Bis ins letzte Detail lässt sich der Unfallhergang vom Dienstagvormittag am Friedrichswall noch nicht nachvollziehen. Das, was bisher bekannt ist, dient uns im HAZ-Test als Arbeitshypothese, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich das Geschehen abgespielt haben könnte. Wie viel Zeit hatte der 81-jährige Fußgänger, um zu reagieren? Wie gut konnte der 44-jährige Motorradfahrer den Senior wahrnehmen? Was wäre passiert, wenn er eine Vollbremsung versucht hätte?
Das Gelände für unseren Laborversuch stellt freundlicherweise das ADAC-Fahrsicherheitszentrum zu Verfügung, als Proband dient ein erfahrener Motorradfahrer mit seiner knapp 80 PS starken BMW F 800 R. Zum Vergleich: Die Honda des Unfallfahrers verfügte über 105 Pferdestärken.
Nach Angaben der Polizei beträgt die Strecke zwischen der Ampel, an der das Rennen der beiden Kradfahrer begann, und dem Punkt, an dem der 81-Jährige stand, ziemlich genau 200 Meter. Also stecken wir einen 200 Meter langen Parcours mit Pylonen in jeweils 50 Metern Entfernung ab. Im Gegensatz zum Friedrichswall ist unsere Strecke vollkommen gerade, es gibt keine äußeren Einflüsse, die den Fahrer ablenken könnten. Am Ende der Strecke markiert ein Statist den Fußgänger.
Wir bitten unseren Testfahrer, die 200 Meter lange Strecke mehrfach aus dem Stand mit Vollgas zu absolvieren, allerdings nicht um jeden Preis. Unser Mann fährt die Strecke mehrfach, erreicht dabei bis zu 140 Kilometer in der Stunde. Für die 200 Meter braucht er zwischen sechs und acht Sekunden – knapp die Hälfte der Zeit benötigt er für die ersten 50 Meter nach dem Start. Das ist insofern von Bedeutung, als das Unfallopfer vom Friedrichswall die beiden Motorräder bei ihrem Start aufgrund der Biegung der Straße nicht sehen konnte. Nimmt man an, dass erst die letzten 150 Meter für ihn einsehbar waren, wären dem 81-Jährigen in unserem Testfall drei bis vier Sekunden geblieben, um zu reagieren – sofern er die beiden Motorräder sofort bemerkt hat.
Etwa eine Sekunde braucht ein Mensch nach Einschätzung von Professor Dietmar Otte, Verkehrsunfallforscher der Medizinischen Hochschule, um die Gefahr zu registrieren. Zwei bis drei Sekunden seien notwendig, um zu entscheiden, wie am besten zu reagieren ist. Anzunehmen ist, dass die Reaktionszeiten des Unfallopfers aufgrund seines Alters eher noch länger waren. Unser Proband versucht, darauf zu achten, ab welchem Punkt er den Statisten am Ende der Strecke wirklich wahrnimmt. Ergebnis: Natürlich sei der Mann prinzipiell aus 200 Metern zu erkennen – wenn man wisse, dass er da ist. „Aber wirklich wahrgenommen habe ich ihn vielleicht bei 100 Metern“, sagt der Fahrer. Dabei ist auf dem Testgelände nichts, was ihn ablenken könnte – anders als in der belebten Innenstadt. „Viele Fahrer blicken gerade bei solchen Geschwindigkeiten nur bis kurz vor ihr Vorderrad“, sagt unser Mann. Auch ihm fällt auf, dass die an sich reichlich breite Straße auf dem Testgelände bei mehr als 100 Kilometern in der Stunde „ganz schön schmal wird“. Dazu kommt, dass die beiden Fahrer sich bei ihrem Privatrennen gegenseitig beäugt haben und so abgelenkt gewesen sein dürften.
Laut Polizeibericht hat der Fahrer den Mann touchiert, dann versucht, die Maschine zu stabilisieren. Das könnte dafür sprechen, dass der 44-Jährige keine Vollbremsung versucht hat – aus gutem Grund. Die Honda älteren Baujahrs verfügt vermutlich nicht über ein Antiblockiersystem (ABS). „Ohne ABS wäre er bei der Geschwindigkeit unweigerlich weggerutscht, das Vorderrad hätte blockiert“, sagt unser Fahrer.
