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Besuch im Antiquariat Hier zählt jedes Buch

Was tun mit Büchern, die aus dem Regal quellen und vom Markt verschmäht werden? Wegwerfen ist eine Option, und wer das tut, ist noch lange kein Kulturbanause. Ein Plädoyer für mehr Leichtigkeit im Umgang mit dem hohen Gut – und ein Blick in die Gegenwart eines Antiquars, der nicht klagen will über sein Geschäft.

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„Ich mache das hier total gerne. Man muss brennen dafür, dann geht das“: Achim Wilder in seinem Antiquariat an der Limmerstraße.

Quelle: Hagemann

Hannover . Es war dieser Augenblick am Presswerk, als ich alles noch einmal hätte überdenken können. Zwei schwere blaue Säcke voll mit Büchern hatte ich schon auf die Rampe gehievt, mittelschweren Herzens entschlossen, dass ins Altpapier müsste, für das ich im Laufe der Jahre Tausende Euro bezahlt hatte. Zwei Säcke von Dutzenden, die folgen sollten. Thomas Mann. The Great Rock-Discography. Lexika diverser Fachgebiete. Stücke vom Goethe. Hermann Hesses „Steppenwolf“, inklusive meines emsigen, bis heute nicht widerlegten Bleistifteintrages, demzufolge „die Ewigkeit zeitlich unbegrenzt“ andauern werde. Jedes Buch ein bisschen Biografie.

Dann sprach mich die ältere Dame an, die gerade Kartons und Boulevardblätter dem gleichgültigen Schlund auf dem Wertstoffhof zum Plattmachen hingeworfen hatte. „Sie werfen Bücher weg?!“, fragte sie mit vorwurfsvollem Tonfall und einer Attitüde von Bildungshuberei, die nur schätzt, was man besitzt. Ich hätte antworten sollen: „Nur die, die ich selbst geschrieben habe.“ Aber so gewitzt, um mit diesem Satz von Umberto Eco zurückzuschlagen, bin ich meist erst Stunden später. Auch Eco war ein Fall für den blauen Sack.

Was geht - und was nicht

Die Frage, was ein Buchhändler einkaufen muss, der das Antiquariat pflegt, ist eigentlich falsch gestellt. Achim Wilder sagt: „Ich muss mir merken, was ich nicht loswerde, damit ich nicht mehr davon kaufe.“ Was er nicht mehr kauft, weil es durch ist bei der Kundschaft, ihm, und anderen Antiquaren aber dennoch regelmäßig zum Kauf angeboten wird:

Die Forsyte-Saga von John Galsworthy.
Bücher von Utta Danella, Marie-Luise Fischer und des Weltuntergangspropheten Nostradamus.
Hefte der Zeitschrift „Geo“.
Die Bände des Hannover-Archivs.
Medizinliteratur, die durch neue Auflagen veraltet ist.
Bildbände aller Art, deren Fotos sich oft auch im Internet finden.

Vieles aber kauft Wilder weiter an, darunter:
Bücher von Joachim Ringelnatz und Heinz Erhardt (Bild) sowie der Schriftsteller John Steinbeck und George Simenon.
Skandinavische Krimiautoren (wenngleich Henning Mankell schon schwierig wird).
Illustrierte Literatur von 1890 bis 1933.
Bücher aus Orts- und Landeskunde, je kleinteiliger, desto besser, also eher Linden statt Hannover. gum

Natürlich, ich habe versucht, den Wirkungszyklus möglichst vieler Exemplare zu verlängern. Jeden Tag geht das so in den wenigen Antiquariaten, die Hannover geblieben sind. „Die waren früher echt was wert“ – so beginnen oft Gespräche mit Buchhändlern, die schnell erkennen, dass der Kunde im Geschäft womöglich noch in der Vergangenheit lebt, jedenfalls, was den Wert seiner Bücher angeht.

Früher war früher, und was heute zählt, kann man im Angebot erkennen, dass Antiquare unterbreiten für echt wertvolle Sachen. Ich bin am Markt gescheitert mit Exemplaren, die ich für bedeutend hielt. Manche Leute werden ihr Eigenheim irgendwo im Harz nicht los, weil niemand es haben will, im kleinen Maßstab ist es nicht anders. Ohne Markt kein Preis. Für das Literaturlexikon in 20 schmucken Bänden bekomme ich: nichts. Die Gesamtausgabe von Bertolt Brecht: noch einmal so viel. Und die gebundenen Exemplare der Zeitschrift „Akzente“, Forum intellektueller Debatten der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1957 und 1973, die kann man überall wieder mitnehmen. Mit nach Hause, mit zum Altpapier.

