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Mit Handicap an Hannovers Schulen

Behinderte Kinder Mit Handicap an Hannovers Schulen

Immer mehr behinderte Kinder gehen auf eine Regelschule, die meisten auf eine IGS. Mit Erfolg? HAZ-Redakteurin Jutta Rinas hat sich den Schulalltag einmal genauer angesehen.

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Porträt von Fynn Schedler, einem mehrfach behinderten Kind, das an der IGS List jetzt in die fünfte Klasse eingeschult wird, in seiner Klasse.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Fynn hat ein Gefühl für Musik. Das merkt man sofort, wenn der Zehnjährige seine Schlagzeug-Schnupperstunde in der IGS List beschreibt. Von der „schönen Lautstärke“ des Instruments erzählt er. Vom „Taktgefühl“, das beim Schlagzeug wichtig ist.

Fynn ist gerade in die 5. Klasse gekommen. Er geht in die Bläserklasse der IGS List und möchte dort unter anderem ein neues Instrument lernen: Schlagzeug oder wahlweise Saxofon, Querflöte, Klarinette. Wie die anderen Kinder seiner Klasse auch. Der Unterschied ist: Fynn ist ein Kind mit Handicaps. Seine linke Körperhälfte ist gelähmt. Seine Sehfähigkeit liegt bei zehn Prozent. Dazu ist er Asperger-Autist: sein Einfühlungsvermögen ist stark eingeschränkt.

Geht das überhaupt? Noch dazu im normalen Klassenverband? Dass Fynn die Chance bekommt, das auszuprobieren, hat mit dem Mut seiner Lehrerin zu tun. Kinder mit Beeinträchtigungen hätten seit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte Behinderter einfach einen Anspruch darauf, in Regelschulen integriert zu werden, sagt Andrea Plien schlicht. Die einzige Bedingung für ihre Bläserklasse sei gewesen, dass die Kinder „wirklich ein Instrument lernen wollen“. Das sei bei Fynn der Fall. „Also probieren wir es aus, und wenn es klappt, ist es schön.“

Es klingt ganz selbstverständlich, wie die 61-Jährige das sagt. Aber das ist es nicht. Es kommt in ganz Deutschland bislang selten vor, dass behinderte Kinder in Bläserklassen unterrichtet werden. Andrea Plien nimmt sogar an einem vom Bund geförderten Pilotprojekt der Deutschen Bläserjugend teil. Das Land Niedersachsen und die Region Hannover schmücken sich zudem immer wieder damit, dass Inklusion eine immer größere Rolle spielt. Jedes dritte Kind mit Förderbedarf besuche mittlerweile eine Regelschule, sagte Ulf-Birger Franz, Bildungsdezernent der Region Hannover, im Juli. Die positiven Inklusionszahlen belegten, dass die Qualität der Angebote steige und Eltern sie verstärkt auswählten.

Diese Woche besucht die Behindertenbeauftragte Niedersachsens, Petra Wontorra, inklusive „Leuchtturmprojekte“. Heute ist sie in der IGS Linden, die 2009 mit dem Jakob-Muth-Preis ausgezeichnet wurde. Rund 150 Kinder nimmt die IGS pro Jahrgang auf, etwa 15 davon sind inklusiv, sagt Schulleiter Peter Schütz. Der Landesschnitt liege bei drei bis fünf Prozent. 20 Förderlehrer hat seine Schule, zehn davon fest angestellt. Eine so gute Ausstattung hat kaum jemand in Niedersachsen.

Dennoch: Wer sich auf Inklusion einlasse, erfahre, dass es keine vorgefertigten Antworten gebe. „Inklusion geht nicht per Fingerschnipp.“

Es ist zudem kein Zufall, dass die Landesbeauftragte eine IGS besucht. Die aktuellen Zahlen der Region zeigen: Die Lasten sind ungleich verteilt. 579 Kinder mit Förderbedarf besuchten 2014/15 eine IGS, ganze 138 ein Gymnasium. Sie bekomme oft erzählt, dass die Gymnasien zurückhaltender seien, sagt Birgit Rauschke vom Verein „Mittendrin“, der Eltern von Kindern mit Handicap berät. Die IGSen machten „Riesenschritte“. Das liege möglicherweise daran, dass dort sowieso Schüler mit unterschiedlichen Lernzielen gemeinsam unterrichtet werden. Die Palette der Unterschiede zwischen Schülern werde durch inklusive Kinder nur größer.

Dass Unterricht nach Vorschrift nicht ausreicht, merkt man schnell, wenn man mit Silvana Schedler, Fynns Mutter, spricht. Fynn braucht ein Lesegerät, das alle Buchstaben in Heften, Büchern und an der Tafel vergrößert. Er braucht mehr Zeit, um Arbeiten zu schreiben, kann sich nicht so lange konzentrieren. Seine bisherige Schullaufbahn zeigt aber auch, wie sehr man Kindern wie ihm Unrecht tut, wenn man ihnen den Zugang zum normalen Schulsystem verwehrt: Fynn erreichte eine Gymnasialempfehlung, fand Freunde, fühlte sich an einer Regelschule wohl.

Wie gut eine Inklusionsklasse funktionieren kann, weiß auch Ilona Hillmer. Sohn Hannes, Kind mit Down-Syndrom, ist Erstklässler an der Otfried-Preußler-Grundschule. Dort unterrichtet man Kinder mit geistiger Beeinträchtigung nach einem besonderen Modell. Vier gehen in eine Klasse. Weil jeder von ihnen Anspruch auf eine bestimmte Anzahl von Förderstunden hat, ist fast die gesamte Unterrichtszeit hindurch neben dem Grundschullehrer ein Förderlehrer in der Klasse. Die Regelkinder profitierten vom Wissen des Förderlehrers, sagt Grundschulleiterin Alexandra Vanin. Die Kinder mit geistiger Beeinträchtigung hätten auch Kontakte untereinander. „Das ist ein Modell, das alle mitnimmt.“

Ilona Hillmer kann das auch aus Sicht der Mutter eines Kindes ohne Handicap bestätigen. Neben Hannes hat sie Tochter Paula, 10 Jahre alt. Ein normal entwickeltes Kind. Paula ging auch auf die Otfried-Preußler-Schule, auch in eine Integrationsklasse, eine bewusste Entscheidung der Eltern. „Es war eine schöne Erfahrung“, sagt Hillmer. Der Kontakt unter den Kindern habe gestimmt.

Und schulisch? Hat Paula in dieser Klasse so viel gelernt wie in einer normalen. Die Klasse habe im Vergleich zu den Parallelklassen auch notentechnisch gut abgeschnitten, sagt Ilona Hillmer. Paula nickt. Und Hannes? Hat einen der ersten Schultage seines Lebens hinter sich und ist geschafft. Schlapp liegt er auf dem Teppich. Wie viel Spaß er hat, zeigt sich erst, als er Ranzen und Schultüte zum Bestaunen ins Wohnzimmer bringt. Er sagt nichts. Aber er strahlt übers ganze Gesicht.

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