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Aus der Stadt Mehr traumatisierte Flüchtlingskinder in Schulen
Hannover Aus der Stadt Mehr traumatisierte Flüchtlingskinder in Schulen
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00:26 23.10.2015
Von Gunnar Menkens
Bei der Feier zum einjährigen Bestehen des Netzwerkes Anfang Oktober sprach Sozialministerin Cornelia Rundt.  Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Eine Sprachlernklasse in Hannover, Peter-Ustinov-Hauptschule in Ricklingen. Eigentlich sollen hier höchstens 16 Flüchtlingskinder Deutsch lernen, aber natürlich sind es einige mehr. Acht Jungen und Mädchen, sagt Schulleiterin Karin Haller, sind traumatisiert. Der Junge, der gezwungen wurde, bei öffentlichen Enthauptungen zuzusehen. Das Mädchen, das gemeinsam mit seiner Familie aus Syrien über das Mittelmeer in die Türkei floh, von dort aber ohne Vater und Mutter nach Europa weiterreisen musste. Eine 13-Jährige, die plötzlich auf dem lauten und unübersichtlichen Schulhof umkippt, für einen Moment ist sie ohnmächtig, ein Arzt konnte später keinen medizinischen Grund feststellen.

Schulleiterin Haller hat noch Glück, sie kann im Umgang mit den Kindern auf die Hilfe einer Arabisch sprechenden Integrationslotsin vertrauen. Dennoch sagt sie: „Die Lage hat sich zugespitzt.“ Es kommen mehr Flüchtlinge und damit auch mehr seelisch verletzte Kinder, nicht nur in ihre Schule. Für manche ist nur Platz im regulären Unterricht. Dort sitzen sie dann, ohne zu verstehen, was passiert. Ihre Erfahrung ist, dass traumatisierte Kinder, die sich durch Sprache nicht ausdrücken können, verstummen oder sich durch Aggressivität äußern.

Junge Flüchtlinge stellen Pädagogen oft vor Probleme. Erfahrung im Umgang mit möglicherweise traumatisierten Kindern gehört bei Lehrern, Erziehern und Sozialarbeitern kaum zum Standardwissen. Schwierigkeiten, die bisher meist in Schulen auftauchten, dürften demnächst auch Kindertagesstätten erreichen, wenn allmählich manche der 533 Jungen und Mädchen zwischen null und drei Jahren Kitas besuchen werden.

Vielleicht ein guter Moment, um pädagogischen Fachkräften Hilfe anzubieten. Das jedenfalls war die Überlegung beim Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Hannover. Deshalb sitzt nun Sohila Abtehi, selbst Therapeutin, einmal in der Woche am Telefon und wartet auf Anrufer. Es geht um Antworten auf Ungewissheiten, darüber, woran Betreuer erkennen können, ob ein Kind therapeutische Hilfe benötigt. „Oft geht es um auffälliges Verhalten von Kindern und Fragen, ob etwa ein Arzt nötig ist“, sagt Abtehi nach den ersten Stunden ihrer Sprechzeit. Sie gibt Antworten darauf und weiß, wo es Hilfe geben könnte, in Hannover und ganz Niedersachsen. Manchmal wird professionelle Hilfe benötigt, manchmal genügt es, einen Dolmetscher zu vermitteln oder Adressen für Unterstützung zu nennen. Sohila Abtehi will auch helfen, wenn es etwa Probleme mit Eltern gibt oder fraglich ist, welche Bedeutung der Aufenthaltsstatus eines Kindes hat.

Mehr Zeit für traumatisierte Schüler zu haben, das ist der Wunsch von Schulleiterin Karin Haller. Sie stellt sich eine Betreuung vor, die mit dem üblichen Druck in der Schule nichts zu tun hat. „Lerninseln“, sagt Haller, ein Ort, wo Kinder „Zeit haben, anzukommen, wo sie leben lernen, Sprache lernen, unabhängig von Druck und Pausenklingel“, mit therapeutischer Behandlung. Es wäre eine Art Schulversuch. Sie ist gerade unterwegs bei den zuständigen Stellen, um ihr Ziel zu erreichen. Das nähere Alltagsproblem ist aber, dass die Stelle der Integrationslotsin vielleicht nicht verlängert wird.

Die Telefonberatung des Netzwerkes für traumatisierte Flüchtlinge findet jeweils mittwochs statt unter der Nummer (05 11) 85 64 45 13. Schriftliche Anfragen per E-Mail an fluechtlingskinder@ntfn.de

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