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Mediation ist bei Streit oft besser als Urteil

Konfliktlösung Mediation ist bei Streit oft besser als Urteil

Eine Mediation ist oft besser als ein Urteil. Doch die wenigsten machen davon Gebrauch. Ein neues Gesetz soll nun die Akzeptanz der Streitschlichtung stärken. In Hannover schaltete sich kürzlich ein Vermieter ein und schlug eine Mediation vor, bevor ein Streit zum Fall vor Gericht wurde.

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Rechtsanwältin Karin Hampe vom Arbeitskreis Mediatoren 11 sagt, sie habe die Methode zur Konfliktlösung wie ein Handwerk erlernt.

Quelle: Martin Steiner

Immer wieder stehen die verdreckten Schuhe vor der Tür, ärgert sich Herr Gottfried*. Peinlich ist das. Vor allem wenn Besuch kommt. Wie oft hat er Frau Fenske* von nebenan schon gesagt, dass sie die Schuhe aus dem Hausflur räumen soll. Aber sie ignoriert das einfach. Frau Fenske hat drei Kinder, sechs, acht und elf Jahre alt, sie ist alleinerziehend und berufstätig und sie sagt: „Die Kinder kommen und gehen. Da kann ich nicht jedes Mal die Schuhe hereinholen und putzen. Im Flur ist genug Platz dafür. Da müsse Herr Gottfried eben drüber hinwegsehen.“ Über Monate schwelte der Streit in dem Mehrfamilienhaus in Hannovers Oststadt. Irgendwann sprachen die Nachbarn keine Silbe mehr miteinander. Stattdessen schrieben sie sich böse Briefe, nicht nur der Schuhe wegen. Herr Gottfried schrieb, dass die Kinder wieder zu laut waren. Frau Fenske schrieb, Herr Gottfried habe zu nah an ihrer Garagenausfahrt geparkt. Der beschwerte sich im Gegenzug, die Nachbarin habe ihren Müll vor seiner Einfahrt entsorgt. Schließlich überzogen sie sich mit Anzeigen bei der Polizei. Bevor der Streit zum Fall vor Gericht wurde, schaltete sich der Vermieter ein und schlug eine Mediation vor: Die Nachbarn sollten sich mit einem unabhängigen Streitschlichter an einen Tisch setzen und nach einer Lösung suchen.

Für Karin Hampe und Michael Jacobskötter ist der Streit um die Schuhe ein Paradebeispiel für außergerichtliche Konfliktbewältigung. Die hannoverschen Rechtsanwälte sind beide ausgebildete Mediatoren. „Jeder Konflikt ist mediationsfähig“, glaubt Hampe. Obwohl die Erfolgsquote nach eigenen Angaben bei 80 bis 90 Prozent liege, mangele es noch immer an Akzeptanz für die außergerichtliche Einigung. Allein der Begriff sei schwierig, weil er oft mit der „Meditation“, der spirituellen Praxis zur Bewusstseinserweiterung, verwechselt werde: „Viele denken da an Hexenküche“, hat Hampe festgestellt.

So landen die meisten Konflikte, egal ob groß oder klein, früher oder später vor Gericht: Eltern streiten um das Sorgerecht, Familien um das Erbe, Nachbarn und Betriebe um Lärmgrenzen, Geschäftspartner um Vertragsformulierungen, Bauherren und Handwerksfirmen um Mängel, Patienten und Kliniken um Haftungsfragen.

Gerade in Zeiten überlasteter Gerichte gewinnt die Mediation an Gewicht. Nach dem Willen der Bundesregierung sollen künftig mehr Streitigkeiten außergerichtlich beigelegt werden. Im Januar hat das Kabinett einen entsprechenden Gesetzesentwurf von Justizministerin Sabine Leutheuser-Schnarrenberger zur Stärkung der Mediation beschlossen. Sie soll vor allem in arbeitsrechtlichen und zivilrechtlichen sowie Sozialgerichtsverfahren zum Einsatz kommen. „Gerade in hochemotionalen Familienkonflikten bietet die Mediation große Chancen“, warb Leutheuser-Schnarrenberger.

