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Flüchtlinge protestieren gegen Zustände im Pavillon

Wenig Platz und Mäuse Flüchtlinge protestieren gegen Zustände im Pavillon

Zehn Männer pro Zelt, dazwischen laufen Mäuse und es gibt keine Perspektive auf einen Umzug: Die Flüchtlinge der Notunterkunft Deutscher Pavillon haben am Mittwoch mit einer Demo auf die Zustände, in denen sie derzeit leben, aufmerksam gemacht.

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Flüchtlinge aus dem Deutschen Pavillon demonstrieren gegen die Zustände, in denen sie zurzeit leben müssen.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Er ärgert sich, dass er die Flasche schon weggeworfen hat. Jetzt hätte er sie herumzeigen können. Als Beweis, dass Mäuse zu permanenten Mitbewohnern der Flüchtlinge im Deutschen Pavillon geworden sind. Nizar ist einer von rund 200 jungen Männern, die seit einigen Monaten in der Notunterkunft an der Expo-Plaza leben. Bislang haben sie die Zustände dort und die Aussicht auf eine ungewisse Zukunft ohne Murren ertragen. Doch jetzt, da auch noch die Mäuse eingezogen sind, reicht es ihnen. Rund 60 Flüchtlinge haben sich gestern Mittag mit selbst gebastelten Plakaten und Bannern vor dem Gebäude aufgestellt und gegen ihre Unterbringung demonstriert.

„Wir haben überhaupt keine Privatsphäre“, sagt Nizar, der vor dem syrischen Bürgerkrieg aus seiner Heimatstadt Rakka nach Deutschland geflohen ist. In der Notunterkunft teilt er sich seit sechs Monaten ein Zelt mit neun anderen Männern. Nur die Bewohner und Betreuer dürfen in den Pavillon, doch Nizar zeigt ein kurzes Handyvideo, in dem er seine derzeitige Wohnsituation festgehalten hat. Zu sehen sind dicht stehende Stockbetten zwischen Spinden – ein kleines Labyrinth, um wenigstens ein bisschen vor Blicken von außen geschützt zu sein.

Unter seinem Bett liegt eine Mausefalle. Regelmäßig legt Nizar etwas Brot oder Schokolade hinein, um damit die Mäuse zu fangen, die immer wieder über den Boden flitzen. „Ich erwische fast jeden Tag eine. Die sammle ich erst mal in einer Plastikflasche, die ich später wegwerfe“, erzählt er.

Ein Kammerjäger wird eingesetzt

Das Problem mit den Mäusen ist bei der Stadt und dem Betreiber der Unterkunft, dem Deutschen Roten Kreuz (DRK), bekannt. Seit einem Monat kommt regelmäßig ein Kammerjäger und stellt Fallen und Giftköder auf. „Da der Pavillon aber sehr groß ist, dauert es eine Zeit, bis das Wirkung zeigt“, sagt DRK-Sprecherin Nadine Hunkert.

Als Grund für die Mäuseplage führte das DRK Mittwoch eine besondere Konstruktion der Lüftungsschächte an. Diese seien in Bodennähe in den Ecken des Gebäudes angebracht – und vor allem von außen nicht ausreichend abgedeckt.

Zehn Männer pro Zelt, dazwischen laufen Mäuse und Ratten und keine Perspektive auf einen Umzug: Flüchtlinge haben am Mittwoch mit einer Demo auf die Zustände in der Notunterkunft Deutscher Pavillon aufmerksam gemacht.

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So könnten „kleinere Schädlinge“ wie Mäuse von dort ins Innere des Gebäudes gelangen. Befördert werde das Ganze noch dadurch, dass der Deutsche Pavillon ländlich gelegen sei. Die Stadt will dem Verdacht mit den Luftschächten nun nachgehen. „Sollten bauliche Mängel identifiziert werden, die für das Problem mit den Mäusen verantwortlich sind, wird die Stadt diese unverzüglich beheben“, sagt Verwaltungssprecher Alexis Demos.

