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Sie will sich nicht verstecken

Nach Säureangriff Sie will sich nicht verstecken

Ihr Ex-Freund hatte sie mit Säure übergossen. Aufgrund der Schwere der Verletzungen wurde Vanessa M. aus Leinhausen elf Tage lang ins künstliche Koma versetzt. Nun geht sie gemeinsam mit ihrem Vater und einem Anwalt an die Öffentlichkeit – ganz bewusst.

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Hier bin ich: Schwefelsäure hat die linke Gesichtshälfte der 27-jährigen Vanessa M. entstellt, doch die junge Frau will sich drei Wochen nach dem Angriff durch ihren Ex-Freund nicht mehr verstecken.

Quelle: Surrey

Hannover. Vanessa M. sitzt aufrecht auf ihrem Krankenbett in der MHH und lächelt zur Begrüßung. Dann gibt sie den Besuchern die Hand und blickt ihnen dabei fest in die Augen, fast so, als wäre nichts geschehen, als wäre ihre linke Gesichtshälfte nicht durch einen Angriff mit ätzender Säure vor gut drei Wochen schwer entstellt. Die 27-Jährige wolle nicht reden, hatte Matthias Waldraff, ihr Rechtsanwalt, im Vorfeld betont, sie wolle sich aber zeigen. „Sie hat für sich den Entschluss gefasst: Ich lasse mir mein zukünftiges Leben nicht zerstören, ich gehe damit offensiv um“, sagt er.

Der erfahrene Verteidiger, der Medien gern und regelmäßig in seine Strategien einbindet, hatte für die Vertreter der drei hannoverschen Tageszeitungen den Termin am Dienstagmorgen mit seiner Mandantin und ihrem Vater Martin M. möglich gemacht. Es sei der ausdrückliche Wille der 27-Jährigen gewesen, den Schritt in die Öffentlichkeit zu machen, erklärte Waldraff. „Sie will wieder einkaufen und mit ihren Eltern essen gehen, ohne sich verstecken zu müssen, und deswegen macht sie diesen Schritt, von dem es kein Zurück mehr gibt“, sagt der Jurist.

Zwölf Tage lag Vanessa M. nach dem hinterhältigen Angriff ihres Ex-Freunds Daniel F. im künstlichen Koma auf der Intensivstation, sechs weitere Tage benötigten die Ärzte der Medizinischen Hochschule, um die 27-Jährige wieder langsam ins Leben zurückzuholen. „Erst am vergangenen Freitag war sie wieder vollständig ansprechbar“, sagt der Vater des Opfers. Martin M. verbringt jeden Tag mehrere Stunden am Krankenbett, führt lange und intensive Gespräche mit seiner Tochter. „Ich musste ihr nach dem Aufwachen nicht lange erklären, was passiert ist, sie konnte sich an alles erinnern“, sagt der 58-Jährige. Zudem verstand die gelernte Kosmetikerin sehr schnell, wie schlimm die Hautverletzungen waren, die sie bei der Attacke erlitten hatte. Es dauerte aber einige Zeit, bis sich die junge Frau zum ersten Mal im Spiegel betrachten konnte. „Ich habe ihr zuerst ihre linke Hand gezeigt, die verletzt wurde, und habe ihr versucht zu erklären, dass ihre linke Gesichtshälfte so ähnlich aussieht“, sagt Martin M.

Ein Säure-Angriff durch ihren Ex-Freund hat die linke Gesichtshälfte von Vanessa M. aus Leinhausen verätzt. Nach drei Wochen zeigt sich die 27-Jährige der Öffentlichkeit. 

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Drei Operationen hat Vanessa M. bereits hinter sich gebracht. Wie viele noch folgen werden, ist derzeit noch vollkommen offen. Ihr linkes Ohr muss rekonstruiert werden, die Ärzte kämpfen weiter um die Sehkraft des linken Augapfels. „Sie wird die nächsten Jahre keiner geregelten Arbeit nachgehen können, weil sie wegen der Krankenhausaufenthalte regelmäßig über längere Zeiträume hinweg ausfallen wird“, sagt ihr Vater.

