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MHH-Salon Zu diesem Friseur gehen sie alle

Der Salon Hell + Boutique ist kein gewöhnlicher Friseurladen. Das Geschäft in der Ladenpassage der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) besuchen Ärzte, Schwestern und Patienten – manchmal auch sterbenskranke. Salonleiterin Alexandra Schmidt erzählt vom Alltag einer Klinikfriseurin.

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Den Salon Hell + Boutique hat Alexandra Schmidt von ihrer Mutter vor drei Jahren übernommen.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Die eine Seite seines Schopfes war bereits kurz geschnitten, auf der anderen Seite waren die Strähnen noch länger und ungebändigt. Doch dann musste der Notarzt los. Solche Fälle stehen bei Alexandra Schmidt, die den Friseursalon in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) leitet, auf der Tagesordnung. Zuvor hatte er sich bereits ruhelos in den Drehstuhl gesetzt, sein Handy auf den Tisch gelegt und um einen schnellen Schnitt gebeten. „Wenn es klingelt, muss ich aber los“, hatte er zu der Friseurin gesagt. Und tatsächlich: Mitten im Schnitt vibrierte das Telefon, die Frisur nur halb fertig, der Notarzt bereits auf dem Sprung: Er müsse mit dem Helikopter nach Neustadt. „Der sah aus! Und so ist er dann raus“, erzählt Schmidt kopfschüttelnd, aber belustigt. Zwei Stunden später sei er wiedergekommen, die Frisur konnte vollendet werden.

Die 39-Jährige hat vor drei Jahren den Salon Hell + Boutique in der Ladenpassage der MHH von ihrer Mutter übernommen, seit 16 Jahren arbeitet sie hier. Zwischen den Lockenwicklern, dem lauten Föhngeräusch und den Haarsträhnen auf dem Boden meint man für einen Moment, bei einem ganz gewöhnlichen Friseur zu sein. Die Geschichten, die Schmidt und ihre Kolleginnen Jeannette Welack-Burkat und Jeannette Meier erzählen können, sind es nicht. Neulich musste Alexandra Schmidt Erbrochenes aus den Haaren eines Patienten waschen, mehrfach massierte sie Shampoo in das verklebte Haar, der Geruch war hartnäckig. Manchmal ist es auch Blut, Rückstände schwerer Verletzungen oder Operationen. Es kommt vor, wie in jenem Fall, dass die Stationsschwestern die Patienten hierher schicken. „Das tut den Kranken natürlich gut“, sagt Schmidt. Die Berührung, die Massage - eine willkommene Abwechslung während des Aufenthalts in einem Krankenhaus.

Es kommen Menschen von außerhalb, denen der Laden empfohlen wurde, es kommen Patienten hierher, genauso wie Ärzte und Pflegepersonal, die es sonst nicht mehr rechtzeitig zu einem Friseur in die Stadt schaffen. „Wir haben hier auch häufig Besuch von Patienten aus der Psychiatrie“, erzählt Welack-Burkat. Eine Zeit lang betrat eine junge Frau den Laden täglich. Sie kaufte nur eine einzelne Haarnadel und steckte sich diese ins kurze Haar. Ein anderes Mal stand plötzlich ein Mann mitten im Laden und fing wortlos an zu steppen. Danach ging er einfach wieder hinaus. „Das muss man sich mal vorstellen“, sagt Schmidt lächelnd. Geduld und Verständnis lerne man hier mit der Zeit. Und eine Art der Besonnenheit, die den Friseurinnen in ihrem Tonfall innewohnt, wenn sie erzählen. Einmal ließ sich ein Herr bei Jeannette Meier die Haare schneiden, er hatte beide Arme verbunden. Seine Frau war gestorben, erzählte er der Friseurin. Und er hatte versucht, sich umzubringen, aber sein Sohn hatte den 50-Jährigen gerettet. „Ich war fassungslos“, sagt Meier, mit ihren 49 Jahren in einem ähnlichen Alter.

Gerade schneidet Schmidt, die ihre eigenen hellblonden Haare zurückgesteckt hat, einer Krankenschwester die kurzen braunen Locken. Gudrun Rath kommt seit 35 Jahren her, so lange arbeitet sie bereits in der MHH. „Als ich hier damals anfing, haben mir Arbeitskollegen den Salon empfohlen. Danach hat sich gar nicht mehr die Frage gestellt, woanders hinzugehen“, erzählt sie. Es sei praktisch, direkt von der Arbeit zum Friseur zu gehen. „Wir haben viele Stammkunden“, ergänzt Schmidt. Auf dem Drehstuhl direkt daneben geht es ruhiger zu. Dort sitzt Caspar Gross, er ist Patient in der MHH. Der 23-Jährige hat sein Hörgerät herausgenommen, während Jeannette Welack-Burkat die Haare auf Vordermann bringt. Als sie fertig ist, erzählt er, dass er das Cochlea-Implantat dort erst vor einigen Wochen einpflanzen ließ: „Die MHH hat den besten Ruf beim operativen Eingriff“, meint er. Zehn Tage nach seiner Entlassung sind Anzeichen einer Gesichtslähmung aufgetreten, er musste erneut ins Krankenhaus. „Das kann immer passieren“, sagt er. So hat er fast einen Monat in der MHH verbracht. Heute muss er noch einmal auf Station, um Papierkram zu unterschreiben. Der Friseurbesuch war spontan, er hat sich beim Vorbeigehen dafür entschieden. Seinen Gesichtszügen ist von der Nervenlähmung kaum mehr etwas anzumerken.

