fall passte nicht in das Schema der pädophilen Patienten. „Nur weil ich jetzt nicht auf Kinder stehe, bekomme ich keine Hilfe!“, hat Tom damals verzweifelt gesagt und gefragt: „Warum macht Ihr nicht mal so was für Leute wie mich?“. Hartmann sagt: „Das war die Initialzündung.“ Sofort habe er begonnen, Anträge zu stellen, Fördergelder zu erbitten, das Rad ins Rollen zu bringen.

Schon fast 30 Patienten

Er hat es geschafft. Mit jährlich 150 000 Euro vom niedersächsischen Sozialministerium ist die „Ambulanz für die Prävention und Behandlung dysregulierter Sexualität“ seit Ende April am Start. Schon jetzt haben fast 30 Patienten Kontakt aufgenommen. Erste Therapien laufen bereits.

Es sind Männer, die dunkle Ideen im Kopf haben und ausleben wollen, so wie Tom. Sie fühlen sich wie tickende Zeitbomben, haben Angst vor sich selbst und ihren Abgründen, Angst vor dem, was sie womöglich fähig sind zu tun. Oder einfach Angst vor der Strafe. Andere haben ihre gewalttätigen Gelüste schon einmal umgesetzt und wollen das nie mehr wiederholen. Oder sie kommen, weil ihre Partnerin ein Ultimatum stellt: „Bis hierhin und nicht weiter. Wenn Du Dir nicht helfen lässt, trenne ich mich.“

Nicht alle Fälle sind so extrem wie der des Kochlehrlings Tom. Oft sind es partnerschaftliche Konflikte, Grenzüberschreitungen, einvernehmlicher Geschlechtsverkehr, der irgendwann kippt - und dann eben nicht mehr einvernehmlich bleibt. „Es gibt viele Facetten der erwachsenen Sexualität“, erklärt Hartmann. „Solange beide es wollen, ist es in Ordnung. Aber wenn der eine Partner seine Impulse nicht mehr kontrollieren kann, dann läuft es aus dem Ruder - und wird ein Fall für uns“.

Die meisten der Übergriffe geschehen im sogenannten Nahfeld, sagt Hartmann. „Es ist nur selten der böse Unbekannte, der hinterm Busch hervorkommt und eine wahllose Frau angreift.“ Nur fünf Prozent der Übergriffe kommen überhaupt zur Anzeige. Die Dunkelziffer ist hoch, Schätzungen zufolge passiert mindestens zwanzigmal so viel. Zu groß ist die Angst oder die Scham der Opfer.

Ein Team aus vier Experten ist für diese freiwilligen Patienten da, die sich in der neuen Ambulanz Hilfe holen: Hartmann und sein Kollege Tillmann Krüger, der als ärztlicher Leiter auch eventuelle Medikamentierung betreut, dazu zwei engagierte junge wissenschaftliche Mitarbeiter. „Was wir hier tun, ist die bestmögliche Opferprävention“, erklärt der Sexualtherapeut. „Wir wollen Übergriffe verhindern.“

Die Patienten melden sich zunächst telefonisch. Dort wird vorentschieden, wer für das Projekt infrage kommt. Wer zum Beispiel aktuell im Konflikt mit der Justiz steht, hat keine Chance. Wer sich aber eignet, wird zu einer ausführlichen Diagnostik einbestellt. Das kann schon mal zwei bis drei Stunden dauern. Die Therapeuten sind dabei zu zweit - man weiß ja nie. „Wir haben einen Notfallknopf unter dem Schreibtisch. Und es sind immer mehrere Kollegen in der Nähe. Erstgespräche führen wir grundsätzlich zu zweit.“

Die Arbeit in der Ambulanz ist nichts für schwache Nerven. „Es gibt immer wieder Fälle, die man mit nach Hause nimmt“, gibt Hartmann zu. Schreckliche Schicksale, die sie nicht mehr loslassen. „Von nichts kommt nichts“, erklärt der Professor. Oft haben die Patienten selbst Schlimmes erlebt.

