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Mit dem Koran gegen den Terror

Zu Hause in Hannover Mit dem Koran gegen den Terror

Die Religionswissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi wirbt für einen weltoffenen Islam – und stellt sich Extremisten entgegen. Erst allmählich etabliert sich Islamische Religion in Deutschland als Schulfach und an Unis - und wo dies geschieht, ist sie meist dabei. Nebenbei engagiert sie sich in Hannover noch im „Haus der Religionen“.

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Hamideh Mohagheghi (links) im Gespräch mit Pinar Cetin vom Berliner Landesbeirat für Integration und Migration.

Quelle: dpa

Hannover. Von den Wänden ist kaum etwas zu sehen. Hunderte von Büchern gibt es in ihrem Arbeitszimmer; dickleibige Koran-Kommentare auf Persisch und Arabisch. „Lesen ist meine Leidenschaft“, sagt Hamideh Mohagheghi, „Lesen und Schreiben.“ In dieser schmucken Döhrener Altbauwohnung hat ein muslimisches Bildungsbürgertum eine Heimstatt, das inzwischen zu Deutschland gehört, auch wenn es hier noch selten ist.

Mohagheghi leistet Pionierarbeit

Hamideh Mohagheghi ist in Kirchengemeinden und Bildungseinrichtungen eine gefragte Referentin zum Thema Islam. Die Religionswissenschaftlerin hat an der Uni Paderborn das Zentrum für Komparative Theologie mit aufgebaut; evangelischen Lehramtsstudenten vermittelt sie dort eine Einführung in den Islam. Sie leistet Pionierarbeit: Erst allmählich etabliert sich Islamische Religion in Deutschland als Schulfach und an Unis - und wo dies geschieht, ist sie meist dabei. Nebenbei engagiert sie sich in Hannover noch im „Haus der Religionen“: „Der Dialog zwischen den Glaubensgemeinschaften ist mir ein Herzensanliegen“, sagt sie.

Tatsächlich baut sie Brücken zwischen den beiden Welten, in denen sie zu Hause ist. Geboren wurde sie in Teheran: „Meine Familie würde ich heute als konservativ bezeichnen“, sagt sie. Ihr Vater starb früh; der große Bruder musste die Familie mit den fünf Kindern durchbringen. „Ich legte aber großen Wert darauf, mein Abi zu machen und Jura zu studieren“, sagt die selbstbewusste Frau mit dem Kopftuch.

Nach Deutschland kam sie im Februar 1977: „Die Kälte habe ich jetzt noch in den Knochen“, sagt sie und lacht. Ihr Mann, der als Sohn eines iranischen Geistlichen in Deutschland aufgewachsen war, hatte eine Stelle als Maschinenbauer an der Uni in Hannover. Oft wurde das Paar hier auf die Ajatollahs in ihrer Heimat angesprochen. So wuchs ihr Interesse an der Religion. Als Studentin im Iran hatte sie sich gegen das Schah-Regime engagiert: „Wir haben für die Revolution gekämpft“, sagt sie. Als dann die Mullahs an die Macht kamen, war sie enttäuscht: „Wir hatten anderes erwartet; dass die Religion den Menschen die Freiheit bringt.“

Sie verficht einen aufgeklärten Islam

Das ist im Grunde bis heute ihr Credo: Sie ist überzeugt, dass Religion einen Menschen frei machen und dass Gottvertrauen einem Gläubigen Ruhe und Sicherheit geben kann. „Bei Druck von außen kann eine Beziehung zu Gott nicht entstehen“, sagt sie. Sie verficht einen weltoffenen, aufgeklärten Islam. Nach innen wie nach außen. Das ist ihre Mission.

„Viele im Westen unterscheiden nicht zwischen Islam und Islamismus“, sagt sie. Oft prägten terroristische Randgruppen das Bild ihrer Religion - dabei sei der Koran sehr wohl kompatibel mit der Demokratie. Zahlreiche Bücher hat sie dazu veröffentlicht, wohl auch im Bestreben, die beiden Welten ihres eigenen Lebens zu versöhnen, ohne Konflikte mit billiger Harmonie zu übertünchen. „Es gibt im Koran sehr wohl Stellen, die sich von Extremisten leicht als Aufforderung zur Gewalt auslegen lassen“, sagt sie: „Man darf nicht so tun, als gebe es das nicht.“

Dennoch findet sie gerade im Koran die besten Argumente gegen die Radikalen: In ihrem neuen Buch „Frauen für den Dschihad“ (Herder, 144 Seiten, 14,99 Euro) analysiert sie klug und kenntnisreich ein Manifest, das Kämpferinnen des „Islamischen Staats“ verfasst haben. Diese Propagandaschrift verherrlicht das Terrorregime als antikapitalistisches Idyll, in dem Frauen sich in gottgefälliger Weise den Männern unterordnen.

Für junge Frauen auf Identitätssuche könnten solche vermeintlich traditionellen Rollenbilder verlockend sein, sagt Mohagheghi. Doch auf den Islam könne sich der Gesellschaftsentwurf der Terrortruppen eben nicht berufen: „Fatima, die Tochter des Propheten, war bekannt für ihr aktives Leben in der Gemeinschaft.“ Und die im Koran so wichtige Barmherzigkeit Gottes spiele bei den Terroristen mit ihren bruchstückhaften Islamkenntnissen gar keine Rolle.

Mit dem Thema Gewalt und Koran beschäftigt sie sich derzeit intensiv: Mohagheghi ist Mutter von zwei Töchtern, vierfache Großmutter - und schreibt jetzt, mit 60 Jahren, an ihrer Doktorarbeit. „Aus Titeln“, sagt sie, „habe ich mir nie viel gemacht.“

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