Volltextsuche über das Angebot:

21°/ 12° Regenschauer

Navigation:
So lebte die Attentäterin Safia S. in Hannover

Zwischen Religion und Männerwirtschaft So lebte die Attentäterin Safia S. in Hannover

Aus welchen Verhältnissen stammt die 15-Jährige, die am Hauptbahnhof einen Polizisten niederstach? Der Versuch einer Annäherung an das Leben von Safia S.

Voriger Artikel
HAZ live: Das war der Morgen in Hannover am 10. März 2016
Nächster Artikel
Härteres Vorgehen gegen Fußball-Chaoten

„Sie war ein ganz ruhiges Mädchen“: Verwandte und Bekannte beschreiben Safia S., nach deren möglichen Begleitern weiter gefahndet wird, als lieb und unauffällig. Doch plötzlich stach sie im Bahnhof zu.

Quelle: Christian Elsner HAZ/NP

Hannover. Ich fand, sie war ein ruhiges Mädchen. Sie war nett, sie war schlau. Man konnte sich gut mit ihr unterhalten.“ Die junge Frau, die das sagt, kennt Safia S. gut. Sie kennt die 15-Jährige, die einen Polizisten im Hauptbahnhof mit einer Messerattacke schwer verletzt hat, noch aus der Zeit, als die Menschen von ihr noch nicht als von dem „Terror-Mädchen“, von der „Isis-Anhängerin“ sprachen. Sie war mit ihr befreundet, stand ihrer Familie, ihren Brüdern nahe, verbrachte sogar einmal einen Urlaub mit ihr. Dennoch bemerkte sie nichts davon, dass das Leben der 15-Jährigen irgendwann aus dem Ruder lief. „Sie war nie gewalttätig, und sie hat ganz sicher nicht geplant, am Bahnhof einen Polizisten abzustechen“, sagt die Freundin - und vermutet, dass Safia sich durch Videos und Aufrufe im Internet vom IS („Islamischer Staat“) so radikalisieren ließ, dass sie irgendwann versuchte, nach Syrien auszureisen.

Eine 15-Jährige hat im Hauptbahnhof einen Beamten der Bundespolizei mit einem Messer attackiert und schwer verletzt.

Zur Bildergalerie

Es sind immer wieder dieselben Sätze, die man zu hören bekommt, wenn man mit Menschen aus dem Umfeld der 15-Jährigen spricht, deren Tat und möglicher islamistischer Hintergrund im Moment in ganz Deutschland für Erschrecken sorgen. Fragt man Schüler, die sie kennen, wird sie als eher still, zurückhaltend beschrieben. Es gibt Lehrer, die davon zu erzählen wissen, dass sie durchaus auch mal zickig war, dass sie sich in ihren Mädchengruppen - Unauffälligkeit hin oder her - durchaus zu behaupten wusste. Aber Gewalttätigkeiten? Religiöser Fanatismus? Selbst ihr Vater, der sich inzwischen im NDR-Fernsehen geäußert hat, sagt dazu: nein. Mohammed Robin S., der deutsche Vater Safias, ist zum Islam konvertiert. Die Eltern trennten sich früh. Danach wuchsen Safia und ihre beiden Brüder lange Zeit bei der Mutter auf. Die Kinder seien viel gezwungen worden, den Koran zu lernen, sagt Mohammed Robin S. Safia habe den IS auch mal erwähnt. Er, der Vater, aber habe ihr klipp und klar gesagt, dass das mit dem Islam nichts zu tun habe.

Fand er es nicht problematisch, dass seine Tochter schon als kleines Mädchen mit dem Salafistenprediger Pierre Vogel auftrat? Es gebe auch welche, die öffentlich aus der Bibel rezitierten. Es rechne ja keiner damit, dass jemand, der aus dem Koran zitiere, so etwas Grausames mache. Solche Sachen sagt der Vater, wenn er das gefragt wird.

Ein unauffälliges Leben mitten in Hannover

Wer versucht, mit den Eltern zu sprechen, merkt schnell, dass ein tiefer Riss durch die getrennt lebende Familie ging. Schon an den äußeren Lebensumständen kann man festmachen, wie verschieden Mutter und Vater offenbar sind. Ordentlich und sauber ist das Haus, in dem Hasna L. lebt, der Rasen im Hinterhof ist akkurat gemäht. Völlig unauffällig sei die Mutter, man habe kaum bemerkt, dass sie oder ihre Kinder da waren, sagen Nachbarn. Hasna L. selbst macht, wenn man klingelt, nicht auf. Dabei wäre sie vermutlich die einzige, die etwas Licht ins Dunkel bringen könnte.

