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Als die Chaostage Hannover erschütterten

Rückblick auf 1995 Als die Chaostage Hannover erschütterten

Anfang August 1995 erlebte die Stadt einen Ausbruch der Gewalt, der ihr Image schwer beschädigt. Die Chaostage erschütterten Hannover.

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Polizisten räumen ein von gewalttätigen Punks als Barrikade auf die Straße gestelltes Auto.

Quelle: Holger Hollemann

Hannover. Der Penny-Supermarkt an der Ecke von Schaufelder Straße und Kniestraße in Nordstadt ist zum Symbol dafür geworden, was passiert, wenn sich Sicherheit und Ordnung auflösen und wenn der Rechtsstaat kapituliert. An drei Tagen Anfang August 1995 war das in Hannover der Fall, als Punks die Chaostage ausgerufen hatten.

Die Bilder der Straßenschlachten von Punkern und Polizei in Hannover gingen 1995 um die Welt. 20 Jahre nach den Chaostagen ist die Randale zu einem kleinen Kapitel der Stadtgeschichte geworden.

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Auf dem Höhepunkt in der Nacht zum 5. August drangen die Randalierer in den Supermarkt ein, der unter den Augen der von ihrer Einsatzleitung zum Nichtstun verdammten Polizisten in den folgenden 20 Stunden ratzekahl geplündert wurde. Sogar Anwohner beteiligten sich daran. Diese Bilder und die brennender Straßenzüge am Sprengel-Gelände gingen vor 20 Jahren um die Welt.

Es herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände

„Es herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Der Polizeieinsatz war ein Desaster“, sagt Hans-Dieter Klosa, damals Chef der Bereitschaftspolizei des Landes. Dabei war zu ahnen, dass Unheil in der Luft lag. Bereits ein Jahr zuvor hatte es nach zwischenzeitlicher Pause wieder Chaostage samt schwerer Ausschreitungen in der Nordstadt und am Hauptbahnhof gegeben. Anfang 1995 sind dann im Internet und auf Flugblättern Aufrufe zu lesen, betitelt mit Parolen wie „Tötet Bullen“ oder „Legt Hannover in Schutt und Asche“.

Der damalige Polizeipräsident Herbert Sander und der Einsatzleiter Uwe Wiedemann entwickeln eine Strategie. Die Beamten sollen Gewalttäter aus den Gruppen der Punks frühzeitig herausgreifen, ansonsten setzt man auf Deeskalation. Komme es zu Ausschreitungen, werde man bedingungslos einschreiten. So steht es im Konzept.

"Vom ungeheuren Gewaltpotenzial völlig überrascht worden"

Später wird die Einsatzleitung sagen, sie sei „vom ungeheuren Gewaltpotenzial völlig überrascht worden“. Dabei gibt es schon am Donnerstag, 3. August, erste Barrikadenbauten auf dem Sprengel-Gelände und auch Angriffe auf das zu diesem Zeitpunkt noch schwache Polizeiaufgebot. Unterdessen kommen immer mehr Autonome und Punks von außerhalb in die Stadt; am Ende sind es insgesamt rund 2000. Viele haben Reste persönlicher Hemmschwellen mithilfe von Alkohol abgebaut.

Vielleicht hat eine zwischenzeitliche Beruhigung am Freitag die Polizeiführung in der Annahme bestärkt, Deeskalation sei die richtige Maßnahme. Derweil bewaffnen sich die Gewalttäter mit Pflastersteinen, bauen erneut Barrikaden. Was folgt, ist die Nacht der Straßenschlachten. Schaufelder-, Hahnen-, Heisen- und Rehbockstraße sind Schauplätze, es fliegen nicht nur Steine und Flaschen, sondern auch Molotowcocktails, Leuchtgeschosse und Stahlkugeln.

Verängstigte Anwohner können entweder ihre Häuser nicht mehr verlassen oder sie nicht mehr erreichen, als sie heimkehren wollen. „Wir werden massiv angegriffen, brauchen dringend Unterstützung“, fordert ein junger Polizist über Funk. „Bitte ziehen Sie sich zurück, wir wollen deeskalierend wirken“, lautet die Antwort. Während die Beamten, die zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 160 verletzte Kollegen zu beklagen haben, immer wütender werden und Polizeipräsident Herbert Sander darauf verzichtet, sich vor Ort ein Bild der Lage zu machen, gewinnt der Pöbel die Oberhand. Fotografen und Kameraleute filmen die ersten Penny-Markt-Szenen. Am Vormittag werden geplante Einschulungen für Grundschüler in der Nordstadt abgesagt. Die Post schickt keine Briefträger dorthin.

Und es geht immer weiter, obwohl die Polizei mittlerweile Verstärkung aus zehn Bundesländern angefordert hat und so ihr Aufgebot auf 3500 verzehnfacht. Punks sprengen das Fährmannsfest am Ihme-Ufer, randalieren auch in Linden und in den Straßen am Steintor. Ein Vermittlungsversuch der grünen Ratsfrau Helga Nowak scheitert - unter anderem deshalb, weil die Gewalt nicht zuletzt von Zugereisten ausgeht, denen die Politikerin schnurzegal ist. Es folgen weitere Krawalle. Erst am Sonntag beruhigt sich die Lage. Die Bilanz: 180 verletzte Polizisten, davon einige schwer, eine nicht bekannte Anzahl verletzter Chaoten, eine Rechnung über mehrere Millionen Mark für den Einsatz und angerichtete Schäden sowie eine Pressemitteilung von Innenminister Gerhard Glogowski (SPD). „Der Minister wünscht allen bei den Einsätzen verletzten Menschen, insbesondere aber seinen Polizeibeamten, baldige Genesung.“ Später sagt er, beim Einsatz „ist nicht alles gut gelaufen, aber auch nicht alles schlecht“.

Konsequenzen fürs Image und in der Politik

Diese ministerliche Wahrnehmung teilen die wenigsten. Die Chaostage haben nicht nur für das zwischenzeitliche Image Hannovers Konsequenzen, sondern auch in der Politik. Herbert Sander tritt Ende August zurück - die Kritik aufgrund der Chaostage mache es für ihn immer schwieriger, sein Amt auszuüben, sagt er zur Begründung. Der Landtag setzt einen Untersuchungsausschuss ein, in dem Polizeiführer aus anderen Bundesländern erklären, der Einsatz sei völlig unkoordiniert verlaufen. Man habe sogar Befehle der Leitung verweigern müssen, um das Leben von Beamten nicht zu gefährden. „Meine Polizisten sollten ihre Schutzkleidung aus Hartplastik ablegen, weil das martialische Aussehen die Punks provoziere“, erklärt ein Polizeiführer aus Essen. Im Ergebnis führte der Untersuchungsausschuss zu nicht viel: Die Opposition wirft der Landesregierung Versagen vor, diese der Opposition, die Vorgänge von Hannover politisch instrumentalisieren zu wollen.

Nachfolger von Sander wird dann Hans-Dieter Klosa. Der setzt alles daran, eine Neuauflage zu verhindern. 6000 Polizisten riegeln Hannover Anfang August 1996 ab - die Chaostage sind Geschichte. Der Penny-Markt ist es auch. Er wird 2001 geschlossen, beherbergt zunächst eine Tauschbörse, später kurzzeitig ein Theater. Heute ist das Gebäude ein Passiv-Wohnhaus. Auf ein Ladengeschäft im Erdgeschoss hat man beim Umbau lieber verzichtet.

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