Ein Friseursalon, das ist auch immer eine kleine Insel: Man kommt raus aus seinem Alltag, lässt sich verwöhnen in einem Raum, der nach Shampoo und Haarspray duftet, und betritt die Welt mit einem neuen Haarschnitt, ein bisschen besser, ein bisschen frischer, irgendwie gut. In einem Krankenhaus wirkt dieser Kontrast umso stärker. Einmal die Woche muss eine Friseurin auf Station. Dabei bleibt ihr wenig erspart: offene Wunden, sterbenskranke Menschen, Patienten auf der Intensivstation, deren Angehörige sie herbeordert haben.

Friseur - das bedeutet auch Typveränderung. Doch das kann hier ganz anders aussehen: Einmal kam ein sehr junger Mann dort hin, mit einer stylishen Frisur, jung, trendig. Er setzte sich auf einen Stuhl und ließ sich die Haare abrasieren. Erst dann erzählte er, dass seine Mutter auf der Krebsstation des Krankenhauses liege und ihre Haare gerade verloren habe. „Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt Jeannette Welack-Burkat. Die 49-jährige Friseurin wirkt eigentlich unerschrocken und heiter, doch diese Erinnerung scheint ihr schwerzufallen. „Solche Geschichten haben wir hier so oft“, fügt Schmidt hinzu. „Mein schlimmster Moment war, als ich zu Beginn meiner Karriere einem kleinen Mädchen auf der Kinderkrebsstation die Haare abrasieren musste. Seine Mutter weinte unentwegt, und das Kind guckte mich nur mit großen Kulleraugen an“, erzählt sie, noch immer sichtlich bewegt von der Erinnerung. „Und dann sagte das Mädchen: Mama, das ist nicht so schlimm, kauf mir doch einen Hut!“ Krebspatienten kommen häufig in den Salon. Die Haare abzurasieren oder bei der passenden Perücke zu beraten, dabei einfühlsam zu sein und Optimismus auszustrahlen - auch das sei an der Tagesordnung, erzählt Schmidt.

Sie selbst hat vor drei Jahren ihre Mutter an den Krebs verloren. Der Mutter gehörte der Salon, Schmidt hat ihn 2013 übernommen. „Früher, als wir es geplant hatten“, sagt die junge Frau, die Turnschuhe trägt und überhaupt jung und unbeschwert wirkt in ihrer pastellgrünen Kleidung. Von den Geschichten, die ihr hier täglich begegnen, könne sie sich distanzieren. „Wir haben hier einen Professor, der sagt fast immer den gleichen Spruch: ,Wie stehen die Aktien? Meine Haare wachsen schneller als ein Tumor‘“, erzählt sie. Sie und ihre Kolleginnen lachen. Unmöglich sei das, schieben sie hinterher. Aber Humor scheint zu helfen, wenn man alltäglich mit Krankheit und oft auch mit dem Sterben konfrontiert ist.

Ihre Mitarbeiterinnen hatten bereits bei ihrer Mutter gelernt, sie alle sind eng mit dem Geschäft verbunden. „An einem anderen Ort könnte ich gar nicht arbeiten“, sagt Alexandra Schmidt. Ihr Blick schweift durch den Salon zur Fensterfront, weiße und blaue Kittel eilen dort vorbei, ein Mann mit Gipsbein humpelt in die andere Richtung. Ihre Mitarbeiterinnen stimmen zu: „Das wäre doch langweilig“, sagt Welack-Burkat.

Das ist die MHH

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) ist praktisch wie eine kleine Stadt in der Stadt: Mit 400 000 Quadratmetern ist das Areal in Groß-Buchholz größer als 50 Fußballfelder. Mehr als 1500 Betten stehen dort für Patienten zur Verfügung, mehr als 7600 Menschen arbeiten im Universitätskrankenhaus.
Die Ladenpassage, ein langer Gang, der sich durchs Haupthaus zieht, umfasst neben dem Friseurgeschäft auch einen Blumenladen, zwei Bankfilialen, eine Kinderstube, einen Gebets- und Andachtsraum, ein kleines Café, eine Buchhandlung, einen Kiosk und eine Patientenbücherei sowie ein Geschäft für Kunsthandwerk. Unter www.mh-hannover.de/ladenpassage.html gibt es weitere Informationen.     

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