Hannover. Sie ist 21 Jahre alt. Und sie liebt die Musik der heute über 60-Jährigen, den Folkrock und die Lieder der Singer und Songwriter der sechziger und siebziger Jahre. Melanie, Joni Mitchell und auch der Bluesrocker Paul Rodgers, das seien ihre Vorbilder, sagt Natascha Bell. Vor sechs Jahren hat sie sich selbst das Gitarrespielen beigebracht, und wer sie bei YouTube im Internet ihre eigenen Songs singen und spielen hört, fühlt sich ein wenig in die Zeit zurückversetzt, deren Musik die junge Frau mit den roten Haaren und dem lässigen, leicht hippieartigen Kleidungsstil so gern hat.
Und nun stelle man sich vor, diese junge Frau aus Hannover trifft in einer Fernsehkulisse auf Casting-Urvater Dieter Bohlen. Was würde er zu ihr sagen? „Hey, wenn du dich schon anziehst wie die Leute in Woodstock, musst du doch nicht auch noch so singen“, könnte es heißen. Und weiter: „Frag mal lieber deine Oma, wie sie das findet.“ Doch Natascha Bell trifft in der Kulisse, die sie sich ausgesucht hat, nicht auf Bohlen, sondern auf Xavier Naidoo, Nena, Rea Garvey und zwei Mitglieder der Countryband The BossHoss: Am Freitag ab 20.15 Uhr hat sie bei SAT.1 ihren großen Auftritt in der Show „The Voice of Germany“, jüngstes Kind in der großen Casting-Familie und ein echter Quoten-Überraschungserfolg. Hinhören statt hingucken, respektieren statt niedermachen, lautet das Prinzip.
In der ersten Runde sitzen die prominenten Juroren mit dem Rücken zu den Kandidaten. Sie drehen sich um, wenn ihnen die Stimme gefällt. Wer auf diese Weise ausgewählt wird, wird regelrecht umworben, ansonsten erklärt man freundlich, warum es nichts war. In so eine Kulisse scheint sie zu passen, die in England geborene, in Kiel aufgewachsene und vor einem Jahr zum Studium an der Musikhochschule von Hamburg nach Hannover gekommene Nachwuchsmusikerin. Sie sagt von sich: „Eigentlich mag ich keine Castingshows.“
Doch bei „The Voice“ sei es anders: „Da geht es nicht um die Maße 90-60-90, sondern um Stimme und Talent.“ Auch alle Juroren seien „renommierte, gute Leute“, betont die Studentin des Studiengangs Popular Music, deren Traum es ist, ihre Leidenschaft für die Musik zum Beruf zu machen. „Bohlen ist halt nicht der beste Sänger, Xavier Naidoo schon.“ Mit dem schwierigen Stück „What’s up“ der 4 Non Blondes will sie es Freitag in die nächste Runde schaffen. „Meine Kommilitonen, meine Mutter und meine beiden Schwestern sind schon ganz gespannt.“ Und wenn es nicht klappt, sei es auch nicht weiter schlimm. „Ich fände es schon richtig toll, wenn ich die vielen Millionen vorm Fernseher neugierig auf meine Musik machen könnte.“
Wenn sie live auftritt, spielt Natascha Bell im Kulturpalast oder im Musikzentrum. Auch am Donnerstag, einen Tag vor „The Voice“, ist sie in Hannover live zu hören: Ab 21 Uhr spielt sie in der Musikkneipe „Große Welt“ am Weidendamm 8 – und profitiert dabei schon vom Casting-Netzwerk. „Meine Kollegin Charlie Waldschmidt aus Frankfurt ist auch dabei.“ Die ist schon eine Runde weiter.
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