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Mahnende Worte zum Auftakt

„Woche der Brüderlichkeit“ Mahnende Worte zum Auftakt

Zum Auftakt der „Woche der Brüderlichkeit“ sprach sich Bundespräsident Joachim Gauck gegen Fremdenfeindlichkeit aus. Auch Hannovers frühere Landesbischöfin Margot Käßmann und Landesrabbiner Henry G. Brandt fanden klare Worte. Die Buber-Rosenzweig-Medaille wurde an den Publizisten Micha Brumlik verliehen.

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„Zu unseren Werten gehört die Religionsfreiheit – und die Freiheit auch ohne Religion zu leben“: Bundespräsident Joachim Gauck (r.) mit dem Preisträger der Buber-Rosenzweig-Medaille, Micha Brumlik.

Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Hannover. Der Geruch von Kölnisch Wasser hängt im Raum. Selbst in den oberen Rängen des vollbesetzten Theaters am Aegi. Unten sortieren sich die Honoratioren, schauen, wohin man sie platziert hat an diesem Vormittag, an dem sogar der Bundespräsident in Hannover erscheint. Der Landtagsabgeordnete Michael Höntsch (SPD) sucht lange nach seinem reservierten Platz. Landesbischof Ralf Meister erscheint im Lutherrock, sein katholisches Gegenüber Norbert Trelle im schlichten schwarzen Anzug. Viele Rabbiner tragen die Kippa. Gleich wird die „Woche der Brüderlichkeit“ im Theater eröffnet. Versöhnung in Vollendung. Das fröhliche Geschnatter auf allen Rängen er­stirbt in weihevoller Stille, als sich der gesamte Saal erhebt: „Meine Damen und Herren, der Bundespräsident.“ Gottlob legt sofort das Landesjugendjazzorchester Windmaschine unter der Leitung Bernhard Mergners los. Jetzt liegt Swing in der Luft, Swing vom Feinsten.

In Hannover ist am Sonntag die Woche der Brüderlichkeit eröffnet worden. Auch Bundespräsident Joachim Gauck sprach bei der zentralen Eröffnungsveranstaltung.

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Dann trippelt die Moderatorin auf die Bühne. „Mein Name ist Gundula Gause“, sagt sie „Sie könnten mich aus dem ,heute-journal’ kennen.“ Das „ZDF“ überträgt live. Die meisten kennen auf jeden Fall die kleine schwarzhaarige Frau im Coco-Chanel-Look, die jetzt vorne neben dem Preisträger Micha Brumlik Platz nimmt: Margot Käßmann, Hannovers frühere Landesbischöfin. Sie wird gleich in ihrer Laudatio zeigen, warum manche sie für eine begnadete Rednerin halten. Ein paar Fans hat Käßmann aus der Marktkirche mitgebracht, wo sie schon am frühen Morgen predigte.

In 37 Jahren nur zweimal Hannover?

Es sind nicht wenige Prediger im Raum. Doch zunächst betritt Rabbiner Henry G. Brandt die Bühne. Sein rollendes R. kennen alte Hannoveraner noch aus früheren Zeiten, als er Landesrabbiner Niedersachsens war. Seit 35 Jahren ist Brandt, der mit seinen 88 Jahren einen Stock braucht, einer der Präsidenten der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die jedes Jahr die Buber-Rosenzweig-Medaille verleiht. Diesmal in Hannover, wo sie erst zum zweiten Mal die „Woche der Brüderlichkeit“ eröffnen. In 37 Jahren nur zweimal Hannover? Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil wird das später launig kritisieren. Auch wenn er nicht mehr Hannovers Oberbürgermeister ist, tritt er gerne so auf.

Gauck tut, was man von einem anständigen Bundespräsidenten erwartet: Er warnt vor wachsender Unbarmherzigkeit in der gesellschaftlichen Diskussion, erinnert daran, warum sich Juden und Christen nach dem Krieg zusammenfanden, um sich „brüderlich“ die Hand zu reichen. Doch heute? Unendlich fern erscheint angesichts aktueller Zerwürfnisse über die Flüchtlingspolitik die Europa-Hymne: „Alle Menschen werden Brüder ...“ „Hass und wachsende Unbarmherzigkeit können wir nicht akzeptieren“, sagt der Bundespräsident an die Adresse von Pegida und Fremdenfeinden. Der Saal applaudiert heftig. „Zu unseren Werten gehört die Religionsfreiheit – und die Freiheit auch ohne Religion zu leben“, sagt er. Nochmal Beifall.

Käßmann lobt Widerspruchslust des Preisträgers

Und vorsichtig empfiehlt der Festredner, auch die Moslems in die geschwisterlichen Kreise aufzunehmen. Ausdrücklich würdigt er die Auszeichnung des Moslems Navid Kermani 2011 mit der Buber-Rosenzweig-Medaille. Sein Satz über das Jugendjazzorchester Niedersachsen, auf das das Land „stolz sein kann“ steht nicht im Redemanuskript, an das sich der Bundespräsident sonst haargenau hält.