Potenzielle Vergewaltiger und auch Straftäter, die bisher davon gekommen sind: Hartmann und sein Team treffen mitunter auf richtig üble Kerle. Melden dürfen sie die nicht, so will es das Gesetz. Nach Paragraf 138 des Strafgesetzbuches müssen sie nur geplante Kapitalverbrechen melden, Terroranschläge und Entführungen zum Beispiel. „Manchmal bist Du schon in einem moralischen Dilemma“, berichtet Hartmann. „Da kommen dann Dinge raus, und du denkst: Oh Mann!“ Man könne dann höchstens versuchen, diese Männer zu beeinflussen: Stell Dich der Tat, stell Dich den Behörden.

Denn eines ist klar: Der Erfolg des Projektes hängt in hohem Maße davon ab, dass die Patienten anonym bleiben können. „Theoretisch können sie sich bis zum Ende der Therapie Micky Maus nennen“, erklärt Projekttherapeut Jonas Kneer, einer der wissenschaftlicher Mitarbeiter. Auch deshalb wird die Behandlung nicht durch Krankenversicherungen der Patienten finanziert, sondern durch öffentliche Förderung.

Das Ziel der Behandlung ist, die ausufernden Triebe „herunterzuholen“. Die Balance zwischen Erregung und Hemmungen muss wiederhergestellt werden. „Bei unseren Patienten hier müssen wir die Hemmungen ausbauen“, sagt Hartmann. Bei seinen sonstigen Patienten ist es eher umgekehrt: Da sind die Hemmungen oft zu stark, und die sexuelle Erregung kommt zu kurz.

Sex and Crime, ein spannendes Feld. Das gibt Kneer zu, das treibt das Team an bei seiner schwierigen Arbeit. „Die Sexualität ist eine große Kraft“, meint der 30-jährige Projekttherapeut, der die Ambulanz von Anfang an mit aufgebaut hat. „Sie kann beflügeln, aber sie kann einen Menschen auch in zwei Minuten ruinieren.“

Der „Zauber des Augenblicks“

Erfolge sind schwer zu messen. „Bei manchen Patienten hielt ich Fortschritte zunächst für fast aussichtslos, und plötzlich passiert in zehn, zwölf Sitzungen unheimlich viel“, erzählt Hartmann. „Und dann bewegt sich wiederum bei besonders vielversprechenden Kandidaten in zwei Jahren gar nichts.“ Entscheidend sei der „Zauber des Augenblicks“, so nennt es der Therapeut: der Moment, in dem die Betroffenen bereit sind, sich zu ändern. Wenn sie erschüttert sind, die Dringlichkeit spüren. Den Moment muss man nutzen. „Wenn dieses Fenster sich wieder schließt, dann ist es vorbei.“ Dann denken die Patienten wieder: Wird schon nicht so schlimm sein, bisher kam ich ja auch klar.

Für die vier Experten in Hannover ist es wichtig, dass ihr Projekt bekannt wird. „Prävention ist nur möglich, wenn die Leute wissen, dass es uns gibt“, betont Hartmann. Mit einem Plakat wollen sie aufrütteln: Dunkler Hintergrund, zwei gesichtlose Frauen rechts und links, dazwischen frontal ein Mann, breitbeinig, die Arme locker an der Seite, bereit zum Angriff oder nicht? Darüber in fetten Buchstaben, die sein Gesicht anonym machen: „Willst Du mehr, als sie will?“ Die Position des Fragezeichens im Schritt des Mannes lässt keine Fragen offen.

Je mehr Betroffene von der Ambulanz gehört haben, desto mehr Übergriffe können womöglich verhindert werden. Und deshalb ist das Ziel von Hartmann und seinem Team klein und gleichzeitig doch so groß: „Wenn wir nach drei Jahren sagen können, wir haben drei Opfer geschützt, dann ist das ein Sieg - und jeden Cent Fördergeld wert!“

Info: Die Ambulanz ist zu erreichen unter der Telefonnummer (05 11) 5 32 67 46.

Von Sophie Mühlmann

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