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Wenn es Nacht wird in der Löwen-Apotheke

Notdienst Wenn es Nacht wird in der Löwen-Apotheke

Beim Notdienst in der Apotheke geht es nicht allein um Rezepte. Es geht auch um Erkältungsmittel, echte Notfälle, tödliche Chemie und manchmal auch um ein wenig Seelsorge. Lesen Sie hier einen Blick in die Nacht.

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Apothekerin Stephanie Köplin beim Nachtdienst in der Löwen-Apotheke in Hannovers Zentrum.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover . In der Löwen-Apotheke in Hannovers Zentrum drückt Stefanie Köplin einen verborgenen Knopf. Zwei gläserne Ladentüren schieben gegeneinander, bis sich die Gummis aneinandersaugen. 20 Uhr, Feierabend. Jedenfalls für die Kolleginnen. Vor der Apothekerin selbst, 29 Jahre alt, Pharmaziestudium in Marburg, Praktika in Hamburg und Münster, liegen zwölf Stunden Notdienst, allein mit zwei Telefonen, ihrem Erfahrungsschatz, der Erste-Hilfe-Box hinten im engen Durchgang und einem ungezählten Medikamentenvorrat. Schlaf? Ist Glückssache, „vielleicht ein paar Stunden nach Mitternacht, dann wird es meistens ruhiger“.

Der Passantenstrom auf der Bahnhofstraße weist immer mehr Lücken auf, Lichter in Schaufenstern erlöschen, die Einkaufsstadt dimmt sich herunter. In der Apotheke bleibt es neonhell, manche Leute denken, das Geschäft sei noch geöffnet, es steht ja eine Apothekerin drin, mit Namensschild am blauen Pullover. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, beginnt ein alter Mann auf einem Hocker seinen eigenen Notdienst. Eine dicke Jacke und Wollmütze schützen ihn gegen die Novemberkälte. Sein Geschäft ist das ausdauernde Klarinettenspiel, das ein paar Menschen zu Almosen bewegen soll.

Die Ladentür bleibt zu, zur Sicherheit

Im Gesundheitswesen geht es gemächlich los. Die Leute sind erkältet, sie fühlen sich schlapp, und einer glaubt, mit einer Dosis Vitamin B würde es ihm schon bald besser gehen im Kopf. Er greift in seine Hosentasche und schöpft eine Handvoll Münzen daraus. Manchmal kommen kuriose Kunden. Ein ausländischer Hannover-Besucher mit Anzug und Aktentasche kauft, was er in seinem osteuropäischen Heimatland mal brauchen könnte. Aspirin, Schmerzmittel, Vorräte für ein halbes Jahr. Seine Hand zeigt durch den schmalen Türschlitz immer wieder auf all die gestapelten frei verkäuflichen Mittel. Ob sie die Tür nicht aufmachen könnte, das wäre doch praktischer. Stefanie Köplin antwortet freundlich, aber noch bestimmter. „Nicht einmal für Sie.“ Diese Ladentür bleibt zu, zur Sicherheit. Der Mann stellt sich seitlich zur Tür, tut so, als wolle er sich durchzwängen, aber vieles an seinem Körper bringt diesen Plan zum Scheitern. „Geht nicht“, sagt er zu einem Freund. Kleines Gelächter. Als er alles bezahlt hat, mit Scheinen aus einem gut gefüllten Briefumschlag, zeigt er noch auf ein Produkt im Regal, auf dessen Verpackung Gebisse in klarem Wasser sprudeln. Er nimmt noch mal zwei Packungen. Stefanie Köplin muss sie nicht als Geschenk einpacken.

Das Prinzip nächtlicher Notfallversorgung, ein Segen der Industriestaatent, ist, dass Menschen in dringenden Fällen Hilfe bekommen. So steht es auf dem Hinweisschild, das Stefanie Köplin vor Dienstbeginn ans Schaufenster geklebt hat. Nachts kommt es auf die wichtigen Dinge an, deshalb sind Notdienstler befasst mit Geschichten von Krankheit und Leid. Alles andere ist nicht mehr wichtig, Cremes gegen trockene Haut etwa oder Präparate, die vom Aussterben bedrohte Haarwurzeln mit Mikronährstoffen mästen. Aber was dringend ist, bestimmt dann doch jeder Kunde für sich selbst.