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Kommentare
Richtigstellung Jacob – 19.09.10
Man sollte erst lesen bevor man kritisiert. Der verunfallte Fahrer war es der laut Text versucht hat eine Vollbremsung zu vermeiden, der erfahrene Fahrer im Video hat versucht das Szenario des Unfalls (also ebenfalls ohne Vollbremsung) nachzustellen, um so die Zusammenhänge zwischen Zeiten und Geschwindigkeiten des Unfalles nachvollziehen zu können.Blockade RL – 13.08.10
Ich empfehle ihrem angeblich erfahrenem Testfahrer mal die Teilnahme an einem ADAc-Sicherheitstraining für Motorradfahrer. Dort wird er dann lernen, wie man auch ohne ABS eine Vollbremsung machen kann. ohne zu stürzen. Ja, man lernt sogar, wie man mit einem blockierendem Vorderrad umgeht.Die meisten Rennmotorräder fahren noch immer ohne ABS, und deren Fahrer erzielen damit Bremsleistungen, die für uns Normalfahrer unvorstellbar sind.
Bitte unterlassen sie doch in Zukunft solche schlecht recherchierte Berichte.
Davon mal abgesehen, verurteile ich als Motorradfahrer solche Rasereien innerorts. Mein Mitgefühl gilt der Familie des Getöteten. Für den Motorradfahrer habe ich kein Mitgefühl.
Das tut schon weh... luigi – 13.08.10
warum halten es manche Zeitgenossen nicht an die Empfehlung von dieter Nuhr: Wenn man keine Ahnung hat, ...Wer 3 Sekunden überlegen muß, was er in einer Gefahrensituation tun muß sollte lieber Bus fahren. Ansonsten ist dieser Pseudo-Test wohl eher lächerlich, auch durch eine traurigen und tragischen Anlass.
Schuldfrage ÖPNV-Mobilist – 12.08.10
Niemand hat das Recht einen Menschen einfach umzufahren. Auch dann nicht wenn er beispielsweise mitten auf der Autobahn stünde. Ganz egal, wie er dort hin kommt.Passieren tut so etwas leider trotzdem. Von persönlicher Schuld desjenigen, der jemanden umfährt, kann man allerdings nur dann sprechen, wenn der Fahrer überhaupt die Chance hatte, auszuweichen.
Die Zeit um eine Gefahrensituation wahrzunehmen ist eine Sekunde.
Die Zeit um eine Entscheidung für eine angemessene Reaktion für die Gefahrensituation zu treffen ist 2 bis 3 Sekunden.
Bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h (das entspricht ca. 14 m/s) legt ein Fahrzeug in diesen 3 bis 4 Sekunden eine Strecke von 42 bis 56 m zurück.
Eine Person, die an einer nicht dafür vorgesehenen Stelle eine Fahrbahn betritt, die als Straße für den MIV (Motorisierten Individualverkehr) ausgewiesen ist, kann im Falle, dass sie umgefahren wird, nur dann damit rechnen, dass demjenigen, der sie umfährt ein schuldhaftes Verhalten nachgewiesen wird, wenn der Nachweis gelingt, dass er schneller als 50 km/h gefahren ist, und wenn die umgefahrene Person nachweislich mindestens 50 m vor dem herannahenden Fahrzeug die Straße betreten hat.
Bei weniger als 50 m muss man davon ausgehen, dass der Fahrer keine Chance hatte, überhaupt irgendein Ausweichmannöver durchzuführen, auch dann nicht, wenn er die üblicherweise zugelassene Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h nicht überschritten hat.
Die entsprechenden Nachweise betreff der Abstände und gefahrenen Geschwindigkeiten zweifelsfrei zu erbringen dürfte in der Regel sehr schwer sein.
Daraus den Schluss zu ziehen, dass im Zweifelsfall der Fahrer eines Fahrzeuges unschuldig ist, ist jedoch falsch. In vielen Fällen verhält es sich wohl eher so, dass eine Schuldhaftigkeit nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann.
