Wissenschaftler halten sich an Fakten. Das sollte besonders für eine Bewerbung in der Exzellenzinitiative des Bundes gelten: Wer sich in dem bundesweiten Wettstreit um Spitzenforschung mit dem Gütesiegel „Elite-Uni“ schmücken will, muss außergewöhnliche Erfolge vorweisen können. Jetzt will das Wissenschaftsministerium die Niedersächsische Technische Hochschule (NTH), den Verbund der Unis in Hannover, Braunschweig und Clausthal, auf Potenziale für die Bestenliga durchleuchten – mit dem Ziel, 2010 einen entsprechenden Antrag zu stellen. Allerdings kann die zum Jahresanfang an den Start gegangene NTH bisher offenbar nicht allzu viel in die Waagschale werfen. „Der Hochschulverbund steckt erst mitten in der Entwicklungsplanung“, sagt Ernst Gockenbach, Professor für Elektrotechnik an der hannoverschen Leibniz-Uni und zugleich Senatsmitglied der NTH. „Eine Chance für eine Elitehochschule haben wir noch nicht.“
An der Leibniz-Uni bestehen Bedenken, ob auch das Ministerium sich an diese Fakten halten wird. Schließlich hatte Wissenschaftsminister Lutz Stratmann die NTH vehement vorangetrieben. Hinter vorgehaltener Hand halten es Uni-Professoren daher für möglich, dass bei der für das übernächste Wochenende geplanten Klausurtagung mit den NTH-Präsidenten vor allem politische Zielvorgaben für die künftige Wettbewerbsstrategie eine Rolle spielen könnten. Fest steht: Die Hürden in dem von Deutscher Forschungsgemeinschaft (DFG) und Wissenschaftsrat organisierten Wettbewerb sind hoch gesteckt. Wer in der Premiumsparte an den Start gehen will, muss bestimmte Bedingungen erfüllt haben. Voraussetzung für das Elitelabel ist, dass eine Hochschule zunächst ein „Exzellenz-Cluster“ – ein herausragendes interdisziplinäres Forschungprojekt – gewonnen haben muss. Auch eine Graduiertenschule zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses muss prämiert worden sein. Erst mit diesem doppelten „Polster“ kann eine Uni sich mit einem zukunftsweisenden Konzept für die Elitekategorie bewerben.
Während die Hochschulen in Braunschweig und Clausthal in bisherigen Exzellenzrunden leer ausgegangen sind, waren die Unis am Wissenschaftsstandort Hannover deutlich erfolgreicher. Die Leibniz-Uni und die Medizinische Hochschule (MHH) haben in zwei von drei Sparten gepunktet. Die MHH erhielt den Zuschlag für das Cluster „Rebirth“ zur regenerativen Medizin, an dem Maschinenbauer der Leibniz-Uni und Forscher der Tierärztlichen Hochschule (TiHo) beteiligt sind. Zudem gewann die MHH eine Graduiertenschule. Die Uni-Quanten- und Gravitationsphysiker waren mit dem Cluster „Quest“ erfolgreich.
Nach dem derzeitigen Stand der Wettbewerbsspielregeln müsste die NTH als neu gegründete Dreierhochschule zunächst erst alle Vorbedingungen aus eigener Kraft erfüllen – um sich dann der Herausforderung eines Eliteantrag stellen zu können. Nicht nur Uni-Forscher wie Gockenbach, auch externe Kenner der Wissenschaftslandschaft halten das für nicht machbar. Sollte die NTH einen Eliteantrag stellen und damit scheitern, könne das dem Hochschulverbund überdies schaden, meinen die Fachleute.
Vor allem Uni-Präsident Prof. Erich Barke hatte sich in der Vergangenheit für eine Alternative stark gemacht – er wollte auf den Exzellenzerfolgen der hannoverschen Hochschulen aufbauen und diese gemeinsam als Anwärter für eine „Elite-Uni“ ins Rennen schicken. Allerdings gibt es auch in dieser Konstellation Hürden. Weil die Wettbewerbsjuroren den losen Verbund von Uni, MHH und TiHo nicht anerkennen, müsste die Uni als größte der drei Hochschulen in Sachen Elite alleine antreten; MHH und TiHo wären dann nur Kooperationspartner. Für diese Lösung brauchte die Uni zudem noch eine eigene Graduiertenschule. Über die Erfolgsaussichten wagt derzeit keiner der Beteiligten eine Vorhersage. „Wir müssen alle Stärken und Schwächen jeder antragstellenden Hochschule genau abwägen“, sagt Wilhelm Krull, Generalsekretär der in Hannover ansässigen Volkswagenstiftung, der auch der „Initiative Wissenschaft Hannover“ angehört.
Die MHH verhält sich zu den Plänen zurückhaltend. Der Erfolg des Exzellenz-Clusters „Rebirth“, mit dem bisher mindestens 80 Millionen Euro an öffentlichem und privatem Geld eingeworben wurden, stehe für sich, erklärt MHH-Sprecher Stefan Zorn. Die Idee, MHH und NTH gemeinsam als „Elite-Uni“ antreten zu lassen, wie es sich Braunschweigs Uni-Präsident Prof. Jürgen Hesselbach vorstellt, schloss Zorn aus: „Das ist für uns kein Thema.“
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