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Aus der Stadt Museums-Chef Krempel im Interview
Hannover Aus der Stadt Museums-Chef Krempel im Interview
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15:28 23.01.2012
Museumsdirektor Ulrich Krempel und sein Lieblingsbild „Verlorener Sohn“. Quelle: Alexander Körner
Hannover

Herr Krempel, der Museumsanbau ist auf gutem Wege: Die Finanzierung steht, die zwischenzeitlich zerstrittenen Geldgeber – Stadt und Land – haben sich wieder lieb. Fühlen Sie sich wie Hans im Glück?

Ja, aber wir haben den Mühlstein auch lange geschoben. Die erste Idee für die Erweiterung des Museums hatte Mike Gehrke bereits vor zwölf Jahren. Jetzt allerdings war der Zeitpunkt äußerst günstig. So eine Chance hätte man nicht wieder bekommen.

Sie meinen die EU-Mittel über 11,6 Millionen Euro, die nur in diesem Jahr zur Verfügung stehen?

Genau. Ohne diese glücklichen Umständen wäre die Initiative nicht weit gekommen. Dafür muss man sich nur die Gesamtkosten von 25,9 Millionen Euro für den Anbau plus zehn Prozent für Unvorhergesehenes vor Augen führen.

Über Geld sprechen wir später. Jetzt interessiert uns, was es eigentlich in dem neuen Museumstrakt zu sehen geben wird.

Zur Eröffnung der neuen Räume Ende 2014 veranstalten wir ein rauschendes Fest. Dann wird es für die Hannoveraner die Möglichkeit geben, einen ersten Eindruck von den Räumlichkeiten zu gewinnen, kostenlos versteht sich. Tatsächlich können unsere Besucher künftig einen etwa ein Kilometer langen Rundgang durch das gesamte Haus machen. Das ist bisher so nicht möglich gewesen. Der Rundgang beginnt bei der Picassoausstellung im alten Trakt, führt dann über eine markante Verbindungstreppe zum Neubau in die sogenannten tanzenden Räume. Das sind Säle, die leicht gedreht zueinander stehen. Dort können Besucher dann die deutschen Maler der zehner und zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts bestaunen. Diese Werke des Expressionismus zeigen wir derzeit noch in unseren Kellerräumen. Die Bilder werden in den tanzenden Räumen richtig zur Geltung kommen. Des Weiteren räumen wir der Fotografie im Anbau einen hervorgehobenen Platz ein. Denn dort haben wir die besten klimatischen Bedingungen, um eine Sammlung dauerhaft auszustellen.

Kann denn die Fotografie ein Massenpublikum begeistern?

Die Fotografie kann ein bestimmtes Publikum anlocken, vor allem junge Besucher und Familien. Es ist ja so, dass jede Ausstellung ihr eigenes Publikum anzieht. Mit der Fotografie besitzen wir jedoch ein Alleinstellungsmerkmal. Wir haben eine eigene Abteilung gegründet und beschäftigen eine Kuratorin, die sich nur um die Fotografie kümmert.

Das Sprengel Museum gilt in Hannover als einziges Haus, das international konkurrenzfähig ist. Wie weit reicht die Strahlkraft wirklich?

Tatsächlich wird das Sprengel Museum, und damit zusammenhängend die Stadt Hannover, in der ganzen Welt wahrgenommen. Mit unseren Schwitters-Exponaten etwa konnten wir die amerikanischen Kollegen in Berkeley und Princeton überzeugen und dort ausstellen, Gleiches gilt für unsere Niki-de-St.-Phalle-Sammlung, die international Beachtung findet. Auch sind wir Mitglied in einem kleinen exklusiven Klub, in dem nur die renommiertesten Museen Deutschlands vertreten sind.

Hat das Renommee gelitten, als sich vor einigen Monaten ein mit Ihrer Hilfe erworbenes Gemälde als Fälschung entpuppte?