Derjenigen Person, die eine Fahrbahn betritt, eine Schuld nachzuweisen, weil sie zum Beispiel die Fahrbahn betritt, als das herannahende Fahrzeug schon auf eine Distanz von weniger als 50 m herangenaht war, dürfte ebenfalls nicht ganz einfach sein.
Leider aber scheint ein (un-)"gesundes Volksempfinden" weit verbreitet zu sein, dass ein Fußgänger, der eine Fahrbahn betritt, grundsätzlich selbst dran schuld ist, wenn er dann umgefahren wird.
Völlig unabhängig von der Schuldfrage rate ich an dieser Stelle ausdrücklich davon ab, entsprechende praktische Eigenerfahrungen bewusst herbeizuführen!!!!!
Es ist leider so, dass der MIV (Motorisierte Individualverkehr) den Öffentlichen Raum weitgehend für sich reklamiert hat. Versuchen Sie als nichtmotorisierter Verkehrsteilnehmer nicht, dies praktisch in Frage zu stellen. Selbst eine theoretisches Infragestellen führt bereits zu bezeichnenden Reaktionen.
schlechter Bericht Derdersichauskennt – 12.08.10
Liebe Redaktion,man ist das ein schlechter Bericht und ein schlecht gemachter Test.
Bevor Sie solch einen Test machen sollte Sie für die richtigen Grundvorrausetzungen sorgen. Die Unfall Honda ist z.B. ein Honda Cbr 1100xx mit je nach Bj 150-167PS und
der Unfall hätte wohl auch mit ABS nicht vermieden werden können. Bei einer Gefahrenbremsung mit solch einem Motorrad bei trockener Fahrbahn macht es keinen unterschied ob mit Abs oder ohne Abs. Das haben wir bei einem Training mal selbst getestet.
Die Frage ist doch überhaupt die der Sinnlosigkeit bei diesem Unfall.
Ich bin selbst solch ein "Motorradrowdie" aber mit über 100km/h durch die Stadt, Ort etc geht garnicht.
Mir tut die Familie des Rentners unentlich leid, solch ein Tot ist echt sinnlos. Dem Biker wirds wohl nicht besser gehen und der wird sein lebenlang mit einem schlechten gewissen leben müssen.
Ich dachte schlechter geht nicht ... ABS-Biker – 12.08.10
.. als ich die Berichterstattung gestern gelesen habe. Es geht schlechter weiß ich heute:Die Videos: Was soll das wackelnde Videos aus Sicht des Motorradfahres (ins Gegenlicht gefilmt) zeigen? Entschuldigung, aber wenn das die normale Sicht eines Motorradfahrers ist, dürften Drogen im Strassenverkehr kein Problem sein.
Was ist mit der Akustik ? Kann man das Motorrad kommen hören (ist für jeden interessant, der mal eine Landstrasse überqueren will).
Woher weiß man, das der Mann auf der Strasse stand und dort stehengeblieben ist? Macht eine solche Annahme auf einer mehrspurigen Ausfallstrasse Sinn? Reine Spekulation finde ich unangebracht. Eine sich (vielleicht sogar vor und zurück) bewegende Person stellt eine völlig andere Situation dar.
Was passiert, wenn ein Fahrzeug (egal welches) 50 fährt und plötzlich jemand die Strasse betritt ?
Ein Motorradfahrer braucht incl. Reaktionszeit ca. 70 Meter aus 100 km/h um zum stehen zu kommen. Aus 70 Meter kann man eine Person auf der Strasse klr erkennen. Warum spielt das in der Betrachtung keine Rolle ?
Zum Polizeibericht: Wenn bei einem Motorrad die Räder aufgrund eines äußeren Einflusses (z.B. ein Schlag) eine weitere Kraft als die Zentrifugalkraft verarbeiten müssen, hilft auch kein ABS. ABS sorgt für "Anti-Blockieren" nicht für "Anti-Schlingern". Bei einem schlingerndem Lenker eine saubere Vollbremsung zu machen halte ich bei einem Motorrad für schlicht nicht möglich - nicht mal ein Voll-Integrales Bremssystem kann das (die Fussbremse bremst das Vorderrad mit -> recht selten, weil problematisch wenn man in Kurven bremsen muss, Vollbremsung führt auch mit ABS zum Sturz). Trotz allem Aufwand also mehr Fragen als Antworten und daher eine 5- für den Artikel.
