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Aus der Stadt Mode nach Maß hat wieder Konjunktur
Hannover Aus der Stadt Mode nach Maß hat wieder Konjunktur
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11:39 07.04.2009
Kunde seit mehr als sechs Jahrzehnten: Carl Franz Seyfried (links) kommt immer wieder in die Schneiderei von Jörg Krautheim. Quelle: Kris Finn
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Doch dann ging er irgendwann hinein. „Ich war einfach maßlos enttäuscht von der üblichen Konfektionsware. Meine Cordhosen zum Beispiel waren immer schon nach einem Jahr durch. Ich wollte endlich eine vernünftige Alternative“, sagt der Mann mit dem grauen Vollbart.

Sommers erster Besuch bei Schneidermeister Krautheim liegt vier Jahre zurück. Inzwischen ist der 59-Jährige dort Stammkunde. Auf ein kariertes Sakko folgten ein weiteres Jackett, zwei Cordhosen sowie Hemden und eine Weste. „Mein Sakko trage ich bei Wind und Wetter. Es ist besser als jede Goretex-Jacke“, erzählt der Geophysiker begeistert. Sein Wunsch nach hochwertiger Kleidung, nach Langlebigkeit und guter Passform ist kein Einzelfall. Immer mehr Menschen kehren schlecht verarbeiteter Massenware und Designerkleidung den Rücken, die zwar teuer, aber häufig ebenfalls nachlässig gefertigt ist. Sie wenden sich der Maßschneiderei oder Maßkonfektion zu – was bei Weitem nicht das Gleiche ist.

Die preislichen wie qualitativen Unterschiede zwischen echter Maßschneiderei, die selten geworden ist, und Maßkonfektion sind enorm, ebenso die Niveauunterschiede innerhalb der Branche der Maßkonfektion. Während der Maßschneider alles von der Beratung des Kunden über das Ausmessen und die Erstellung des Schnittes bis hin zum Nähen selbst in der Hand behält, ist die Maßkonfektion ein Kompromiss zwischen Konfektionsware von der Stange und maßgeschneiderter Ware. Der Kunde wird zwar individuell ausgemessen, die Kleidung jedoch industriell gefertigt.

Gisela Sahlmann, 79-jährige Obermeisterin der Innung des Bekleidungshandwerks, weiß, wie aufwendig Maßschneiderei ist. „Heutzutage wird zum Beispiel das Futter ja oft einfach reingeklebt. Wir staffieren es noch von Hand und nähen jedes einzelne Knopfloch mit 100 Stichen“, betont die Schneidermeisterin. Rund 60 Stunden dauere auf diese Weise das Schneidern eines dreiteiligen Anzugs. Die Qualitätsunterschiede machen sich nicht zuletzt im Preis bemerkbar. Bei Maßschneider Krautheim gibt es einen zweiteiligen Anzug inklusive Stoff ab 1500 Euro, bei dem Maßkonfektionär Dolzer im Pelikanviertel ist er bereits ab 250 Euro zu bekommen, bei Ermenegildo Zegna in der Luisenstraße wiederum zahlt der Kunde für seinen Maßkonfektionsanzug mindestens 1200 Euro.

Die Kunden werden je nach Anbieter der Maßkonfektion von Hand ausgemessen oder – ganz modern – von einem Laser abgetastet, der ein 3-D-Bild des Körpers erstellt. Gefertigt werden die Kleidungsstücke in Fabriken, die meist im Ausland angesiedelt sind, etwa in Tschechien oder der Türkei. Mehrere Näherinnen sind am Prozess beteiligt, der Anteil der Handarbeit ist wesentlich geringer als beim Maßschneider. Während dieser mehrere Anproben für die perfekte Passform braucht und die Kleidungsstücke deshalb auch zunächst nur heftet, wird Maßkonfektion aus den Fertigungshallen bereits zusammengenäht zurückgeschickt. „Natürlich nehmen wir noch Feinabstimmungen vor, wenn es nötig sein sollte“, sagt Marcus Schmidt, Filialleiter beim Modekonfektionär Dolzer. „Aber meist passt der Anzug sofort."

