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Aus der Stadt Musikzug spielt für erkrankten Musiker im Hospiz
Hannover Aus der Stadt Musikzug spielt für erkrankten Musiker im Hospiz
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00:24 28.02.2018
Maik Woltemate hört vom Bett aus dem Musikzug zu. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

 Im Diakovere Uhlhorn Hospiz haben sie in den vergangenen 18 Jahren so einiges erlebt: Um Sterbenden einen Wunsch zu erfüllen, lassen sich Angehörige und Freunde viel einfallen. Sie feiern Weihnachten im August, organisieren eine Caipirinha-Party oder lassen eine Jazzband im Flur auftreten. Aber ein ganzer 20-köpfiger Musikzug mit Hörnern, Posaunen und Tuba war noch nie da. 

„Das ist Premiere“, sagt Gabriele Kahl von der Hospizleitung, „aber natürlich machen wir das möglich.“ Da wird Maik Woltemate einfach mit seinem Krankenbett in die Wohnküche geschoben, da werden die Flügeltüren zum Garten aufgemacht, und draußen stehen die Musiker mit Mütze und Handschuhen bei eisigen Temperaturen und spielen ihre Instrumente warm. Sie sind mit einem Feuerwehrbus aus dem Kreis Hildesheim gekommen.

Jede Woche zum Üben nach Wehrstedt im Kreis Hildesheim

Elf Jahre lang, jeden Freitagabend, hat Maik Woltemate mit seinem Tenorhorn mitgespielt. Blasmusik, Polka, aber auch modernere Stücke wie „Pirates of the Cabribean“ oder Lieder von Queen. Auch nach seinem Umzug nach Hannover ist er regelmäßig jede Woche nach Bad Salzdetfurther Ortsteil Wehrstedt zum Üben gefahren. Trotz seiner Mukoviszidose, trotz des Lymphknotenkrebes, den der 39-Jährige bekam, als nach einer Lungentransplantation sein Immunsystem sehr geschwächt war.  Bei der  Jahreshauptversammlung des Musikzugs im Januar war er noch dabei, schon da bettlägrig. 

Vor zwei Tagen ist er von der Palliativstation der Medizinischen Hochschule Hannover ins Hospiz umgezogen. Jetzt liegt der 39-Jährige drinnen im Bett, während draußen die Freunde den Ringordner mit den Noten zurechtrücken. Vorsichtig legt Sabrina Woltemate (36) die Hand auf die Schulter ihres Mannes.  Seit fast 20 Jahren sind sie ein Paar, seit 2014 verheiratet. „Musik gehört zu unserem Leben“, sagt er. Durch die Musik haben sich die beiden kennengelernt. Sabrina spielt Querflöte im Musikzug. An diesem Tag steht sie nicht draußen im Garten und spielt, sondern am Bett ihres Mannes: „Ich wollte den Moment mit ihm teilen.“  Der Musikzug sei so etwas wie Familie.

Astrid Elisat ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin für die Johanniter und arbeitet auch auf der Palliativstation der MHH. Dort hat sie auch Maik Woltemate kennengelernt und war beeindruckt von seiner Tapferkeit.„Ich helfe dabei, den Menschen mit einer zeitnah lebensbeendenden Krankheit ein Maximum an Lebensqualität zu ermöglichen“, sagt sie. „Bis zum letzten Atemzug so viel wie möglich und so gut leben wie möglich, zu lachen, zu feiern und zu genießen.“ So ein Moment „Leben bis zum Schluss“ ist auch das Konzert im Hospiz. 

Ehepaar Woltemate kam durch die Musik zusammen

Woltemates Kopf nickt im Rhythmus der Musik mit, das Horn kann er nicht mehr spielen, aber er ist dennoch Teil der Gruppe. Ein ganz entscheidender. Dann erklingt die Melodie von „Lion King“ (Löwenkönig). Ein Pfleger faltet ein Küchentuch, ganz langsam, akkurat, viermal, rückt die Brille ein bisschen ab und tupft sich die Tränen trocken. „Das ist schön“, sagt er. Eine Musikerin wird von ihren Gefühlen überwältigt und muss das Saxofon absetzen. Der Druck von Sabrinas Hand auf der Schulter ihres Mannes wird ein bisschen fester. So als ob sie ihm signalisieren möchte, dass sie da sei. Immer noch da sei.

„Was können wir noch auflegen für Dich?“, fragt Christian Bolm an der Tuba. Eine gute halbe Stunde hat  Musikzug schon gespielt. Dann kommt der Steigermarsch. Und es fließen die Tränen, bei Maik, den mit dem Stück viel verbindet, da auch sein Vater Bergmann war,  und bei seiner Frau, bei den Krankenschwestern und Hospizleiterin Kahl, und draußen bei den Musikern im Garten.

Beim Steigermarsch wird es sehr emotional

Saxofonist Stefan Raschke (39) ist einer der ältesten Freunden von Maik Woltemate. Die beiden Männer verbindet nicht nur die Liebe zur Musik, sondern auch zum Fußball. Eigentlich wollte er mit seiner Frau ein Krimi-Wochenende im Harz verbringen, das Hotel war  schon lang gebucht. Dann kam der Auftritt im Hospiz. Was ihm der Nachmittag bedeute? „Das kann ich nicht in Worte fassen“, sagt er. „Wir kennen uns schon ewig, seit 30 Jahre, als wir uns kennenlernten, waren wir zehn, und dieses Jahr werden wir 40.“ Er schluckt. Der Geburtstag seines Freundes ist erst im Mai.

Für Heike Lienhöft-Bolm (55), Leiterin des Musikzugs, war es keine Frage, dass sie für Maik im Hospiz spielen würden. „Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, das ist klar, das macht man für Freunde, ich würde mir das selbst auch wünschen, wenn ich so krank wäre.“

Anmerkung der Redaktion: Maik Woltemate ist am Sonntagmorgen gestorben. Er sei überraschend, aber doch friedlich eingeschlafen, teilte Sabrina Woltemate der HAZ mit. 

Von Saskia Döhner

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