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Aus der Stadt Selbstverständlich an die Front
Hannover Aus der Stadt Selbstverständlich an die Front
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00:15 13.10.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg: Max Fürst.
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Hannover

Sie stehen mit sauber gescheiteltem Haar und hochgeschlossenen Uniformjacken da. Sie posieren vor der Kulisse einer Ideallandschaft im Fotoatelier oder auf Ruinen mitten im Krieg. Sie haben Schnurrbärte – und zugleich eine Glätte im Gesicht, die noch nicht von Kriegsspuren zeugt. So sind diese jungen Männer auf den Fotografien zu sehen, deren Sepiabraun sie teils noch weiter entrückt. 1914 war es, als sie sich den Fotografen gestellt haben; es sind Zeugen aus einer anderen Zeit. Sie sind ebenso selbstverständlich in den Krieg gezogen wie andere deutsche Soldaten, wurden verwundet, erhielten Tapferkeitsmedaillen. Doch anders als den meisten ihrer Kameraden wurde ihnen dieser Fronteinsatz in der Nazi-Zeit nicht zugutegehalten. Denn Max Fürst und seine Brüder Herrmann, Sally, Berthold und Isidor waren Juden.

Max Fürst, das ist der Großvater von Michael Fürst, dem Vorsitzenden des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden in Niedersachsen. „Das ist nicht nur die Kriegsvergangenheit meiner Familie“, sagt Fürst angesichts der alten Aufnahmen und fügt lachend hinzu: „Das ist auch ihre Kriegervergangenheit.“ Erstmals gestattet Fürst jetzt öffentliche Einblicke in sein Familienalbum – im Rahmen der Ausstellung „Zeit zum Erinnern“, die diese und andere Fotos der Fürsts in der Alten Predigthalle des Jüdischen Friedhofs an der Strangriede zeigt. Dieser Ausstellungsort ist allein schon einen Besuch wert, denn dort lässt sich nicht nur die Architektur Edwin Opplers bewundern, an einer Wand der Predigthalle wird auch an die zahlreichen im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten erinnert.

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„Zeit zum Erinnern“. Bis 31. Dezember in der Alten Predigthalle, An der Strangriede 5. Am Sonntag, 11. Oktober, um 12 Uhr eröffnet Michael Fürst die Ausstellung. Die Veranstaltung wird musikalisch umrahmt von Laura Pohl (Sopran) und Mateja Zenzerovic (Bajan). Öffnungszeiten mittwochs, donnerstags und sonntags jeweils von 11 bis 16 Uhr.

Die Ausstellung bietet einen Rückblick auf die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, beleuchtet das Dasein im Schützengraben ebenso wie die Lage an der „Heimatfront“ und führt auch zeitgenössische Zitate zum Krieg aus Hannover, etwa von Kurt Schwitters und Theodor Lessing, auf. Das Ausstellungskonzept stammt von der Künstlerin Corinna

Luedtke. Sie will nach eigenen Worten Kriegsspuren nachzeichnen, die sich nicht nur an den Narben von Kriegsversehrten ablesen lassen, sondern auch an der Natur. „Verdun“, sagt sie, „ist in Luftaufnahmen noch heute als Schlachtfeld erkennbar.“ In mehreren Stationen erinnert sie mit authentischem Material aus der Zeit, was für ein Schlachten dieser Krieg war und wie die Kriegspropaganda die Menschen dafür zugerichtet hat.

„Zeit zum Erinnern“ ist als Wanderausstellung konzipiert und war zuvor schon in Wolfsburg zu sehen. Doch in Hannover werden erstmals die Familienbilder von Michael Fürst präsentiert, der die Spuren seiner Vorfahren in Südniedersachsen und Nordhessen bis weit ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Beim Stöbern in den Fotografien fallen ihm viele Anekdoten aus seiner Familiengeschichte ein, von den Landjuden in Frankenberg, von Verwandten in Göttingen und von jenem Haushaltswarengeschäft Bazar-Fürst in der Karmarschstraße, das außer in Hannover auch in Hildesheim und Alfeld Dependancen hatte. Seine Großonkel konnten nach 1933 fliehen oder hatten Deutschland schon vorher verlassen. Seine Großeltern wurden, ebenso wie Fürsts Vater Helmut, nach Riga deportiert und dort ermordet. Nur der 23-jährige Helmut gelangte, weitgehend zu Fuß, nach Hannover zurück, wo Michael Fürst zur Welt kam.

Er hat übrigens als erster Jude nach 1945 in der Bundeswehr gedient und ist bis heute Ehrenvorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten. „Vielleicht“, sagt er scherzhaft, „haben sich da ja die Kriegergene meiner Familie ausgewirkt.“

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