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Aus der Stadt Nacht der Wissenschaft an der Universität Hannover
Hannover Aus der Stadt Nacht der Wissenschaft an der Universität Hannover
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06:15 11.11.2012
Von Juliane Kaune
Original oder Fälschung? Die Bundesbank hielt die Silbermünze (l.) aus dem 18. Jahrhundert für das Werk eines Betrügers. Robert Lehmann bewies, dass sie echt ist – ebenso wie das goldene Geldstück von 1607. Quelle: Kleinschmidt
Hannover

Er hat seine Forschungsobjekte schon unter Beobachtung eines bewaffneten Sicherheitsbeamten untersucht. Denn die Dinge, die Robert Lehmann im Uni-Institut für Anorganische Chemie analysiert, können sehr wertvoll sein. Wie der Goldschatz von Gessel: 117 Teile aus reinem Gold umfasst der 3500 Jahre alte Fund, der im vergangenen Frühjahr nahe Syke beim Pipelinebau zutage gefördert wurde. Und Lehmann hat in seinem Labor in der Callinstraße viele der Spangen, Ketten und anderen Schmuckstücke mit modernsten Methoden überprüft. Wie er und seine Kollegen das gemacht haben, zeigen sie am morgigen Sonnabend bei der „Nacht, die Wissen schafft“, die die Leibniz Universität veranstaltet.

Die unschätzbar wertvollen Goldobjekte, die Eigentum des Landes Niedersachsen sind, können die Uni-Forscher ihren Gästen leider nicht präsentieren - sie lagern sicher im Tresor des Landesamtes für Denkmalpflege. Doch Repliken des fast zwei Kilogramm schweren Fundes, der als eines der bedeutendsten Zeugnisse der Bronzezeit gilt, dürfen die Besucher in Augenschein nehmen. Allerdings fehlt diesen noch die goldene Farbe. „Die Legierungen sind leider nicht fertig geworden“, bedauert Lehmann, der eng mit dem Landesamt kooperiert.

Der 31-Jährige gehört zum Arbeitskreis Analytische Chemie. Das Team unter Leitung von Uni-Professorin Carla Vogt zählt zu den wenigen Fachgruppen an einer deutschen Hochschule, die sich mit der chemisch-physikalischen Zusammensetzung historischer Fundstücke beschäftigen - und dabei Fälschungen treffsicher auf den Grund gehen. Archäometrie nennt sich dieses Gebiet.

Bei Echtheitsanalysen alter Münzen haben die hannoverschen Chemiker ein weltweites Renommee. Dass es sich bei dem Gesselner Goldschatz um ein Original handelt, mussten sie nicht mehr beweisen. Es ging darum, Details über Herkunft und Handwerkstechnik zu erfahren. Mithilfe spezieller Laserverfahren und mobiler Röntgengeräte fanden die Uni-Chemiker Verblüffendes heraus. „Wir konnten auf den Goldspiralen winzige Rillen sichtbar machen“, sagt Lehmann. „Das zeigt, dass sie mittels Ziehtechnik gefertigt wurden.“ Bisher dachte man, Schmuck sei damals nur mit Hämmern hergestellt worden. Neue Fragen warf die Materialanalyse unterm Hochleistungsmikroskop auf. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass das Gold des Schatzes nicht aus Europa, sondern womöglich aus Zentralasien stammt. Gab es also schon in der Bronzezeit einen globalen Handel? Und dienten die Spiralen vor Jahrtausenden vielleicht als Zahlungsmittel?

Diese Fragen werden die Chemiker natürlich nicht alleine lösen. „Wir arbeiten mit Historikern, Kunstwissenschaftlern, Denkmalpflegern und Restauratoren zusammen“, erklärt Carla Vogt. So kam es auch, dass ein Experte aus Österreich sich vor fünf Jahren an die Hannoveraner wandte, weil er die Echtheit des Goldschatzes aus dem Hofoldinger Forst anzweifelte, der 1996 entdeckt worden war. Lange galten die 178 Münzen, die in einem Waldstück bei München gehoben wurden, als bedeutender Fund aus der Keltenzeit, sie wurden in Ausstellungen präsentiert und teilweise auch bei Auktionen versteigert. Doch der Österreicher blieb skeptisch - und die Uni-Chemiker konnten ihm schließlich recht geben. Ihre Analysen bewiesen, dass der sagenumwobene Fund eine komplette Fälschung war. Über Konsequenzen für die Beteiligten, die zuvor die vermeintliche Echtheit des Schatzes attestiert hatten, müssen Lehmann und seine Kollegen schweigen.

Ohnehin behalten sie manches Geheimnis für sich. Denn häufig wollen die Auftraggeber nicht, dass die wertvollen Forschungsobjekte ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden - diese sind immer nur für kurze Zeit in den Uni-Räumen. Selbst Teile des berühmten Dreikönigenschreins aus dem Kölner Dom, der bedeutendsten mittelalterlichen Goldschmiedearbeit Europas, hat das hannoversche Team schon untersucht - weil die Kollegen aus der Domstadt um Amtshilfe baten. Deutlich näher war der Transportweg für die goldenen Einzelstücke aus dem zum Hildesheimer Domschatz gehörenden Godehardschrein. Beide Male ging es darum, die Herkunft des Metalls genauer zu bestimmen.