Den Moment, in dem aus ladenfrischen Büchern antiquarische Stücke werden, kann Achim Wilder, 55, Antiquar, auf die Sekunde bestimmen, für jedes Exemplar. Es ist der Moment unmittelbar nach dem Kauf. Von diesem Moment an fällt sein Wert. Das Buch wird gelesen, ins Regal gestellt (Kulturgut!), als Bestseller ist es zehntausendfach im Umlauf und Jahre später, wenn auf dem Bord zu Haus wirres Gestapel statt Reih und Glied herrscht, trägt es der Käufer voller Hoffnung in den Buchladen, um letzte Euro herauszu schlagen.

Achim Wilder in seinem Antiquariat an der Limmerstraße.

Quelle: Hagemann

Achim Wilder verkauft seit 1987 Bücher in Linden. Mit 200 Stück fing es an, inzwischen stehen in seinem Geschäft in Linden rund 8000 Bände. Er fährt mit seinem 1,5-Tonner zu Messen von Frankfurt bis Leipzig und auf Märkte in Hannover. Einmal erzielte er 1200 Euro für das Kriegstagebuch eines hannoverschen Geologen, dass er bei einer kuriosen Haushaltsauflösung erworben hatte: Ein Mann lagerte Bücher in verschiedenen Garagen, weil seine Frau zu Hause keine Bücher duldete. Literatur kauft er meist für 50 Cent das Stück an, über besondere Stücke wird gesondert gesprochen. Mag sein, dass Antiquariate in der Krise stecken, aber das Geschäft in Linden ernährt seinen Inhaber und einen Angestellten dazu. Dass es funktioniert, erklärt sich Achim Wilder so: „Ich mache das hier total gerne. Man muss brennen dafür, dann geht das. Aber ob es solche Geschäfte wie dieses in zehn Jahren noch geben wird, das ist völlig unklar.“

Die Preise für gebrauchte Bücher fallen, seit das Internet die Preise bestimmt. Alles ist greifbar, meist in erstaunlicher Zahl und für wenig Geld. Und es gibt immer weniger Sammler, sagt Wilder. Deshalb ist mein Literaturlexikon auch materiell nichts mehr wert. Wilder erzählt, dass er ein anderes Exemplar auf dem Markt an der Limmerstraße angeboten hat, das Stück für einen Euro. Er nahm es wieder mit, unverkäuflich wie schimmliges Brot. Auch Wilder hat im Netz 5000 Bände zum Verkauf, eine Preismaschine korrigiert, also senkt sein Angebot, wenn es irgendwo im Netz günstiger ist. Weil er nicht auf Ramschniveau runter will, hat er seiner Maschine allerdings Schranken gesetzt, unter die er nicht rutschen will.

Inzwischen ist das Geschäft gut besucht. Draußen ist es dunkel und ein wenig nieselig. Eine Dame kommt herein, sie fragt nach Stoff von Rosamunde Pilcher. Pilcher geht eigentlich gar nicht mehr. „Hinten rechts“ sagt Wilder. Hinten rechts, das ist dort, wo eine umfangreiche Abteilung für Groschenhefte Platz findet. Jerry Cotton, Al Capone und „Dr.Laurin. Der Arzt, der wieder Hoffnung gibt“. Leicht in der Hand zu halten, mit großer Schrift und die Geschichten gehen immer gut aus, erklärt Wilder. Er verkauft sie auch in einer Art Tauschhandel, bei der ein wenig Geld übrig bleibt. Wer zehn Hefte für 30 Cent verkauft, muss zehn für 60 Cent mitnehmen. Da bleibt ein bisschen übrig. Wie auch bei Frau Pilcher. Die Dame kauft zwei Bände, macht 4 Euro. Wilder hat sie glücklich gemacht. Sie dachte, erzählt sie, sie würde keine neuen Romane finden, aber jetzt dieses hier, herrlich. Ihr Abend verspricht heiter zu werden.

Nein, es ist nicht schlimm, sich von Büchern zu trennen oder sie wegzuwerfen, es ist nur manchmal schwer. Ich habe sie dem Altpapier überlassen und nicht auf einem öffentlichen Platz verbrannt. Um viele Exemplare ist es ein wenig schade, aber nur ein wenig, die wichtigen bleiben im Regal. Ich weiß auch so, dass die Ewigkeit zeitlich unbegrenzt bleiben wird. In dieser Zukunft werde ich mich weiter von Büchern verabschieden. Und neue kaufen.

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