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Aus der Stadt Zum Tod von Wilhelm Sandmann: Der sanfte Verleger
Hannover Aus der Stadt Zum Tod von Wilhelm Sandmann: Der sanfte Verleger
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00:34 19.03.2018
Verleger Wilhelm Sandmann. Quelle: NP, Neue Presse
Hannover

Als er 1970 nach Hannover kam, war das Haus Madsack ein lokaler Zeitungsverlag, der im Wesentlichen die HAZ herausgab. Als er sich 2006 verabschiedete, verließ er ein überregional agierendes Unternehmen, das in vielen Mediengattungen zu Hause war und mehr als ein halbes Dutzend Zeitungen verlegte. Und mit der „Neuen Presse“ sogar eine zweite Zeitung für Hannover produzierte. Gut 36 Jahre lang hat Wilhelm Sandmann das Unternehmen Madsack stetig geprägt – und mit ruhiger Hand verändert. „Ganz ordentlich“, hat er selbst im Rückblick gesagt.

Und das war schon viel. Denn große Worte waren ihm verdächtig. Trotz seiner mächtigen Gestalt sprach er oft leise, manchmal fast grummelig, mit einem feinen Hang zur Ironie. Wer Sandmann in seinem Büro traf, in dem neben einem Glas für den gelegentlichen Sancerre-Genuss ein Drehaschenbecher lange von beträchtlichem Zigarillo-Verbrauch zeugte, entdeckte kaum die üblichen Insignien der Macht. Auch das passte nicht immer in die Welt der Verleger und Medienmanager früherer Jahre. Im Grunde wollte er auch nicht in diese Schublade gesteckt werden. Dass er sich gern mit dem Satz „Ich bin Drucker“ vorstellte, sagt viel. 

Vom Setzer zum Verleger

Besser noch: Es stimmte sogar, jedenfalls fast. Sandmann, Jahrgang 1933, hatte nach dem Krieg eine Schriftsetzerlehre absolviert und sich anschließend auf dem zweiten Bildungsweg bis in die akademische Welt gekämpft. Als Betriebswirt war er danach bei Axel Springer in Hamburg und Berlin für die technische Seite der Zeitungsproduktion zuständig – eine Herzenssache, sein Berufsleben lang. „Technischer Leiter“ war daher auch sein erster Titel in Hannover; Ende 1969 haben Verlegerin Luise Madsack und er den Vertrag unterschrieben. Das war mutig – ein freiwilliger Abschied von Springer kam damals nach Lesart des Verlegers einer Art Verrat gleich.

Er war Schriftsetzer, Manager und ein Verlagschef ganz anderer Art: Das Leben von Wilhelm Sandmann in Bildern. 

Sandmann aber sah die Chancen bei Madsack und griff zu. Er bekam schnell Prokura, wurde Geschäftsführer und stand von 1984 bis 1995 an der Spitze der Verlagsgesellschaft. Als Mitglied des Madsack-Aufsichtsrats, der ihn von 1996 bis 2006 für mehrere Perioden zu seinem Vorsitzenden wählte, ging die bemerkenswerte Karriere schließlich in die Schlussrunde. Dass die deutschen Zeitungsverleger ihn 1992 auch zu ihrem Verbandspräsidenten kürten, tat er gern ab: Einer müsse es ja machen. Ein wenig stolz war er dennoch. Bis 2000 stand er an der Spitze des Verbandes – seine Hinweise zur Freiheit der Presse und zu deren wirtschaftlichen Voraussetzungen haben nichts an Aktualität eingebüßt.

Sandmann segelte oft und gern, kannte den Plöner See ebenso wie das Mittelmeer vor Südfrankreich – und war vielleicht auch deshalb ein perfekter Manager der Veränderungen, die die Zeitungshäuser mit der ersten Digitalisierungswelle in den Achtziger- und Neunzigerjahren bewältigen mussten. Er agierte nicht als nassforscher Reformer, erkannte aber stets, wohin die Reise am Ende gehen musste. Wie alle klugen Konservativen lehnte er neue Ideen nicht grundsätzlich ab, er drehte nur die Beweislast um: „Warum ist das besser?“, wollte er von den führenden Madsack-Mitarbeitern wissen. Wer das plausibel machen konnte, durfte loslegen.

