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Aus der Stadt Jenisas Mutter bricht im Gerichtssaal zusammen
Hannover Aus der Stadt Jenisas Mutter bricht im Gerichtssaal zusammen
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00:16 25.09.2015
Von Michael Zgoll
Acht Jahre nach dem Verschwinden der kleinen Jenisa beginnt nun der Prozess gegen ihren mutmaßlichen Mörder, Ibrahim B. Quelle: Dröse
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Hannover

Die Worte, die die Mutter im Gerichtssaal hervorstößt, könnten nicht klarer sein: „Schwein“, schleudert sie dem Angeklagten entgegen, „Arschloch“. 15 Meter entfernt von ihr sitzt Ibrahim B. Regungslos. Der gebürtige Türke soll die Tochter der 38-jährigen Roma, die aus dem Kosovo stammt, umgebracht haben. Aus tief empfundenem Hass gegen Albaner? Aufgrund familiärer Zwistigkeiten?

Laut Staatsanwalt ist die achtjährige Jenisa am Freitag, 7. September 2007, qualvoll gestorben. Gewürgt, vergewaltigt und mit einem Ast totgeprügelt von dem Lebensgefährten ihrer Tante, in einem Wald nahe Wunstorf. Am Dienstag hat das Schwurgericht den Prozess gegen den 44-Jährigen eröffnet. Angeklagt ist er des sexuellen Missbrauchs eines Mädchens. Der Vergewaltigung einer Achtjährigen. Des Mordes an einem Kind.     

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Vor knapp sieben Jahren verschwand die achtjährige Jenisa aus Hannover. Jetzt stehen die Ermittler möglicherweise vor der Aufklärung des Falls. Die wichtigsten Ereignisse im Überblick:

Wenige Minuten nach ihrem lautstarken Gefühlsausbruch, in einer Verhandlungspause, bricht die Mutter zusammen. Die korpulente Frau, die den Tod ihrer Tochter nie verwunden hat und die so depressiv wurde, dass sie unter Betreuung gestellt werden musste, liegt auf dem Boden. Kurz darauf eilen Rettungssanitäter in den Saal. Die 38-Jährige wird im Rollstuhl aus dem Gerichtsgebäude gefahren, per Krankenwagen in eine Klinik gebracht. Ihre Vernehmung muss die Kammer für diesen Tag streichen.

Ibrahim B. ist ein Kindermörder. Erwiesen ist dies im Fall des fünfjährigen Dano. Der Junge stirbt im März 2014, in B.s damaliger Wohnung in Herford. Der Mann wirft ihm ein Laken über den Kopf, prügelt auf ihn ein, erdrosselt ihn mit einem Kabel. Einen Fünfjährigen. Warum? Seine Lebensgefährtin, die Tante von Jenisa, hat B. kurz zuvor verlassen. Der zutiefst frustrierte Mann gerät mit dem Nachbarsjungen, der doch nur einen Freund zum Spielen abholen will, in Streit. Und reagiert sich schließlich auf so unfassbare Weise ab. Im Mai 2015 hat der Bundesgerichtshof das Urteil des Landgerichts Bielefeld – lebenslange Haft für einen Mord aus niedrigen Beweggründen – bestätigt.

Beim Schwurgerichtsprozess am Dienstag verweigert der Mann mit den kurzen, grauen Haaren die Aussage. Stattdessen stellt Verteidigerin Christina Peterhanwahr gleich zu Beginn einen Antrag: Die Hauptverhandlung dürfe nicht eröffnet werden. Schließlich sei ein früheres Verfahren gegen ihren Mandanten – wegen Kindesentziehung – eingestellt worden. Rechtskräftig. Eine Wiederaufnahme sei nur aufgrund neuer Tatsachen oder Beweismittel möglich – doch die fehlten.

Dass zwei Häftlinge Ibrahim B. in einem Bielefelder Gefängnis 2014 das schriftlich fixierte Geständnis entlockten, Jenisa umgebracht zu haben, sei unrechtmäßig gewesen, so die Anwältin. Die Polizei habe gar nicht mehr ermitteln dürfen, den Mitgefangenen seien für das Ausspionieren von B. verbotenerweise Vergünstigungen in Aussicht gestellt worden.
Staatsanwalt Sebastian Römer gibt zu, dass die zwei Häftlinge B. mit einer erfundenen Geschichte hereingelegt haben. Doch seien die Mitgefangenen von der Polizei keineswegs unter Druck gesetzt worden, dies zu tun. Auch hätten die Erkenntnisse aus diesem Geständnis schließlich zu einem Durchbruch geführt: Im September 2014 wurden Jenisas sterbliche Überreste gefunden, nahe einem Wald bei Wunstorf. Für die Anwälte Manfred Koch und Benjamin Schmidt, die die Eltern des getöteten Mädchens vertreten, wird aber derzeit über eine andere Tat verhandelt als vor sechs Jahren. Damals sei es um eine Kindesentziehung in Hannover gegangen, jetzt um einen Mord in Wunstorf. Und das Schwurgericht? Vertagt eine Entscheidung. Und der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch ruft den nächsten Zeugen auf.

Jenisas Vater erzählt von den letzten Stunden, die er seine Tochter noch lebend gesehen hat. Der 41-Jährige ist merklich gefasster als seine Frau, nur einmal – zu Sitzungsbeginn – lässt er sich zu einer Beschimpfung des Angeklagten hinreißen. Er habe seinen Töchtern Suppe gekocht an jenem Freitag, in der Wohnung in der Lindener Wittekindstraße. Dann habe er Besorgungen erledigt. Als er am Nachmittag heimkam, war Jenisa weg. Wollte, so hatte es die ältere Schwester verstanden, ihre Tante im Ihme-Zentrum besuchen. Doch dort muss sie, davon gehen die Ermittler aus, Ibrahim B. in die Hände gefallen sein. Ihrem „Onkel“, der sie in seinen Golf lockte und mit ihr Richtung Wunstorf fuhr.

Bald schwärmt der Familienclan aus, die Achtjährige zu suchen. In ihrer Verzweiflung bemühen die Eltern eine Wahrsagerin, andere Verwandte bitten einen Religionsgelehrten in Albanien um Rat. Ibrahim B. sucht mit und diktiert Journalisten einen perfiden Satz in ihre Blöcke: „Wir machen uns große Vorwürfe. Wären wir doch bloß zu Hause gewesen.“ Doch genau das war wahrscheinlich Jenisas Todesurteil: dass sich B. tatsächlich in der Wohnung seiner Lebensgefährtin aufhielt.

Der Vater bestätigt, dass sich seine Leute und Ibrahim B. nicht gut verstanden: „Er mochte uns von Anfang an nicht, weil wir Roma sind.“ Seit Jenisas Tod, sagt der 41-Jährige, seien alle Familienmitglieder psychisch angeschlagen.

Auch für den Angeklagten geht es um einiges in diesem Prozess. Wird B. erneut zu „lebenslang“ verurteilt und erkennt das Schwurgericht auf eine besondere Schwere der Schuld, dürfte sich eine mögliche vorzeitige Entlassung um mehrere Jahre verzögern. Auch eine spätere Sicherungsverwahrung könnte die Kammer beschließen.
Bislang hat sie acht Sitzungstage anberaumt, um den Fall aufzuklären. Heute sagen die zwei Häftlinge aus, die B. ans Messer geliefert haben.     

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