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So entkam Michael Davies dem Leben als Kindersoldat

Musik So entkam Michael Davies dem Leben als Kindersoldat

Michael Davies liebt die Musik. Sie hat ihm geholfen, seine Vergangenheit als Kindersoldat in Sierra Leone zu verarbeiten. Heute begleitet er als Integrationshelfer den autistischen Jungen Talha in der Schule. Im Jugendzentrum Linden hat er außerdem eine Inklusions-Band gegründet.

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Kennen sich seit dem vergangenen Sommer: Michael Davies hilft dem sechsjährigen Talha im Schulalltag.

Quelle: Wiechers

Hannover. Wenn er erzählt, fliegen auch schon mal die Hände in die Höhe. Die Finger tanzen durch die Luft, als wanderten sie über die Tasten eines Klaviers. Die Musik hat Michael Davies zurück ins Leben geholt. Damals, in der Therapie, nach Krieg und Flucht. Heute versucht er mit der Musik, Menschen zu berühren. Menschen wie Talha, die noch nicht wissen, wie sie mit ihrem Leben klarkommen sollen. Wenn Michael Davies mit dem Sechsjährigen nach der Schule auf Talhas Eltern wartet, dann trommeln sie manchmal mit den Händen auf ihren Oberschenkeln, spontan wie bei einer Jam-Session, und lachen. Es lenkt ab, und Talha braucht manchmal Ablenkung, um nicht wütend zu werden.

Beide haben sich vergangenen Sommer kennengelernt. Talhas türkischstämmige Eltern suchten einen Schulbegleiter für ihren autistischen Sohn, der kurz vor der Einschulung stand. Michael Davies, gebürtig in Sierra Leone, hatte gerade die Ausbildung zum Sozialassistenten am Diakonie-Kolleg abgeschlossen. Der Arbeiter-Samariter-Bund, der Schulbegleiter oder Integrationshelfer vermittelt und die Teams während des Schuljahrs betreut, brachte sie zusammen. Seitdem sitzt der 36-Jährige jeden Tag neben Talha im Unterricht; zweimal in der Woche sogar ganztags. Er beruhigt den Jungen, wenn er einen seiner Wutanfälle bekommt. Er hilft ihm, wenn er eine Aufgabe nicht versteht. Und er versucht, dem Sechsjährigen beizubringen, dass man nicht mit Schimpfwörtern um sich wirft und sich nicht prügelt, wenn man frustriert ist.

Michael Davies hat dies auch – unter Schmerzen – lernen müssen. Als er 16 Jahre alt war, lockte ihn ein Onkel unter einem Vorwand in die Kaserne und drückte ihm eine Waffe in die Hand. Fünf Jahre lang kämpfte er an vorderster Front als Kindersoldat gegen die Rebellen in seinem Heimatland Sierra Leone. „Schützt unser Land!“, hieß es. 2001, mit 21 Jahren gelingt ihm mithilfe von Schleusern die Flucht nach Deutschland, wo er Asyl beantragt. Fünf Jahre wartet er im Flüchtlingsheim in Bremen auf seine Anerkennung. Er ist aggressiv, fühlt sich verloren und plagt sich mit Albträumen.

Erst in einem Therapiezentrum, das auf die Behandlung von Flüchtlingen und Folteropfern spezialisiert ist, entdeckt er seine Liebe zur Poesie und zur Musik. „Ich sang meiner Therapeutin Songs von Chris de Burgh und Bryan Adams vor, für die ich lange geübt hatte, und das fand sie gut.“ Sie ermuntert ihn, Geschichten und eigene Songs zu schreiben. Er lernt Gitarre spielen und gründet mit einem Freund seine erste Band. „Eines Tages“, erzählt er, „wusste ich, dass ich nicht mehr zur Therapiestunde gehen muss, weil ich meinen Weg gefunden hatte.“

