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Aus der Stadt Justizirrtum wird in Hannover verfilmt
Hannover Aus der Stadt Justizirrtum wird in Hannover verfilmt
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00:16 25.03.2017
Von Michael Zgoll
Ein Foto am Set: Schauspieler Hannes Jaenicke (3. v. l.) wird von den Justizwachtmeistern Jörg Gronowski (v. l.), Andrea Rumpf und Kamil Brycki eingerahmt. Quelle: privat
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Hannover

Was für eine Schlagzeile: Hannes Jaenicke in Handschellen vor Gericht. Doch weil der 57-Jährige Schauspieler ist und auch seine 42 Jahre alten Berufskolleginnen Ursula Strauss und Valerie Niehaus bislang mehr durch exzellente darstellerische Leistungen als durch kriminelle Verstrickungen bekannt geworden sind, ahnt man sofort: Das hannoversche Amtsgericht ist lediglich Drehort für einen Fernsehfilm.

Eine Film mit Hannes Jaenicke über einen Justizirrtum dreht der NDR derzeit im Gesundheitsamt.

Unter den Arbeitstiteln „Die Lüge ihres Lebens“ und „Meine fremde Freundin“ lehnt sich die Produktion (unter der Regie von Stefan Krohmer) an einen der größten deutschen Justizirrtümer der jüngeren Vergangenheit an: den Fall des hessischen Studienrats Horst A., den das Landgericht Darmstadt 2002 wegen der angeblichen Vergewaltigung einer Kollegin zu fünf Jahren Haft verurteilte. 2011 wurde der Lehrer in einem Wiederaufnahmeverfahren wegen erwiesener Unschuld freigesprochen (siehe Extratext).

Der vom NDR in Auftrag gegebene Film, gedreht von der Hamburger Film- und Fernsehgesellschaft Polyphon, weicht in wichtigen Punkten von der Ursprungsgeschichte ab. Das tragische Geschehen spielt sich in Hannover ab, nicht im Odenwald, und die Hauptakteure arbeiten nicht an einem Gymnasium, sondern am Gesundheitsamt. Für viel Lokalkolorit ist gesorgt: Die im Gesundheitsamt spielenden Szenen drehte man in einer leerstehenden Etage des Sozialamts an der Hamburger Allee, und der Zoo wird ebenso ins rechte Licht gerückt wie der Nordstädter St.-Nikolai-Friedhof oder das Lister Krankenhaus. Für die Gefängnisszenen stellte die Justizvollzugsanstalt Sehnde Haftzellen zur Verfügung.

Landgericht spielt nicht mit

Ursprünglich wollten die Filmemacher die Gerichtsszenen im hannoverschen Landgericht drehen, doch dieses lehnte ab. „Wir stellen unsere Räume nur für Veranstaltungen zur Verfügung, die dem Ansehen der Justiz nicht abträglich sind“, begründet Pressedezernent Hans-Christian Rümke die Absage - also gab man sich zugeknöpft.

Keine Berührungsängste hingegen hatte das Amtsgericht, eh für seine öffentlichkeitsfreundliche Medienarbeit bekannt. „Man muss sich auch solchen Themen stellen“, sagt Presserichter Jens Buck. Und so wurde die Leonhardtstraße zwischen Fachgerichtszentrum und Amtsgericht zum Parkplatz für etliche Sattelschlepper mit technischem Gerät, verwandelten sich zwei Säle im Neubau am Volgersweg zu Landgerichtssälen.

Während der anderthalb Drehtage hätten die sieben Amtsrichter, sieben Justizwachtmeister und zwei Protokollführer, die nach einem Casting ausgewählt wurden, „wahnsinnig viel Spaß“ gehabt, so Buck. „Es war faszinierend zu beobachten, wie konzentriert und professionell die Schauspieler bei der Sache waren“, ergänzt der Pressesprecher, doch Zeit für einen Schnack oder ein Selfie-Foto mit den Laiendarstellern aus der hannoverschen Justiz hätten sie zwischendurch immer gefunden. Entgolten wurden die Mühen der Komparsen je nach Anwesenheitsdauer mit jeweils dreistelligen Honoraren im unteren Bereich.

Richter spielen Staatsanwälte

Hannes Jaenicke spielt im Film einen zu Unrecht beschuldigten Mann namens Volker Lehmann, Ursula Strauss alias Judith Lorenz ist die Kollegin, die ihn ins Unglück stürzt. Als Vorsitzender Richter im ersten Prozess tritt der hannoversche Theaterschauspieler Wolf List in Erscheinung, während sein Kollege Mathias Max Hermann einen Gutachter mimt. Die hannoverschen Richter Dorothea Maciejewski und Koray Freudenberg verwandeln sich in Staatsanwälte, und die Amtsrichter Bianca Ziche, Gudrun Eichloff-Burbließ, Olaf Wöltje und Ulrich Kleinert treten als Beisitzer von Landgerichtskammern auf. Presserichter Buck, im Reden besonders bewandert, bekam die einzige Sprechrolle der hiesigen Juristen zugewiesen; er darf als Vorsitzender Richter im Wiederaufnahmeverfahren den Urteilsspruch verkünden: „Herr Lehmann, im Namen der deutschen Justiz möchte ich mich bei Ihnen für Ihr erlittenes Unrecht entschuldigen.“

Ausgestrahlt wird der Film laut NDR im Spätherbst dieses Jahres. Allzu viele Details mag der Sender noch nicht verraten, doch liegt der Fokus klar auf dem Unglück des unschuldig ins Gefängnis verbannten Mannes. Das spätere Schicksal der Frau spielt im Hannover-Film keine Rolle mehr - im als Vorlage dienenden Fall wurde die Lehrerin 2013 wegen schwerer Freiheitsberaubung zu einer Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt.

Vergewaltigung war frei erfunden

Der dem hannoverschen Justizdrama zugrunde liegende Fall spielte in Hessen. Der Biologie- und Sportlehrer Horst A. habe, so urteilten die Richter des Darmstädter Landgerichts 2002, seine Kollegin Heidi K. im August 2001 vergewaltigt, in einer Pause in einem Bio-Vorbereitungsraum. Weil A. sich weigerte, seine Schuld einzugestehen und sich einer Therapie für Sexualstraftäter zu unterziehen, musste er die gesamten fünf Jahre seiner ausgeurteilten Haftstrafe absitzen.
Erst nach seiner Entlassung wurden immer mehr Lügen und Widersprüche im Lebenslauf der Lehrerin bekannt, die A. nach einem verbalen Streit angezeigt hatte. Demnach hatte die Frau schon mehrmals Männer aus ihrem Umfeld krimineller Machenschaften bezichtigt, von Mordversuchen bis zu angeblichen Misshandlungen. 2011 wurde A. vom Landgericht Kassel wegen erwiesener Unschuld freigesprochen, durfte aber nicht auf seinen Posten als Lehrer zurückkehren. Im Juni 2012 starb der 53-Jährige, verbittert und depressiv, an einem Herzinfarkt.
Heidi K. wurde 2013 im Alter von 49 Jahren ihrerseits zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt – wegen schwerer Freiheitsberaubung in mittelbarer Täterschaft. Auch verlor sie ihren Beamtenstatus und ihre Pensionsansprüche.

miz

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