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Aus der Stadt Der Bürgermeister
Hannover Aus der Stadt Der Bürgermeister
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00:28 01.10.2015
Von Gunnar Menkens
Ein Menschenfreund: Wie hier beim 100. Rathausgeburtstag kannten und verehrten die Hannoveraner Bernd Strauch. Kurz darauf zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Quelle: Insa Catherine Hagemann
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Hannover

Bernd Strauch ist tot. Man muss es glauben und will es doch nicht wahr haben. Es ist nicht so, dass er gestern noch gesund durchs Leben spazierte und im Rathaus oder bei einem seiner vielen öffentlichen Termine im Auftrag der Stadt gesehen worden wäre, auch in Misburg nicht und seinem geliebten Jazz-Club. Bernd Strauch war seit mehr als einem Jahr schwer krank. Im Juni letzten Jahres zog er sich aus dem öffentlichen Leben zurück und legte seine Ämter nieder, um alle Kraft für die Genesung zu sammeln.

Jetzt, an diesem Montag, war sie nach 66 Lebensjahren aufgebraucht. Die Hoffnung, gesund zu werden, war zuvor mit jedem Monat geschwunden, den der Tumor in seinem Kopf wuchs und ihn schwächte; aber die Vorstellung, diesen humorvollen, selbstironischen, freundlichen und zugewandten Mann nie wieder zu sehen bleibt eben doch: unvorstellbar. Wenn das Schicksal gerecht ist, hatte Stefan Schostok bei Strauchs Verabschiedung im Rat gesagt, dann gehe es mit ihm so fair um, wie er selbst stets zu anderen gewesen sei. Er hoffte damit, dass Strauch bald wieder bei guter Gesundheit sein werde.

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Immer dabei: Als Erster Bürgermeister Hannovers war Bernd Strauch bei allerlei Veranstaltungen als Repräsentant der Stadt zugegen. Hier etwa beim Fassanstich auf dem Schützenfest 2011.

Bernd Strauch, 1949 in Anderten geboren, hat sich, wie so viele Sozialdemokraten, aus nicht eben begüterten Verhältnissen hochgearbeitet. Sein Vater war Maschinenschlosser, die Mutter arbeitet als Plätterin. Der Sohn lernte Industriekaufmann, mit der SPD kam er über Gewerkschaft und die Falken in Berührung. Er wollte mehr lernen, privat und beruflich, also holte der Volksschüler mittlere Reife und Abitur nach, um doch noch für den Lehrerberuf studieren zu können. An einer Sonderschule lernte der Referendar Strauch seine Frau Ulrike kennen. Die Ehe erlebte nicht nur gute Zeiten. Als Sohn John und Tochter Frauke aus dem Haus waren, trennte sich das Paar nach 21 gemeinsamen Jahren für einige Zeit, kam später aber doch wieder zusammen.

18 Jahre lang war Strauch Erster Bürgermeister und Vorsitzender der Ratsversammlung. Oft ging es ihm im Stadtparlament zu respektlos zu, er mochte es nicht, wenn die Roten die Schwarzen niederbrüllten und die Schwarzen die Roten verächtlich machten, wenn Ratspolitiker sich lieber im Foyer Kaffee und Kuchen holten, statt Kollegen im Saal zuzuhören. Ihm war wichtig, dass sich Ratspolitiker, immerhin Vertreter der Bürger, mit Anstand begegnen, und er glaubte schon damals, dass sich Menschen von Politik auch abwenden, weil Politiker nicht gemeinsam nach den besten Lösungen suchen, sei es für ein Land oder eine Stadt.

„Ich bin ja nur der Grüßaugust“

An seinem ersten Tag am Platz des Ratsvorsitzenden, 1996, gleich neben Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg, sah Strauch diesen Hammer dort liegen. Ein Traditionsstück, um auf den Tisch zu hauen, wenn es wieder mal drunter und drüber ging. Der Hammer ist ein autoritäres Instrument. Bernd Strauch ersetzte ihn bald durch eine kleine Glocke, die Bernd Strauch aus dem Handgelenk schüttelte, wenn es zu rabaukig zuging. Das Glöckchen bittet um Gehör, und es tat seine Wirkung.