Ein solcher Vorfall ist in der Tat schädlich fürs Image, doch kein Museum und keine Galerie ist davor gefeit. An der Provenienz des Bildes von Heinrich Campendonk hatten wir nicht die geringsten Zweifel, aber die Farbanalyse hat uns eines Besseren belehrt. Das Thema Fälschung ist leider so alt wie die Kunst selbst.

Das Sprengel Museum hat eine Menge Geld aus Steuermitteln bekommen, um sich zu erweitern. Auf der anderen Seite stehen das Museum August Kestner und das Historische Museum unter Sparzwang. Haben Sie kein schlechtes Gewissen gegenüber Ihren Kollegen?

Auch wir mussten sparen, haben aber immer betont, dass dabei bestimmte Grenzen gewahrt bleiben müssen. Keinesfalls sind wir überfinanziert. Sie müssen bedenken, dass ein großer Teil unserer Aufgaben hinter den Kulissen stattfindet, etwa die Forschungs- und Katalogisierungsarbeit. So haben wir nach zehn Jahren Arbeit das Schwitters-Werkverzeichnis fertiggestellt. Dazu braucht man Geld und hohen Sachverstand. Jetzt wenden wir uns den Schriften von Schwitters zu. Solche Arbeiten sieht ein Museumsbesucher nicht, sie sind aber unabdingbar für die Konzeption von Ausstellungen.

Dennoch werden Sie sich dem Thema Kostendeckung, das der Stadtkämmerer auf den Tisch gebracht hat, nicht entziehen können. Geben Sie zu viel Geld aus?

Ich würde die Frage umkehren: Geben wir eigentlich genug Geld für Kultur und Bildung aus? Es ist ja nicht so, dass das Sprengel Museum nur ein elitärer Kunsttempel ist, in den sich lediglich ein paar Feingeister verirren. 25.000 Kinder haben wir im vergangenen Jahr betreut und ihnen die Kunst näher gebracht. An Wochenenden besuchen uns viele Familien. Ich habe einmal gehört, wie ein junger Mann im Foyer zu seinem Kumpel sagte: „Hier kannste auch so hingehen.“ Über diesen Satz habe ich mich sehr gefreut. Ein Museum ist auch ein sozialer Ort und als solcher unbezahlbar.

Gleichwohl müssen Sie auf Besucherzahlen achten. Wann kommt eigentlich die nächste Großausstellung im Stile von „Marc, Macke, Delaunay“?

Eine Ausstellung wie „Marc, Macke, Delaunay“ mit mehr als 270.000 Besuchern kann man nur alle drei bis vier Jahre auf die Beine stellen. Damals hatten wir mit enercity auch den dafür nötigen Sponsor gewonnen. Dennoch bereiten wir derzeit eine neue, große Ausstellung vor – wieder zur klassischen Moderne und mit einer ganz neuen Fragestellung. Mehr möchte noch nicht verraten.

Haben Sie eigentlich schon für den Museumsanbau gespendet? 700.000 Euro fehlen ja noch.

Bisher nicht. Ich habe immer gesagt: Die letzten 500 Euro zahle ich.

Welches Exponat im Sprengel-Museum möchten Sie den Hannoveranern ganz besonders ans Herz legen?

Mein Lieblingsbild ist Max Beckmanns „Verlorener Sohn“ von 1949. Da lebte der Künstler im amerikanischen Exil; und ähnlich wie der verlorene Sohn, der sich inmitten vieler verführerischer Mädchen und einer alten Mahnerin besinnt und nach Hause zurückkehrt, mag sich Beckmann gefragt haben, ob er nach Hause zurückkehren sollte, nach Deutschland. Leider starb er wenig später und sah Deutschland nie mehr.

Die Fragen stellten Volker Goebel und Andreas Schinkel

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Das letzte Wort über die Fassadengestaltung für den Anbau des Sprengel Museums ist noch nicht gesprochen. Zwar steht fest, dass die Außenwand aus sogenanntem Sichtbeton errichtet werden soll. Doch über die Gestaltung wird noch diskutiert.

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