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Aus der Stadt „Ich war auch so bekloppt“
Hannover Aus der Stadt „Ich war auch so bekloppt“
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00:16 14.08.2016
Von Uwe Janssen
„Er hat entschieden, wie ich es auch getan hätte“:  Quelle: Archiv/dpa
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Herr Toba, Ihr Sohn hat in Rio trotz eines Kreuzbandrisses weitergeturnt und der deutschen Mannschaft ins Teamfinale geholfen. Wie haben Sie die dramatische Verletzung erlebt?

Ich habe es live in Fernsehen gesehen. Als er die Reck-Übung zum Start bei all seinen Emotionen gut geturnt hatte, dachte ich: Die Boden-Übung muss er jetzt schon richtig machen. Und dann gleich bei der ersten Bahn das! Ich dachte: Das gibt es doch nicht! Aus meiner Sicht wollte er die Beine zusammenhalten, beim Bodenkontakt hat er das rechte Knie nach innen geschoben, und dann hat er Druck vom Boden bekommen. Es war einfach Pech. Er war topfit.

Als Andreas zusammenbrach, wussten Sie als ehemaliger Turner, was da kaputt ist?

Ja. Ich habe das Knie wegknicken sehen und dachte: Scheiße, entweder Kreuzband oder Meniskus.

Was haben Sie gedacht, als er trotz dieser schweren Verletzung ans Pauschenpferd gehumpelt ist?

Das hat gezeigt, dass er mein Sohn ist. Ich war auch so bekloppt, also, nicht bekloppt … so verrückt. Das Pauschenpferd ist kein Risikogerät, bei dem man aus fünf Metern Höhe landen muss. Ich habe nur gehofft, dass er sich nicht mit dem Knie an den Pauschen stößt, denn das ist schmerzhaft. Aber er hat gut mit den Armen gedrückt, das war alles okay.

Zur Person: Marius Toba

Marius Toba, 1968 im rumänischen Resita geboren, startete zunächst für sein Heimatland, seit 1992 für den Deutschen Turnerbund und nahm an drei Olympischen Spielen teil. Im Jahr 2000 in Sydney wurde er 6. im Finale an seinem Paradegerät, den Ringen, an denen er 1996 Vizeeuropameister wurde. Für den Turn-Klubb Hannover holte er insgesamt 14 Deutsche Meisterschaften.

Haben Sie auf die Ärzte geschimpft, weil die ihn ans Gerät lassen?

Links und rechts kann jeder reden, was er will. Aber man hat so viel Adrenalin, man ist so fokussiert, diese Leistung zu zeigen, dass es in dem Moment keine Rolle spielt, was andere sagen. Die Ärzte wollten ihn nicht weiterturnen lassen, aber er hat gewusst, dass er am Pauschenpferd der Beste ist und dem Team helfen muss, ins Finale zu kommen.

Hätten Sie ihm als Vater abgeraten, wenn Sie vor Ort gewesen wären?

Ich habe 32 Jahre geturnt und bin 21-mal operiert worden. Ich kenne meinen Körper und glaube auch zu wissen, was ein anderer in einer solchen Situation fühlt. Ich hätte ihn gefragt, ob er weiterturnen will oder nicht. Aber ich hätte ihm die Entscheidung überlassen.

War es klar, dass Sie ihn nicht nach Rio begleiten?

Ich hätte nicht in den Innenraum gedurft, das ist streng geregelt. Und auf der Tribüne hätte ich es kaum ausgehalten.

Was ist das für ein Gefühl, am Bildschirm zu sitzen und den Sohn weinen zu sehen?

Ich habe natürlich mitgelitten. Ich konnte ihn nicht anrufen, es war ja live. Das war schon schwer. Nach dem Wettkampf hat er sich dann gleich gemeldet. Er hatte Tränen in den Augen, aber er wollte keine Schwäche zeigen.

An den Folgetagen war er immer auf Krücken bei der Mannschaft, hat die Kollegen abgeklatscht und getröstet. Brauchte er das?

Ja, unbedingt. Es war wichtig für ihn, weiterhin ein Teil der Mannschaft zu sein und nicht als Verletzter irgendwo in der Ecke zu stehen.

Hätten Sie genauso gehandelt in einer ähnlichen Situation?

Habe ich! Bei Olympia 1996. In der Qualifikation ist mein Schultergelenk kaputtgegangen. Nur die Bizepssehne war noch ganz. Alle Bänder waren ab. Ich konnte mir im Finale die Hände nicht mal richtig mit Magnesia einreiben. Aber ich bin angetreten. Mein Arzt hat hinterher in Hannover gefragt, wie ich mit diesen Schmerzen turnen konnte. Ich weiß es bis heute nicht.

Andreas hat direkt nach dem Wettkampf gesagt, es habe für ihn nicht infrage gestanden, weiterzuturnen. Das hat er also von ihnen.

Könnte sein. Ich will uns jetzt nicht vergleichen, aber ich bin schon stolz. Er hat entschieden, wie ich es auch getan hätte.

Was überwiegt - die Enttäuschung, dass er nicht weiterturnen konnte, oder der Stolz, dass er sich für die Mannschaft eingesetzt hat?

Er hat so viel gearbeitet. Er war körperlich und psychisch in einer Top-Verfassung, er hat alles, was er vor Rio geturnt hat, gewonnen. Er wollte zeigen, dass die ganze Arbeit nicht umsonst war und er etwas erreichen kann. „Das wird mein Olympia“, hat er gesagt. Deshalb hat er auch geweint. Andererseits hat er gezeigt, dass er mit seiner Art trotzdem die Leute überzeugen kann. Er hat immer gesagt, dass er mich stolz machen will. Das hat er geschafft. Ich habe ihm gesagt, dass seine Einstellung mehr wert ist als eine Goldmedaille.

Wie geht es jetzt weiter?

Er wird in Bremen von Professor Michael Bohnsack operiert. Wann, das hängt davon ab, ob im Gelenk etwas entzündet ist. Ab Januar geht es dann langsam wieder los.

Wann sehen Sie Ihren Sohn endlich wieder?

Ich hole ihn am Montag vom Flughafen in Langenhagen ab.

Interview: Uwe Janssen

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