„Ich bin nicht mehr da, aber ich bin ja nicht weg.“

So kam es, dass in der Ära des gelernten Setzers Sandmann bei Madsack die Abschaffung seines Lehrberufs vollzogen wurde. Auch der Beginn der TV-Aktivitäten von Madsack mit dem Start des Privatfernsehens in den Achtzigerjahren fällt in Sandmanns Zeit – der Segler erkannte, woher der neue Wind wehte. Wie auch in den legendären Wendejahren, als es Sandmann gelang, Madsack (damals zusammen mit Springer) zum Eigentümer der „Leipziger Volkszeitung“ zu machen und dort eine neue Druckerei zu bauen. „Das war die größte Investition seit 1949“, erinnert sich der heutige Aufsichtsratschef Karl Baedeker anerkennend. „Ohne diesen mutigen Schritt wäre die heutige Madsack Mediengruppe mit Zeitungstiteln in acht Bundesländern kaum vorstellbar“, sagt Thomas Düffert, der seit 2013 an der Unternehmensspitze steht.

Nun ist Wilhelm Sandmann gestorben. Und manchem Madsack-Mitarbeiter kommt jener Satz noch einmal in den Sinn, den er 2006 bei seinem Abschied aus den braunen Zeitungstürmen in Kirchrode gesagt hat – ganz trocken, auf Wilhelm-Sandmann-Art eben: „Ich bin nicht mehr da, aber ich bin ja nicht weg.“ So mag es bleiben. 

Von Hendrik Brandt

Wilhelm Sandmann und die Kunst

Einmal hat Wilhelm Sandmann verloren: eine Kiste Champagner.  Er hatte 1997 mit Carl Haenlein, dem damaligen Direktor der Kestnergesellschaft, gewettet. Sandmann war skeptisch, ob wirklich mehr als 2000 Kunstfreunde zur Eröffnungsfeier der  neuen Kestnergesellschaft kommen würden, sodass der Kuppelsaal, in dem der Festakt stattfand, gut gefüllt sein würde. Er war gut gefüllt. Und Sandmann freute sich, Verlierer zu sein.

An die Kunst geführt wurde Wilhelm Sandmann auch durch seine Ehefrau Ursula Sandmann, die 13 Jahre lang zum Leitungsteam der Galerie „Sandmann + Haak“ gehörte, die besonders der jungen Kunst in Hannover wichtige Impulse gegeben hat. Sandmann mochte das sehr – auch wenn er halb im Scherz zuweilen darüber klagte, dass es auch zu Hause keine freie Wandfläche mehr gebe. 

Daran, dass 1997  in Nachbarschaft des Anzeigerhochhauses das neue Domizil der Kestnergesellschaft entstand (der es in der Warmbüchenstraße zu eng wurde), war Wilhelm Sandmann wie sein Nachfolger Friedhelm Haak maßgeblich beteiligt. Bei einem Mittagessen im  März 1988 sprach Hannovers Stadtbaurat Hanns Adrian mit Wolfgang Wagner, dem damaligen HAZ-Chefredakteur, über die Zukunft der in die Jahre gekommenen Badeanstalt an der Goseriede. Wagner informierte noch am selben Tag Wilhelm Sandmann, den Vorsitzenden der Madsack-Geschäftsführung. Ein halbes Jahr später fiel die Entscheidung, dass Madsack das Goseriedebad erwerben wolle.

Am 20. April 1989 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet. Da stand auch fest, dass aus dem früheren Bad ein Ausstellungshaus werden sollte. Um die Verbindung zwischen dem  Kunst- und dem Medienhaus zu stärken, wurde  Wilhelm Sandmann 1995 Vorsitzender der Kestnergesellschaft  – und blieb es bis 2004 . „Ich habe ihn als äußerst toleranten Vorsitzenden kennengelernt“, sagt Carl Haenlein und betont, dass Sandmann stets „das Urrecht aller Direktoren der Kestnergesellschaft“ respektiert habe: „Er hat nie in meine Arbeit hineingeredet.“ An andere Reden erinnert sich Carl Haenlein gern. Mitte Februar hat Wilhelm Sandmann in der Bar der Kestnergesellschaft noch seinen 85. Geburtstag gefeiert und dabei „witzig, pointiert und absolut konzentriert“ Rückschau gehalten. Nicht nur für Haenlein eine gute Erinnerung.         

Ronald Meyer-Arlt

Von Hendrik Brandt

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