Beides würde erklären, warum die zwei anderen großen Notunterkünfte des DRK in Ahlem und Vahrenheide, in denen die Flüchtlinge ebenfalls in Zelten untergebracht sind, bislang keine bekannten Probleme mit Schädlingen haben. Wie der Deutsche Pavillon sind auch diese beiden Notunterkünfte nicht voll belegt. Im früheren Marktkauf an der Badenstedter Straße sind derzeit 315 Bewohner untergebracht, Platz wäre nach Angaben Hunkerts für 500. In dem früheren Möbel-Boss-Markt am Alten Flughafen sind 250 Flüchtlinge untergebracht, dort könnten bis zu 300 einquartiert werden. Der Deutsche Pavillon ist dagegen mit 220 Flüchtlingen bei 410 Betten sogar vergleichsweise wenig stark ausgelastet.

Essensreste nicht richtig entsorgt?

Dass eine fehlerhafte Entsorgung des Mülls das Problem verursache, schloss Hunkert aus. Im Eingangsbereich und in den Zwischenräumen zwischen den Zelten seien ausreichend Behälter für den Müll der Flüchtlinge installiert. Die Essensreste aus der Kantine würden in großen Containern in einem gesonderten Raum außerhalb der bewohnten Fläche aufbewahrt und zweimal in der Woche geleert – ein Prozedere „wie in jeder anderen Großküche auch“.

Doch auch wenn in anderen Notunterkünften noch keine Mäuse gesichtet wurden, Sozialarbeiter sehen durchaus auch einen Zusammenhang zwischen Massenquartieren und hygienischen Zuständen. „Manche Menschen entsorgen Essensreste nicht dort, wo sie hingehören“, sagt eine erfahrene Sozialarbeiterin, die in einem Gemeinschaftswohnheim arbeitet. Daher sei es nötig, die Bewohner immer wieder anzusprechen und ihnen die Vorschriften zu erklären.

Irene Wegener, Leiterin eines Flüchtlingsheims in der Südstadt, gibt zu Bedenken, dass die Ratten und Mäuse im Deutschen Pavillon bereits vor dem Einzug der Flüchtlinge im Haus gewesen sein könnten. „Wenn viele Menschen lange an einem Ort leben, dann wird auch Ungeziefer angezogen“, sagt Wegener. Das sei kein spezifisches Problem von Flüchtlingsquartieren.

Die ungewisse Zukunft belastet die Flüchtlinge

Doch die Bewohner würden auch dazu angehalten, zur Hygiene in ihrer Unterkunft beizutragen, wie es vom DRK heißt. Jeden Donnerstag müssten sie sich am Putzen und Aufräumen der Zelte beteiligen, und wenn die Tische nach den Mahlzeiten nicht abgeräumt und abgewischt werden, stoppt das DRK auch mal kurzzeitig die Essensausgabe. „Dann werden einige schon aggressiv“, sagt Flüchtling Nizar. Doch das DRK hält die Erziehungsmaßnahme für gerechtfertigt.

Weitaus mehr als die ungebetenen Mitbewohner und die fehlende Privatsphäre belastet die Flüchtlinge aber ihre ungewisse Zukunft. Denn zuerst will die Stadt die Flüchtlinge aus den Turnhallen in Heimen unterbringen, erst dann kommen die Männer aus den Notunterkünften an die Reihe.

Der Syrer Nizar wartet seit mehr als einem halben Jahr auf Papiere und den Umzug in eine dauerhafte Unterkunft. „Ich kann nirgendwo hin. Und Arbeit bekomme ich auch nicht. Nicht einmal als Putzkraft.“ Dem studierten Betriebswirt würde es mittlerweile aber schon reichen, wenn er endlich ein Zimmer in einem Heim bekommt. „Eine Tür, die man zumachen kann, damit man nicht ständig gestört wird, das wäre schön.“