Die streng religiöse, aus Marokko stammende Frau, die in den Schulen ihrer Kinder immer in langen Gewändern, bis auf das Gesicht ganz verschleiert, erschien, holte die Tochter immerhin aus der Türkei zurück, weil sie einen IS-Hintergrund vermutete. Sie war es, die nach Angaben aus ihrem Umfeld vor allem mit der Tochter regelmäßig die Moschee aufsuchte. Sie kennt also auch das religiöse Umfeld der Tochter gut.

Besucht man hingegen den Vater, der um die Ecke wohnt, stößt man im Hinterhof zunächst auf ein paar herumstehende Einkaufswagen aus dem Supermarkt. Aufgeplatzte gelbe Müllsäcke liegen am Boden. Vor der Einliegerwohnung des Vaters steht ein riesiges, selbst gebautes Piratenschiff aus Holz. Einen vergitterten Auslauf für seine Katze, so groß wie ein Zimmer, hat er an seine Wohnung angebaut. Wie eine unbürgerliche Enklave mitten in einem eigentlich gutbürgerlichen Stadtteil wirkt das. Fantasievoll, aber auch ein bisschen abgewrackt, kaputt.

Bruder wollte sich dem IS anschließen

Drinnen herrschen Enge, Chaos, Männerwirtschaft. Dennoch zog der ältere Bruder Safias, Saleh, nach einem Streit mit der Mutter dort ein, nachdem er auch von seinem zweiten Gymnasium abgehen musste. Er war schulisch endgültig gescheitert.

Auch er hat sich radikalisiert, sitzt mittlerweile in der Türkei in Untersuchungshaft, weil er sich dem IS anschließen wollte. Auch ihm habe man menschlich nichts angemerkt, sagt eine enge Freundin, die „oft mit ihm abhing“. Dass er nicht nur wegen der Noten, sondern auch wegen anderer Sachen Probleme in der Schule hatte, hört man aus seinem Umfeld. Dass er dort heimlich mit Freunden Alkohol trank beispielsweise. Und erwischt wurde.

Aber solche Probleme sind nicht untypisch für pubertierende Jungen. Ansonsten ähnelt das Bild, das sich seine Mitschüler von ihm machten, dem Safias. Ein lieber Junge sei er gewesen, niemand habe sich vorstellen können, dass er sich irgendwann für den Dschihad bereitmachen würde. Nie habe er über den IS gesprochen. Hellhörig wurden Mutter und Vater erst, als der Junge irgendwann seinem Vater Geld für eine Reise klaute und mitsamt Roller und Navigationsgerät Richtung Türkei abhaute. Er kam nur bis Braunschweig. Dort griff ihn angeblich die Polizei auf, der Vater holte ihn zurück, machte ihm klar, dass er wegen des Vertrauensbruchs nicht weiter bei ihm wohnen dürfe.

Saleh zog zur Mutter zurück - und reiste kurze Zeit später wieder los. Richtung Syrien. Richtung Terror. Diesmal war das Ende seiner Reise die Türkei.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Attentat im Bahnhof
Tatort Hauptbahnhof: Hier stach die 15-jährige Safia S. auf einen Bundespolizisten ein.   Foto: Elsner

Auch zwei Wochen nach dem Messerangriff der 15-jährigen Safia S. auf einen Beamten der Bundespolizei im hannoverschen Hauptbahnhof wirft der Fall immer weitere Fragen auf. Hat die Attacke wirklich einen terroristischen Hintergrund?

mehr
Mehr Aus der Stadt

Sie wollen auch einen kleinen Beitrag leisten, um Flüchtlingen in der Region zu helfen? Dann sind Sie hier genau richtig. Das HAZ-Portal "Hannover hilft" bringt freiwillige Helfer aus der Bevölkerung und die professionellen Hilfsorganisationen zusammen – damit die Hilfe dort ankommt, wo sie benötigt wird. mehr

Anzeige
Fotoaktion beim Familienfest im Maschpark

Tausende Gäste haben das Familienfest zum Stadtjubiläum am Sonntag im Maschpark besucht. Viele von Ihnen haben sich und Ihre Familie vor der Madsack-Fotowand ablichten lassen – finden Sie sich wieder?