„Ich bin ja nur der Grüßaugust“, hat Strauch einmal gesagt. Aber das stimmte nicht. Natürlich sprach er Grußworte, brachte Blumen zu besonders hohen Geburtstagen, er legte Kränze nieder und redete bei diversen Anlässen lieber zu kurz als zu lang, weil ihm Selbstdarsteller ein Gräuel waren. Aber er konnte gar kein Grüßaugust sein, weil er etwas zu sagen hatte. Er engagierte sich für Minderheiten und soziale Gerechtigkeit. Immer wieder sprach er gegen Rechtsradikalismus, und er wäre in diesen Monaten eine wichtige Stimme gewesen, in der Hannover über den Umgang mit Flüchtlingen diskutiert. Aber dafür reichte seine Kraft nicht mehr.

Mit dem Charme eines Jungen

Es gibt Politiker die schaffen es, Menschen bei einer Begegnung das Gefühl zu geben, nur sie seien in diesem Moment wichtig. Bei Bernd Strauch war es wirklich so. Liebenswert, manchmal mit dem Charme eines Jungen, und es war die beste Art, für die Stadt und ihren Rat zu werben.

Kann man einen Witz erzählen in einem Nachruf? Ja. Die Stadt lud Schüler ins Rathaus ein, draußen auf dem Trammplatz gab es etwas zu essen. Als alles vergriffen war, fragte ein Junge den Bürgermeister, ob es noch mehr Würstchen gebe. „Ja“, sagte Strauch, „im Rathaus, hinter jeder Tür zwei.“ Er lachte dazu, gespieltes Entsetzen und Augenrollen darüber, was das denn jetzt wieder für ein unkorrekter Scherz war. Um übrigens bei anderer Gelegenheit nichts auf diese Rathausleute kommen zu lassen. Bernd Strauch war auch ein großer Menschenfreund und wusste um deren lebenslanges Bemühen, irgendwie zurecht zu kommen.

Montagnachmittag ist Bernd Strauch im Alten- und Pflegeheim St. Aegidien in Anderten gestorben.

Kondolenzbuch liegt ab Dienstag aus

Einer der Letzten aus der Kommunalpolitik, die Montag noch Kontakt zu Bernd Strauch hatten, war Hannovers langjähriger Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg. „Ich bin froh, dass ich ihm eine halbe Stunde vor seinem Tod noch die Hand drücken konnte“, sagte Schmalstieg Montagabend. Zuletzt, als es Strauch immer schlechter ging, hatte er ihn Woche um Woche am Krankenbett besucht.

Der amtierende Oberbürgermeister Stefan Schostok rief Montagabend die Angehörigen an und sprach ihnen Mitgefühl aus. „Er war ein Bürgermeister mit Herz, und sein Herz schlug für Hannover“, sagte Schostok. 28 Jahre war Strauch in der Kommunalpolitik aktiv, angefangen hat das durchgehend ehrenamtliche Engagement im Bezirksrat Misburg-Anderten. Drei Oberbürgermeister hat Strauch als Erster Bürgermeister vertreten: Herbert Schmalstieg bis 2006, den heutigen Ministerpräsidenten Stephan Weil bis 2013 und zum Schluss Stefan Schostok. Zu den Höhepunkten seiner Amtszeit gehörte protokollarisch der offizielle Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck 2013, denn in dieser Zeit war Strauch neun Monate lang der erste Repräsentant der Stadt: Weil war schon Ministerpräsident, Schostok noch nicht gewählt. Wer Strauch kannte, der wusste aber, dass ihm würdige Anlässe wie ein Präsidentenbesuch zwar nicht unangenehm waren, dass er aber protokollarisch weniger wichtige Dinge mindestens ebenso schätzte. Etwa sein Trommeln als Schlagzeuger beim großen Schützenumzug auf dem Wagen des Jazz-Clubs oder das Weihnachtssingen des Rates auf der HAZ-Bühne gegenüber der Marktkirche.

Von Dienstag, 10.30 Uhr, bis Freitag liegt in der Halle des Neuen Rathauses ein Kondolenzbuch für den Bürgermeister aus, der in dem Gebäude mehr als 150 Ratssitzungen geleitet hat. Oberbürgermeister Stefan Schostok wird sich um 10.15 Uhr eintragen und einige Worte sprechen.

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