Von Isabel Christian, Andreas Schinkel und Jutta Rinas

Notquartiere räumen

Hannovers Notunterkünfte sollen Schritt für Schritt geräumt werden. Derzeit setzt die Stadt alles daran, die mit Flüchtlingen belegten Turnhallen zu leeren, sodass Schulsportstätten nach den Ferien wieder für Schul- und Vereinssport zur Verfügung stehen. Bei der Feuerwehrsporthalle An der Klappenburg klappt das wohl erst in der zweiten Jahreshälfte, aber etwa die Halle im Franziusweg wird nächste Woche geräumt. Bald sollen dann auch die großen provisorischen Sammelunterkünfte in Badenstedt und Vahrenheide sowie der Deutsche Pavillon geräumt werden. Im Juni sollen die ersten von bis zu 550 Asylsuchenden im ehemaligen Maritim Grandhotel einquartiert werden. Zugleich will die Stadt darauf achten, dass Flüchtlinge nicht zu lange in den Großunterkünften leben müssen. Daher hält sie trotz sinkender Flüchtlingszahlen am Bauprogramm für Wohnheime und Wohngruppen fest. Entlastung für die Notunterkünfte bietet auch das neu eröffnete Heim alten Altenpflegezentrum Wichernstift. 130 Plätze stehen demnächst in einem Containerdorf in der Feodor-Lynen-Straße zur Verfügung. Noch im Sommer werden weitere Einrichtungen in der Karlsruher Straße und Wülferoder Straße mit einer Gesamtkapazität von bis zu 230 Plätzen den Betrieb aufnehmen.

asl

 

Kein Bedarf mehr?

Die Region hatte den Kommunen im Umland vor einiger Zeit ein Angebot gemacht: Sie baut auf ihre Kosten Flüchtlingsheime in Modulbauweise, wenn die jeweilige Stadt ein Grundstück stellt. Derzeit entstehen so zwei Unterkünfte in Barsinghausen (insgesamt rund 230 Plätze) und eine in Burgdorf (rund 210 Plätze). Wie Regionssprecherin Sonja Wendt gestern sagte, nehmen derzeit keine weiteren Kommunen das Angebot in Anspruch.
Die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in Garbsen in den ehemaligen Arvato-Hallen steht seit Ende Februar leer. Ob die Einrichtung jetzt geschlossen wird, steht noch nicht fest, denn Niedersachsen will landesweit 32 500 Plätze als stille Reserve vorhalten. Die Arvato-Hallen sollten eigentlich für bis zu 600, zu einem späterem Zeitpunkt für bis zu 1000 Flüchtlinge ausgebaut werden. In Langenhagen baut die Stadt derzeit drei Flüchtlingsunterkünfte, diese sollen später als preiswerte Wohnungen genutzt werden. Lehrte hat dagegen den Bau von zwei geplanten Heimen auf Eis gelegt.
Die vergleichsweise ruhige Phase derzeit soll aus Sicht der Region von den Städten und Gemeinden genutzt werden, um den Bedarf zu klären, sagt Sprecherin Wendt. Aktuell sieht es so aus, dass nach Fertigstellung der noch ausstehenden Flüchtlingsunterkünfte ausreichend Kapazitäten vorhanden sind.

mak/HZ

 

Streit um Jugendunterkunft

Heftigen Streit gab es Mittwoch im Bauausschuss um die geplante Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Bemeroder Heymesstraße. 2015 hatte die Stadt dort für 1,6 Millionen Euro ein villenartiges Anwesen gekauft. Sie will dort 16 minderjährige Flüchtlinge unterbringen, die nicht in Sammelunterkünfte dürfen. Ein Anlieger klagte, weil die Stadt sich nicht an den eigenen Bebauungsplan gehalten habe. Der erlaubt im Wohngebiet keine Sozialeinrichtungen, worum es sich faktisch handele. Ein Gericht gab ihm Recht.

Dass die Stadt zunächst etwas nicht Rechtmäßiges geplant habe und nun den Bebauungsplan nachträglich ändern wolle, habe „mehr als nur ein Geschmäckle“, schimpfte CDU-Ratsherr Felix Blaschzyk. Andere Bauherren bekämen in solchen Fällen eine Abrissverfügung. FDP-Fraktionschef Wilfried Engelke schloss sich mit gemäßigteren Worten an. Auch Linken-Ratsherr Oliver Förste kritisierte das Verfahren, stimmte am Ende aber zu, weil die Unterbringung nunmal nötig sei. Michael Dette (Grüne) und Jürgen Mineur (SPD) unterstützten die Position der Stadt: Das 2013 geänderte Baurecht lasse Sozialeinrichtungen in Wohngebieten zu, die Stadt aktualisiere nur den Bebauungsplan. Stadtbaurat Uwe Bodemann verbat sich „Diffamierungen“ der Verwaltung: Dass man der Politik eine Bebauungsplan­änderung vorschlage, sei Tagesgeschäft – beschließen müsse der Rat. Wie erwartet stimmte die Mehrheit zu.

med

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