Am Montag waren Ermittler der Kripo bei Vanessa M. in der MHH. Sie haben ihre Aussage zu den Geschehnissen am Morgen des 15. Februar zu Protokoll genommen. Ihr Ex-Freund Daniel F. hatte die 27-Jährige in Leinhausen abgepasst, nachdem sie mit ihrem Hund Kylie zum Gassigehen aufgebrochen war. „Sie hat ausgesagt, ihr Ex-Freund sei aus einem Gebüsch gesprungen, habe sie beschimpft und habe dann die Säure auf sie geschüttet“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. Bislang war die Kripo davon ausgegangen, dass es sich bei der ätzenden Flüssigkeit um Batteriesäure gehandelt habe. Doch die Analysen der Chemiker des Landeskriminalamts förderten ein anderes Ergebnis zu Tage: „Es handelt sich um einen industriellen Rohrreiniger, der 96-prozentige Schwefelsäure enthält“, sagt Klinge.

Spendenaktion für Vanessa M.

Knapp 5700 Euro haben Freunde und Bekannte inzwischen für Vanessa M. gesammelt. Das Geld soll die Kosten für die anstehenden kosmetischen Operationen decken, die nicht von der Krankenkasse bezahlt werden. Seit Kurzem sammeln sie nicht nur Geld über eine Crowdfunding-Plattform im Internet, sondern haben bei der Sparkasse Hannover auch ein eigenes Spendenkonto für die 27-Jährige eingerichtet.

Die IBAN-Nummer und der genaue Empfängername sind auf der Seite zu finden.

Die Unterstützer verteilen auch Handzettel, haben Autos mit der Internetadresse für die Spendenaktion bekleben lassen und T-Shirts für den Verkauf entworfen. Auch beim Hannover-Marathon am 10. April wollen sie für die Spendenaktion werben. Zahlreiche Läufer wollen mit den Vanessa-T-Shirts an den Start gehen.

Vanessa M. muss voraussichtlich noch zwei bis drei Wochen in der MHH bleiben. Anschließend beginnt für sie sofort eine Reha-Behandlung, die zwischen drei und sechs Wochen dauern soll.  tm

Der mehrfach vorbestrafte Daniel F. wurde bereits rund zwei Stunden nach dem Anschlag von der Polizei festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft. Hatte sein Rechtsanwalt Benjamin Schmidt noch kurz nach der Inhaftierung öffentlich erklärt, sein Mandant sei während der Tat möglicherweise schuldunfähig gewesen, möchte der Jurist diesen Satz jetzt nicht mehr kommentieren. „Ich hoffe nur, dass es der jungen Frau möglichst schnell besser geht“, sagt Schmidt. Derzeit läuft die Begutachtung des Untersuchungshäftlings durch einen Sachverständigen, der auch der Frage nachgehen soll, ob Daniel F. schuldfähig ist.

Vanessa M.s Vater Martin kann bis heute nicht fassen, was Daniel F. seiner Tochter angetan haben soll. Der junge Mann habe auf ihn immer einen ganz normalen und netten Eindruck gemacht. „Wenn meine Tochter gewusst hätte, zu was der fähig ist, wäre sie nicht sechs Monate mit ihm zusammengeblieben“, sagt der 58-Jährige. Als Motiv für den Säureangriff kommt weiterhin nur die rasende Eifersucht von Daniel F. in Betracht. Nachdem sich Vanessa M. von ihm getrennt hatte, soll er sich zum Stalker entwickelt, die junge Frau regelmäßig belästigt und sogar Nacktfotos von ihr im Internet veröffentlicht haben, bevor der Säureangriff erfolgte. Geblieben ist bei der jungen Frau bis zum heutigen Tag die Angst vor ihrem Peiniger. „Sie fürchtet sich immer noch davor, dass er plötzlich vor ihrer Tür im Krankenhaus stehen könnte, obwohl sie genau weiß, dass er im Gefängnis sitzt“, sagt Rechtsanwalt Matthias Waldraff.

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Nach Anschlag

Knapp zwei Wochen nach dem Angriff mit Batteriesäure auf die 27-jährige Vanessa M. in Leinhausen hoffen die Ermittler in der kommenden Woche darauf, das Opfer zum ersten Mal zu dem Vorfall befragen zu können.

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