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Aus der Stadt MHH bietet krebskranken Frauen Kosmetikseminare an
Hannover Aus der Stadt MHH bietet krebskranken Frauen Kosmetikseminare an
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07:37 20.11.2012
Von Susanna Bauch
 „Früher war die Hemmschwelle größer“: Patientin Inge nimmt für die Schulung die Perücke ab. Beim Kampf gegen die Spuren der Chemotherapie gibt Kosmetikerin Gudrun Tiele die Konturen vor. Quelle: Cathérine Hagemann
Hannover

Das Seminar wird regelmäßig von der gemeinnützigen Gesellschaft DKSM life angeboten und mithilfe zahlreicher Spenden finanziert, die geschulten Kosmetikerinnen werden für ihren MHH-Einsatz freigestellt. Und die Warteliste für den besonderen Beauty-Nachmittag ist lang. Brigitte Rode ist psychosoziale Krebsberaterin und organisiert mit der Radioonkolgischen Pflegeambulanz die Zusammenkünfte in der MHH seit zwei Jahrzehnten, Kosmetikerin Gudrun Tiele hat sie ebenfalls schon oft geleitet. Voraussetzung für eine Teilnahme ist, dass die Patientinnen sich derzeit einer Strahlen- oder Chemotherapie unterziehen. Eine Therapie also, die auch die Haare ausfallen lässt und den Blick der Umwelt so auf den Krebs lenkt.

Das improvisierte Kosmetikstudio wirkt nüchtern auf den ersten Blick. Kosmetikerin Tiele und ihre Kollegin Kristin Wölfel stellen Vergrößerungsspiegel auf, verteilen Kosmetiktücher, Wattepads und prall gefüllte Schminkbeutel auf die Plätze. „Wir wissen vorher auch nicht, welche Produkte in den Taschen sind“, sagt Gudrun Tiele. Alle Kosmetika würden gespendet, „der Inhalt ist immer wieder eine Wundertüte“. Tiele schätzt diese Nachmittage, die besonderen Kundinnen. „Man bekommt hier eine Menge zurück – und lernt wieder, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.“

Die Teilnehmerinnen an diesem Nachmittag sind überpünktlich. Und sie wollen gleich loslegen. Manche kennen sich, von der Chemo. Heute, wo alle zunächst ihre Perücken tragen, sehen sich manche erstmals mit Haaren. „Blond hätte ich bei Ihnen jetzt nicht erwartet, eher dunkel“, sagt Patientin Annette mit Blick auf die Haarfarbe ihrer Tischnachbarin. „Immer mal was Neues“, entgegnet diese fröhlich und erntet kollektives Gelächter. Man ist entspannt beim Schminkkurs in der MHH.

Jetzt übernimmt Gudrun Tiele das Kommando. „Die Reinigung der Haut ist das Wichtigste“, sagt sie. Vorher werde nicht geschminkt. Die Teilnehmerinnen machen sich ans Werk. Die meisten setzen ihre Perücken ab, nun spielen Haarfarben keine Rolle mehr. Unter den intensiven Krebstherapien leidet besonders die Haut. „Sie wird oft sehr trocken“, erklärt die Fachfrau. Und so geht es Schritt für Schritt daran, den Teint natürlich aufzufrischen und die Haut zu verwöhnen.

Gudrun Tiele referiert über freie Radikale, die Feinde jedes Hautbildes. Es geht um Hals- und Nachtpflege und um die Augenpartie. „Oft sind die Augen geschwollen wegen der gestauten Lymphflüssigkeit“, sagt Tiele. Ihr Trick: Mit den Fingern über den Hals streichen. „Das fördert den Abfluss.“

Patientin Ramona schminkt sich grundsätzlich, täglich. „In meiner Tasche ist rosa Lidschatten, den habe ich noch nie probiert.“ Heute trägt sie dick Rosa auf. Und es steht ihr ausgezeichnet. In Sachen Lidschatten werden die Farben munter über den Tisch getauscht. Auch beim Lippenstift gilt: einer für alle. „Die Frauen sollen sich hier wohl fühlen. So eine kreative Auszeit ist wichtig für Selbstwertgefühl und Heilungsprozess und letztendlich auch Lebensfreude“, sagt Brigitte Rode. Die Schminkstunde ist eine Therapie für Körper und Seele gleichermaßen.
An Lebensfreude mangelt es den Teilnehmerinnen nicht an diesem Nachmittag. Man lacht, spricht über die Kinder. Aber nur nebenbei, die Hauptrolle spielen die Frauen. Bewundernde Blicke werden getauscht über ganz neue Spiegelbilder. „Ich fühle mich pudelwohl, so kann es bleiben“, sagt Sigrid und mustert sich hochzufrieden im Spiegel. Dann muss sie los, vor der Zeit, zur Bestrahlung.

Für die anderen beginnt jetzt der schwierigste Teil der Schminkschule: Augenbrauen- und -wimpern. Gudrun Tiele und Kristin Wölfel zeichnen jeweils eine Augenbraue an, das Pendant müssen die Frauen dann selber zaubern. Nicht zu hoch, nicht zu schmal, nicht zu lang „Eine Wissenschaft für sich“, stöhnt Patientin Inge. „Das braucht viel Übung“, sagt Gudrun Tiele, „aber das Resultat lohnt sich.“ Und falsche Wimpern brauchen echte, um zu halten. Also muss bisweilen ein Kajal genügen. Annette will auf keinen Fall aufgeben. Sie hat an diesem Abend einen schönen Termin – und bereits das fertige Make-up.

Gudrun Tiele hat derweil noch ein paar Tipps, für „diejenigen, die schon etwas länger jung sind“. Davon gibt es an diesem Nachmittag nicht  viele. In jedem Fall fühlen sie sich nach zwei Stunden jünger als vorher, allesamt. „Früher war die Hemmschwelle viel höher“, erzählt Brigitte Rode. Da war das Abnehmen der Perücken noch ein Tabu. „Die Motivation ist eine andere geworden“, sagt Rode. „Vielen freuen sich einfach nur auf einen schönen Termin.“ So wie Ramona, Annette, Inge, Heike, Renate, Sigrid und die anderen.

Die Krankheit, sie sitzt zwar mitten im Raum, aber sie füllt ihn kein bisschen aus.

Seminar für Krebspatienten

Das Kosmetikseminar für an Krebs erkrankte Frauen an der MHH ist ein kostenloses Programm mit professionellen Tipps zur Gesichtspflege und zum Schminken für Patientinnen, die sich in einer Chemotherapie oder Bestrahlungsbehandlung befinden. Veranstalter ist die Psychosoziale Krebsberatung in der MHH-Frauenklinik in Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Gesellschaft DKMS life.

Den Teilnehmerinnen wird gezeigt, wie sie mit einfachen Tricks die äußerlichen Folgen der Therapie, wie Hautflecken, Wimpern- oder Augenbrauenverlust, kaschieren können. Für Krebspatientinnen ist Kosmetik viel mehr als nur Make-up. Sie kann Therapie und Lebenshilfe sein. Das nächste Seminar in der MHH findet im Januar 2013 statt.

Informationen erteilt Brigitte Rode unter Telefon (05 11) 5 32 60 38 oder per Mail unter rode.brigitte@mh-hannover.de. Des Weiteren werden auch im Diakoniekrankenhaus Friederikenstift onkologische Kosmetikseminare angeboten, die die Gesellschaft der Freunde des Stiftes unterstützt. Kontakte unter Telefon: (05 11) 1 29 25 83.

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