Margot Käßmanns Redevorlage scheint in etlichen Disputen mit dem Preisträger entstanden. Denn sie lobt die Widerspruchslust und den Geist des Preisträgers, „der einfach keine Ruhe“ gebe und ein „Agitator“ sei, „der die Sache auf den Punkt und andere auf die Palme bringt“. „So sehen Reformatoren aus, auch wenn Sie das nicht mögen“, sagt Käßmann an die Adresse Brumliks. Und nicht nur den Saal amüsiert diese schwungvolle Laudatio, auch den 68-jährigen Preisträger.

Zum Schluss hat Micha Brumlik selbst das Wort. Er fürchtet, dass die Flüchtlingskrise die EU zerbrechen lässt, lobt Bundeskanzlerin Merkel für ihren Kurs und warnt alle Bürger davor, die AfD zu wählen, weil diese rechtsextreme Positionen vertrete. „Man muss mit jedem einzelnen immer wieder diskutieren.“ Da ist der Beifall im Saal etwas schwächer. Die „Windmaschine“ wird angeworfen. Mit wunderbarem Swing.

Christen und Juden in Andacht vereint

Als Landesrabbiner Henry G. Brandt die Stufen zum Altarraum erklimmt, eilt Landesbischof Ralf Meister herbei, um ihn zu stützen. Doch der Eindruck der Gebrechlichkeit währt nur einen Moment. Brandt findet Sonnabend bei der christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier in der Neustädter Hof- und Stadtkirche glasklare Worte, mit denen er unmenschliches Handeln im Namen der Religion geißelt. Fundamentalistische Positionen, egal in welcher Konfession oder Religion, benennt Brandt als Grundlage für die Ausgrenzung anderer bis hin zum Mord an Andersgläubigen. „Es ist bemerkenswert, wie viele Menschen glauben, den Willen Gottes genau zu kennen: Wann und wo wir beten, was wir essen, wer mehr und wer weniger darf und wie viel man Frauen erlauben darf oder nicht.“ Die christlichen Kreuzfahrer, die auf dem Weg ins heilige Land Juden in den Gettos europäischer Städte ermordeten, nennt Brandt dabei neben dem islamistischen Extremisten, der „Allah lobt und einem anderen Menschen die Kehle durchschneidet“.

Die gemeinsame Feier von Juden, Katholiken und Protestanten gehört zu einer ganzen Reihe von Veranstaltungen, die die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zur Woche der Brüderlichkeit veranstalten. In der Neustädter Hof- und Stadtkirche sind für die gemeinsame Andacht zahlreiche Menschen zusammengekommen, die sich seit Langem für die Verständigung zwischen den Religionen einsetzen. „Manche haben mehr als die Hälfte ihres langen Lebens an der christlich-jüdischen Verständigung gearbeitet“, sagt der evangelische Landesbischof Meister. Diözesan­bischof Norbert Trelle erinnert an die jüdischen Wurzeln des Christentums. Meister spricht von der im Dritten Reich zerstörten hannoverschen Hauptsynagoge. Heute gebe es zwei Synagogen, die vorher evangelische Kirchen waren. „Das dies wie eine Selbstverständlichkeit erscheint, ist ein Zeichen der Verständigung.“ Die Andacht vereint christliche und jüdische Elemente: Den Segen erteilen am Ende Brandt, Trelle und Meister in zwei Sprachen. Der Europäische Synagogalchor verleiht der Feier zusätzlich Glanz.     

Von Bärbel Hilbig

Rund 60 Veranstaltungen zur Brüderlichkeit

Die Woche der Brüderlichkeit unter dem Motto „Um Gottes Willen“ geht weiter. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hannover bietet mit 25 Gruppen aus Kirchen, Synagogen und Bildung bis Juni rund 60 Veranstaltungen an. Eine Auswahl:

  •  Ein öffentliches Treffen von Rabbinern und Bischöfen beginnt am Montag um 18 Uhr im Neuen Rathaus und beschäftigt sich mit der Frage der Integration angesichts verstärkter Zuwanderung. 
  • Zum Thema „Um Gottes Willen“ haben Schüler der St.-Ursula-Schule Kunstwerke gestaltet. Die Ausstellung im Bürgersaal des Neuen Rathauses, Trammplatz 2, ist bis Freitag, 11. März, montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
  • Rabbiner Gabor Lengyel beantwortet am Mittwoch, 9. März, um 18 Uhr Fragen zum Judentum (Liberale Jüdische Gemeinde, Fuhsestraße 6).

Alle Termine auf cjz-hannover.de, für viele ist eine Anmeldung erforderlich.

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