Dem widerspricht allerdings die hannoversche Familienrechtlerin Margarete Fabricius-Brand: „Gerade hochstreitige Verfahren sind für die Mediation nicht geeignet.“ Sowohl in Sorgerechts-, als auch bei Unterhaltsfällen säßen die Verletzungen zwischen den Expartnern oft so tief, dass Auseinandersetzungen nicht durch Gespräche beigelegt werden könnten. „Da braucht es eine autoritäre Entscheidung, um einen Endpunkt setzen zu können.“ Bei weniger verhärteten Fronten spricht aber auch sie sich für die schlichte Lösung aus. Die Mediation biete die Möglichkeit, ein Verhältnis langfristig zu befrieden. „Es genügt manchmal schon, wenn die einstigen Partner dann zugeben: „Unsere Ehe war nicht nur ein Scherbenhaufen.“

Vor diesem Hintergrund, sind sich die Juristen einig, ist das Gesetz überfällig. Viele Bundesländer haben in den vergangenen zehn Jahren schon mit Schlichtungs- und Mediationsverfahren experimentiert – insbesondere Niedersachsen: Als erstes Bundesland initiierte Niedersachsen 2002 ein Projekt zur sogenannten gerichtsnahen Mediation – eine Vermittlung, die dann ansetzt, wenn bereits eine Klage anhängig ist. Sowohl das Amts- und das Landgericht, als auch alle hannoverschen Fachgerichte bieten die Form der ganzheitlichen Konfliktlösung an. Kann im Gespräch eine Einigung erzielt werden, wird der Mediator zum Richter, er protokolliert das Ergebnis und gibt den Parteien einen vollstreckbaren Titel an die Hand. Scheitert die Vermittlung, darf er nicht selbst als Richter in dieser Sache entscheiden, sondern muss das Verfahren an eine andere Kammer abgeben. Seit September 2009 bietet das hannoversche Amtsgericht die gerichtsnahe Mediation in anhängigen Zivil- und Familiensachen auf Vorschlag des zuständigen Richters sogar kostenlos an. „Bei der Mediation werden die Verfahren schneller erledigt, und sie bietet die Chance für eine große Lösung“, sagt Gerichtssprecher Marco Hartrich. Das unentgeltliche Angebot hat jedoch zum Unmut unter Rechtsanwälten geführt, die sich auf Mediation spezialisiert haben und Stundensätze von 150 bis 250 Euro verlangen. Die Anwälte werfen den Richtern vor, ihre Robe nicht wirklich ablegen zu können und zu sehr in die Entscheidungsfindung einzugreifen. Hartrich verweist dagegen auf die Zusatzausbildung, die die derzeit sechs Richtermediatoren am Amtsgericht absolviert haben.

Geschützt ist die Bezeichnung Mediator nicht – und soll es nach dem geplanten Gesetz auch nicht werden. „Wir brauchen aber dringend verbindliche Qualifikationen“, fordert Mediatorin Hampe, die sich über die Rechtsanwaltskammer Celle 200 Stunden weitergebildet hat. Sie bemängelt etwa, dass die Mediation mit der Schlichtung und Mediatoren mit Schiedsleuten in einen Topf geworfen werden würden. „Dabei ist die Mediation ein strukturiertes Verfahren, wir arbeiten mit erlernten Methoden, um die Nuss zu knacken.“ Rückendeckung gibt es dafür vom niedersächsischen Justizminister Bernd Busemann, der das Gesetz zwar als „Meilenstein“ bezeichnet, aber das ihm nicht weit genug geht. So fordert auch Busemann etwa eine einheitliche Zertifizierung für Mediatoren.

Im Fall der Schuhe gelang die Vermittlung. Nach der zweistündigen Mediation haben sich Herr Gottfried und Frau Fenske gütlich geeinigt. Die dreifache Mutter hat sich bereit erklärt, einen Schrank in den Flur zu stellen, in den sie die schmutzigen Schuhe stellt. Zwei Stunden hat es gedauert, bis die Nachbarn die Lösung gefunden haben – es galt, einigen angestauten Ärger abzubauen.

*Namen geändert

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