Wenn auch der Anteil der Frauen, die sich ihre Kleidung maßschneidern lassen, wächst, zählen doch nach wie vor in erster Linie Männer zu den Stammkunden. Vor allem jene, die tagtäglich einen Anzug tragen müssen, wünschen sich Sakkos und Hosen, die bequem sind, perfekt sitzen und möglichst auch nach Jahren noch wie neu aussehen. Genau das aber könne man selbst von einem Joop- oder Boss-Anzug nicht erwarten, sagt Schneidermeister Krautheim. „Der kostet auch seine 700 oder 800 Euro, ist aber je nach Beanspruchung nach drei oder vier Jahren hin.“ Bei den Anzügen, die Krautheim in dem kleinen Laden fertigt, den er von seinem Vater Walter vor 16 Jahren übernommen hat, sei das jedoch nicht so. Er verwendet feinste Stoffe von Scabal aus Brüssel und Kiton aus Neapel. Jede Naht eines Anzugs wird mit einer Reserve von acht Zentimetern Stoff versehen, sodass der Anzug im Lauf eines Lebens „mitwachsen“ kann. „Ich ändere heute noch Anzüge, die mein Vater vor 35 Jahren genäht hat“, erzählt der 38-Jährige, der mit seinem Gesellenstück, einem flaschengrünen Kaschmirsakko, einst niedersächsischer Landessieger wurde.

Die Beweggründe, eine Maßschneiderei oder ein Maßkonfektionsatelier aufzusuchen, sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Prof. Carl Franz Seyfried, langjähriger Leiter des Instituts für Siedlungswirtschaft und Abfalltechnik an der Leibniz-Universität, war schon Kunde bei Familie Krautheim, als deren Sohn Jörg noch seine Hausaufgaben in der elterlichen Werkstatt erledigte. Seinen ersten Anzug ließ sich der 83-Jährige, der im Krieg einen Arm verloren hatte, vor 65 Jahren fertigen. Seitdem ist er der Schneiderei treu geblieben. Seine Cordhose, erzählt Seyfried schmunzelnd, stamme aus dem Jahr 1970 und habe diverse Jagdeinsätze und Stacheldrahtzäune unbeschadet überstanden.

Aber auch jüngere Leute, die weder Probleme mit der Passform haben noch ein Kleidungsstück für die Ewigkeit suchen, reizt die Vorstellung, sich ein individuelles Stück fertigen zu lassen. Heizungsbaumeister Stefan Lohrberg aus der Nordstadt hat sich bei Dolzer gleich drei Anzüge für seine Hochzeit am 30. April geleistet: einen nachtblauen Anzug für das Standesamt, einen Cut für die Kirche sowie einen Smoking für die Feier am Abend. „Die Anzüge sitzen wie eine zweite Haut, sie sehen super aus“, sagt der 38-Jährige zufrieden. Auch Maria Schiffgens-Laskowska hat sich bei Dolzer schon mehrere Kostüme fertigen lassen. Zum einen bereitet ihr ihre Figur Probleme, passende Konfektionsware zu finden – sie hat Rockgröße 36 und Blusengröße 40. Zum anderen liebt die Goldschmiedin es klassisch-elegant. „Und da ist der Markt nicht so groß“, sagt sie. Ihr aktueller Auftrag: ein schlichter roter Rock fürs Frühjahr.

Während Dolzer-Filialleiter Schmidt wie die meisten Maßkonfektionäre mit sogenannten Schlupfgrößen arbeitet, die dem Kunden ungefähr passen und dann individuell abgestimmt werden, will der Maßkonfektionär Rebmann aus Braunschweig die Hannoveraner von einer neuen Vermessungstechnik begeistern. Mitte April eröffnet Inhaber Ulrich Dörflinger eine Filiale seines Geschäftes in der Pferdestraße in der Altstadt. „Wir wollen die Lücke schließen, die der Herrenausstatter Erdmann hinterlassen hat“, sagt er. Der IT-Fachmann setzt auf die Vermessung der Kunden mittels eines modernen, „viersäuligen“ Laserscanners. Dem so im Computer entstehenden dreidimensionalen Körper wird der Anzug dann auf den Leib geschneidert. Theoretisch müsste dieser dem Kunden dann perfekt passen, ohne vorherige Anprobe oder erneute Feinabstimmung. „Das jedenfalls ist die Theorie“, sagt Dörflinger augenzwinkernd. In der Praxis sehe es am Ende in der Regel anders aus: „Wir sind wir ziemlich perfektionistisch veranlagt und werden mit Sicherheit keinen Kunden aus dem Laden gehen lassen, ohne ihn in seinem neuen Anzug noch einmal kritisch ins Auge gefasst zu haben.“

von Julia Pennigsdorf

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