Heute, zehn Jahre später, versucht er, Kindern und Jugendlichen mit Handicaps zu vermitteln, was er damals gelernt hat. Wie wichtig es ist, die Menschen zu lieben und ihnen zu vertrauen, um am Ende sich selbst zu vertrauen. Seit zwei Jahren lebt er in Hannover. Im Jugendzentrum in Linden hat er eine neunköpfige Inklusions-Band namens KurzundKnapp gegründet. Es war kein Plan, eher eine spontane Idee, als er dort ein Praktikum absolvierte. Ein Junge mit Downsyndrom sitzt am Schlagzeug, ein Autist spielt Gitarre und Julia, die sich früher scheu im Hintergrund hielt, singt und tanzt mittlerweile auf der Bühne. „Jeder besitzt bestimmte Fähigkeiten, die man entdecken muss“, sagt Michael Davies.

Die Musik ist sein Hobby geblieben; sie hilft ihm, Energie zu tanken. Aber beruflich ist er längst auf anderen Wegen unterwegs. Neben dem Job als Schulbegleiter hat er erste Erfahrungen als Schauspieler gesammelt. In der Filmkomödie „Ostfriesisch für Anfänger“, die seit Ende Oktober in den Kinos läuft, spielt er an der Seite von Dieter Hallervorden einen Flüchtling, der Plattdeutsch lernt. An diesem Sonnabend präsentierte er dem hannoverschen Publikum im Astor-Kino nach der Vorstellung seinen Song „Ostfriesland Queen“, mit dem er sich als Bewerber um die Rolle beim Casting in Hamburg durchgesetzt hatte. Sein neues Projekt heißt „Mute“ und ist ein Science-Fiction-Film, den der britische Regisseur Duncan Jones derzeit in Babelsberg dreht.

Außerdem hat er zwei Bilderbücher in Arbeit. „Wo ist Lupsi?“, die Geschichte eines kleinen Drachen, ist bereits in Druck. Ein zweites, das vom Warten auf Regen berichtet, soll folgen. Die Buchidee ist Teil des Projekts „Entdeckungsreise nach Afrika“, mit dem er Kitas und Grundschulen besucht und das vom schwierigen Alltag der Kinder in Sierra Leone erzählt. Seine Kriegserlebnisse spart er dabei aus, aus Rücksicht.

Aber einmal im Jahr erinnert er an die Ängste, den Hass und die Gräuel von damals. Jedes Jahr beteiligt er sich am Internationalen Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten, dem Red Hand Day. „Es ist ein kleines Land, wo jeder jeden kennt“, sagt er. Ein geschundenes, verbranntes Land mit ebenso vielen Einwohnern wie Niedersachsen. Als der Bürgerkrieg endlich vorbei war, kam die Seuche Ebola. „Manchmal muss ich daran denken, wie wir Blätter fürs Feuer zum Kochen sammelten“, sagt er. „Und jetzt sitze ich hier in einem schönen Café und trinke einen Latte Macchiato.“

Eine Rückkehr in die Heimat ist für ihn kein Thema. Talha braucht ihn wie einen großen Bruder. Der Sechsjährige, der um die Kontrolle seiner Gefühle kämpft und unbedingt etwas lernen will. Mittlerweile akzeptieren ihn seine Mitschüler. Wenn er einen Anfall hat, ignorieren sie ihn und sagen nur: „Ach, das war Talha!“ Auch seine Schule, die Grundschule Wettbergen, ist zufrieden. Fünf Stunden in der Woche kommt eine Förderlehrkraft zusätzlich in Talhas Klasse, die insgesamt 18 Kinder zählt – „optimale Bedingungen“, lobt die Klassenlehrerin. Ein Glücksfall. Nicht immer klappt das vom Sozialamt finanzierte Begleitprogramm, das Inklusion erst möglich macht.

Aber nicht nur Talha, nicht nur die große Welt des Films hält Michael Davies hier. Mittlerweile hat er in Hannover eine Familie. Sein Sohn Shina ist ein Jahr und sieben Monate alt. Shina ist ein afrikanischer Name und bedeutet „Wege finden und Türen öffnen“.

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