Das wertvollste Objekt, das Lehmann und seine Kollegen bisher auf Echtheit geprüft haben, war eher unscheinbar: Auf der kleinen Goldmünze aus dem 8. Jahrhundert war ein Herr namens Offa Rex abgebildet. Dabei handelt es sich um keinen Geringeren als den ersten englischen König - das British Museum in London, das die Münze verwahrt, taxierte deren Wert auf zwei Millionen Pfund.

Wer mehr über die Arbeit der Forscher erfahren möchte, kann sie morgen im Institut für Anorganische Chemie, Callinstraße 9, besuchen. Vorträge und Experimente gibt es ab 18.15, 20.15 und 22.15 Uhr im Kali-Hörsaal und in Raum 101.

Das sollten Sie sehen

Alle neun Uni-Fakultäten beteiligen sich an der „Nacht, die Wissen schafft“, die am morgigen Sonnabend von 18 bis 24 Uhr läuft. Rund 180 Veranstaltungen stehen auf dem Programm – unter www.dienachtdiewissenschafft.de kann sich jeder seine Route über den Campus zusammenstellen. Die HAZ gibt Tipps, welche Projekte sich besonders lohnen.

Institut für Sportwissenschaft: Wie aus Bewegungen Klänge werden, zeigt das Institut im Lichthof des Uni-Hauptgebäudes, Welfengarten 1. Das ist keine Begleitmusik – die Forscher präsentieren ein mobiles System zur Rehabilitation von Schlaganfallpatienten. Wer die Konstruktion aus Gurten, Kabeln und Sensoren anlegt, erzeugt mit jeder Bewegung einen Ton – Gäste dürfen das ausprobieren. Ziel ist es, mit dieser Technik ein Programm zu erarbeiten, das Patienten hilft, den Körper nach einem Schlaganfall gezielt zu trainieren. ?

Historisches Seminar: Musik von Iron Maiden, Sabaton und anderen Heavy-Metal-Bands werden die Geschichtswissenschaftler zwischen 18.15 und 19 Uhr auflegen. Sie wollen den Beweis antreten, dass in den Songs des lautstarken Genres jede Menge historische Anspielungen versteckt sind – etwa auf die Zeit der Nationalstaatengründung im Europa des 19. Jahrhunderts. Akustikproben gibt es im Gebäude Im Moore 21, Raum A 106. Ein Hörschutz ist nicht erforderlich.

Institut für Erdvermessung und Institut für Photogrammetrie: Auf dem Dach des Gebäudes in der Nienburger Straße 1 können Gäste einen Blick in den Sternenhimmel über Hannover werfen – durch ein Fernrohr von 1890. Ziel der astronomischen Lektion ist der 430 Lichtjahre entfernte Doppelstern Albireo, der farbenfroh leuchtet. Der „rote Planet“ spielt eine Etage tiefer eine Rolle: Besucher können originale Farbaufnahmen des Mars in Raum B 004 bestaunen – auf einem virtuellen 3-D-Rundflug.

Schering-Institut: Einen im wahren Wortsinn spannungsgeladenen Abend versprechen die Elektrotechniker. In der Hochspannungshalle in der Callinstraße 25a lassen sie ab 18.15, 20.15 und 22.15 Uhr Blitze mit bis zu 2,4 Millionen Volt einschlagen. Ein natürlicher Blitz bringt es auf einige Zehn Millionen Volt, aber den Forschern reicht die gemäßigte Variante für ihre Experimente, die auch für den Transport regenerativer Energien wichtig sind. Keine Angst: Die Versuchsanlagen sind bestens gesichert. ?

Produktionstechnisches Zentrum (PZH): Der Mensch schwitzt – auch wenn er Auto fährt. Wer in hochwertigen Autos mit guten Sitzen unterwegs ist, erwartet aber, dass er auch im Sommer den Wagen ohne Schweißflecke verlassen kann. PZH-Maschinenbauer haben mit der VW-Tochter Sitech einen Klima-Dummy entwickelt, der den Autofahrer simuliert: Der Dummy kann sitzen, schwitzen und über Feuchtigkeits- und Wärmesensoren messen, wie gut der Sitz die feuchte Wärme wieder loswird. Er ist nur eines von 40 Projekten, die das PZH in Garbsen, An der Universität 2, präsentiert.

Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie: Das Schlagwort Nanotechnologie ist in aller Munde. Die Chemiker in der Callinstraße 3a nehmen das wörtlich und erklären ihren Gästen ab 18.15, 19.15 und 20.15 Uhr im Institutsfoyer, wie viel „Nano“ in der Zahnpasta zu finden ist. Mit einem Rasterelektronenmikroskop können Besucher sich als Forscher versuchen und winzigste Nanopartikel sichtbar machen.

Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht: Die Debatte um ein NPD-Verbot ist neu entfacht. Die Uni-Juristen widmen sich dem Thema unter dem Titel „Müssen Demokraten ihre Feinde finanzieren?“ im Hörsaalgebäude (Raum 3) des Conti-Campus‘, Königsworther Platz 1, ab 19.15 Uhr. Zur Podiumsdiskussion eingeladen sind die Grünen-Landesvorsitzende Anja Piel, FDP-Umweltminister Stefan Birkner und Hans Wargel, Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz.jk

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