Nur zur Klarheit: Es ist mehr als idiotisch mit mehr als 100 KM/H in der Stadt zu fahren. Dem Motorradfahrer sollte man seinen Führerschein lebenslang entziehen.
Proband HAZ.de – 12.08.10
Vielen Dank für den Hinweis, ist korrigiert.Probant? Duden – 12.08.10
Meines Wissens wird dieses Wort so geschrieben: Proband.Autsch.
@Fehlverhalten Fußgänger – 12.08.10
Wie kann denn von Fehlverhalten einzelner der Rede sein, wenn nahezu jeder solche Rücksichtslosen Motoradraudis schon erlebt hat? Ist das vielleicht immer der Selbe, ich glaub kaum.Dafür das Motoradfahrer wie auch Radfahrer die schwächeren Verkehrsteilnehmer sind, die dazu noch schlechter wahrzunehmen sind, halten sie sich erschreckend wenig an Regeln für Vorfahrt, Abstand und Geschwindigkeit. - Gut es gibt auch Autofahrer die dies nicht tun, jedoch ist es ein herheblicher Unterschied ob jemand auf einer gut ausgebauten Straße mit 60-70 km fährt, oder mit 90 - da lang rast.
@seniorenhasser rolo – 12.08.10
geschätzter mitbürger! ich vermisse einen kommentar in ihrem kommentar! die substanz ihres beitrages besteht eigentlich nur aus schmähungen. das ist recht wenig, finden sie nicht auch?Fehlverhalten halo – 12.08.10
Ein Motorradfahrer, der unvernünftig und rücksichtslos rast. Ein Rentner, der die 3-spurige, vielbefahrene Straße quert ohne Überwege oder Fußgängertunnel zu nutzen. Zwei mal falsches Verhalten - zwei mal Mitverschulden, wenn auch sicherlich im unterschiedlichen Maße.Falsch ist aber, jetzt den Knüppel rauszuholen und verallgemeinernd auf Motorradfahrer und Rentnern -je nach eigener Anschauung- herumzuprügeln.
Der Unfall war überflüssig und vermeidbar bei angepasstem Verhalten der Beteiligten. Die Schuld bei anderen suchen ("Polizisten die Radfahrer ermahnen") ist fehl am Platz! Jeder sollte seine Verpflichtungen im Umgang mit anderen einhalten und nicht gleich auf andere zeigen.
Mein Mitgefühl gehört den Unfallopfern.
Sommerloch .. – 11.08.10
ab heute die neue Serie der HAZ.Raser und Heizer im Detail. In 16 Folgen deckt die Redaktion auf. Mit schockierenden Bildern und Videos die sie so noch nicht gesehen haben.
Vielleicht sollten die "Redakteure" einer bislang fast "seriösen" Zeitung auch an die Unfallbeteiligten denken.
Liebe haz jetzt reichts seniorenhasser – 11.08.10
nicht nur das die haz eine der schlechtesten Zeitungen in der Provinz Deutschland ist - nein - jetzt wird auch noch mit zweifelhaften Methoden unfallforschung betrieben ! Könnt ihr gar nix mehr? Soviel gespart an der Nachwuchs Ausbildung ??! Zum glück müsst ihr den Schwachsinn nicht nur schreiben sondern auch Drucken und dann selber lesen!Der senior zu alt um an der Stelle über die Strasse zu gehen... Die biker zu jung um den gashan auf zu reißen - die lernen es eh erst wenn die eigenen Kinder plattgerast werden.(falls die jemals das erreichen werden, Kinder zeugen , kennen , großziehen und erziehen).. Die Stadtverwaltung unfähig ... Die Polizei hat wahrscheinlich im rot grün Auftrag Tickets auf der listet Meile verteilt - an Radfahrer!!! Und die peinliche Lokalpresse vergleicht Äpfel mit Gurken , äh , sorry Birnen ! Ach ja die Videos ... Wurden versehentlich gelöscht ... Gebt dem Volk doch endlich einen Speedway!!!!