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Frühstück statt Zwangsräumung

Linden Frühstück statt Zwangsräumung

Auf friedliche Weise konnte ein Mieter aus Linden den Verlust seiner Wohnung abwenden. Möbelwagen und Polizei fuhren wieder davon. Stattdessen gab es Frühstück. Der Streit mit dem Mieter hält sein Wochen an – und wurde mit äußerst fragwürdigen Mitteln geführt.

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Michael Elephant ist der letzte Bewohner des Mehrfamilienhauses in der Göttinger Straße 59. Ihm drohte eine nicht zulässige Zwangsräumung.

Quelle: Körner

Hannover.  Es sind einfache Mittel, mit denen eine kleine Gruppe von Gentrifizierungsgegnern gestern in Linden zur Tat schreitet. Mit zwei Sofas und einem Sessel sitzen die jungen Leute um einen massigen Couchtisch vor der Tür des Mehrfamilienhauses in der Göttinger Straße 59. Bei dem ungewöhnlichen Frühstück gibt es Brötchen, Marmelade, Saft und Obst und ein paar erwartete, aber nicht willkommene Gäste. Um kurz vor elf hält ein Möbelwagen vor der Tür, der die Möbel von Michael Elephant abholen soll. Der 49-Jährige ist der letzte verbleibende Mieter in dem Haus in Linden, und sein Vermieter will, dass er auszieht. Deshalb hat er die Spedition beauftragt und die Polizei gerufen. Die Beamten, die kurz darauf erscheinen, sprechen mit Michael Elephant und werfen einen Blick in das Haus, bevor sie wieder unverrichteter Dinge davonfahren.

„Der Vermieter hatte uns alarmiert, weil es eine Besetzung seines Hauses geben sollte“, sagt Pressesprecherin Jenny Mitschke. „Vor Ort stellte sich jedoch heraus, dass der Mann eine Zwangsräumung durchführen wollte.“ Den dafür nötigen Räumungstitel des Amtsgerichtes, konnte er jedoch nicht vorweisen. „Den brauche ich auch nicht, weil es eine schriftliche Vereinbarung mit Herrn Elephant gibt, dass er bis zum 30. August auszieht“, sagt der Vermieter. „Es gibt einen Quittungsblock, auf dem Herr Elephant unterschrieben hat“, sagt Rechtsanwalt Marco Jutsch, der den Mieter vertritt. „Das ist in keinster Weise rechtsgültig.“

Auf friedliche Weise konnte ein Mieter aus Linden den Verlust seiner Wohnung abwenden. Statt Möbelpackern gab es ein ausgiebiges Frühstück.

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Als der leere Möbelwagen wieder abfährt, ist ein weiteres Kapitel beendet, in einem Streit, der seit Wochen anhält und mit äußerst fragwürdigen Mitteln geführt wird. Bereits im Juni habe der Eigentümer des Mehrfamilienhauses, in dem überwiegend Empfänger von Arbeitslosengeld II wohnen, allen Parteien fristlos gekündigt“, sagt Cathrin Klose, eine ehemalige Bewohnerin des Hauses. „Er sagte, das Haus sei unbewohnbar, weil die Gasleitungen nicht dicht seien“, berichtet sie weiter. „Die Mieter hatten sie angebohrt“, sagt der Vermieter. „Den Beweis dafür hat er aber nie erbracht“, sagt Anwältin Gesine Fink, die Michael Elephant betreut. „Deshalb war eine fristlose Kündigung nicht gerechtfertigt.“

Die Bewohner stellten sich darauf ein, bis Mitte September – nach einer Kündigungsfrist von drei Monaten – ihre Bleibe zu verlassen. Doch das ging dem Vermieter offenbar nicht schnell genug. „Immer wieder hat er versucht, uns früher aus dem Haus zu bekommen“, sagt Elephant. Nachdem die Stadtwerke die undichte Gasanlage abgestellt hatten, drehte der Vermieter den Bewohnern die Wasserversorgung zu. „Dagegen haben wir direkt eine einstweilige Verfügung beantragt“, sagt Rechtsanwalt Marco Jutsch. „Die ist sofort bewilligt worden und wurde noch am 9. August von einem Gerichtsvollzieher zugestellt.“ Doch das Wasser wurde nicht wieder angestellt.

„Der Vermieter ist dann mit einem Monteur gekommen und hat ihn die Wasserleitung durchsägen lassen“, erzählt Elephant und macht sein Feuerzeug an. Im Schein der kleinen Flamme perlen noch ein paar Tropfen Wasser aus der gekappten Leitung im Keller des Hauses. Das Licht funktioniert nicht mehr, seit auch der Strom abgestellt wurde. „Angeblich aus Sicherheitsgründen, weil wir kein Wasser mehr haben, um einen möglichen Brand zu löschen“, sagt der 49-Jährige.

„Ich bin bemüht, dass hier niemand ums Leben kommt“, sagt der Eigentümer des Hauses. Es wäre nicht mehr bewohnbar und müsse daher dringend saniert werden. Dafür hat auch die Frühstücksgruppe Verständnis. „Wir verstehen nur nicht, warum er Herrn Elephant nicht eine andere Bleibe angeboten hat“, sagt Paula Özgül. „Soweit ich weiß, ist es nicht sein einziges Haus.“ Als sie und andere Mitglieder der „Kampagne Ahoi“ von Elephants Fall hörten, kontaktierten sie ihn. „Wir boten ihm Hilfe an und fragten, was er unternehmen wolle“, sagt Steffen Mallast, der für die Grünen im Bezirksrat Linden–Limmer sitzt und schon häufiger bei Anti-Gentrifizierungsaktionen in den Vordergrund getreten ist. Der 49-Jährige wollte gegen seine Räumung protestieren. „Friedlich, das war ihm ganz wichtig“, sagt Mallast. Also entschlossen sich die Mitglieder der Kampagne und Michael Elephant, gemeinsam mit Freunden und ehemaligen Bewohnern des Hauses die Räumung zu blockieren und vor der Tür zu frühstücken. Mit Erfolg.

Jörn Kießler

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