Von echten Notfällen und einem pausenlos klingelndem Telefon

Dieser verwundete große Zeh jedenfalls ist ein echter Notfall. Es war nur ein Moment der Unaufmerksamkeit beim Vorbereiten der Spaghetti bolognese, das Messer fiel zu Boden,  traf gemäß Mur­phys Gesetz mit der spitzen Klinge auf, ritzte die Haut der jungen Frau und drang tiefer ins ungeschützte Fleisch ein: Blut, Erschrecken, Schmerz, Notaufnahme. Im Siloah-Krankenhaus wurde der Zeh von einem Arzt behandelt und verpackt, nun steht der Ehemann vor Stefanie Köplin und hofft auf Tabletten, er hat ein Rezept. „Der Schmerz muss betäubt werden“, sagt er. Seine verletzte Frau wartet im Auto. Das Naheliegendste wäre gewesen, wenn die Klinik ihm Pillen mitgegeben hätte. Es wäre eine Fahrt weniger gewesen in dieser schmerzhaften Nacht, die mit einer Zwiebel begann, an der das Messer abrutschte. Aber Krankenhäuser dürfen Patienten Medikamente nicht aushändigen. Das Gesundheitswesen regelt, dass ihr Versorgungsauftrag nur für die eigene Klinik gilt, Handel ist nicht gestattet. Was gelegentlich mit 1000er-Packungen, die Krankenhäuser günstig einkaufen, auch unmöglich wäre. Für einen Scherz reicht es trotzdem. „Nächstes Mal“, erzählt der junge Ehemann, „sollen wir die Spaghetti mitbringen, hat der Arzt gesagt.“

Stefanie Köplin kommt jetzt kaum noch zur Ruhe. Das Telefon klingelt, sie geht nach hinten, um etwas herauszusuchen, während vorne eine elend aussehende Frau an der Schiebetür steht. Über ihren Schal hustet sie in die Luft. In ein paar Tagen will sie bei einem Konzert mitsingen, aber es sind nur wenige Tage bis dahin und die Nebenhöhlen arg verstopft. Stefanie Köplin gibt etwas mit. Bei drei Grad über null beginnt ein Fachgespräch, ob bei einem bestimmten homöopathischen Medikament Ziffer oder Buchstabe die Kraft des Wirkstoffes angibt. Es ist der Buchstabe, das C-Präparat ist höher dosiert als D. „Nicht die Zahl?“, fragt die Kunde. Nein, der Buchstabe. Stefanie Köplin bekommt von der elend Erkrankten noch eine Einladung ins Konzert.

Der gute Freund der Mitarbeiter fasst knapp 1000 Medikamente

Eine Etage über dem Verkaufsraum steht ein Gerät, das Kommissionierer heißt, in großen Apotheken ist es ein guter Freund der Mitarbeiter. Es fasst knapp 1000 gängige Medikamente und setzt sich in Bewegung, wenn die Apothekerin im Erdgeschoss den gewünschten Stoff antippt. Dann macht sich oben ein Greifarm auf den Weg, schnappt sich die Packung und lässt sie auf eine schiefe Bahn fallen, wo sie nach Art einer Rohrpost hinter ihr in einem Fach landet. Ohne den Kommissionierer müsste sie etliche Male die Treppe hoch, um eine Packung herauszuholen. Überhaupt nicht gängige und deshalb von bestimmten Personenkreisen umso begehrtere Stoffe, darunter Betäubungsmittel, sind in einem Tresor untergebracht, geschützt mit Zifferncodes und aus so schwerem Stahl, dass ein Diebstahl nicht möglich ist.

Leicht zu beschaffen ist das Mittel gegen Läuse. Es ist vorrätig. Ein Vater ist gekommen, eben hat er die Tiere, die Vermehrung so schätzen, im Haar seiner Tochter entdeckt. Stefanie Köplin empfiehlt tödliche Chemie, tödlich für die Insekten. Beratung gibt es kostenlos dazu. „Bettzeug, alles waschen, die Kuscheltiere in Quarantäne.“ Der Vater geht, die Tür schiebt zu. Derweil weht vom Klarinettenmann ein weiterer Gassenhauer in den Nachthimmel und die Apotheke, diesmal ist es „Que sera, sera“.

Der einsame Mann, der jemanden zum Reden braucht

Und sonst? Eine Klinik ruft an und hofft auf ein seltenes Insulinmittel. Ein Patient kam in die Notaufnahme, weil ihm die lebenswichtige Arznei ausging. Es ist nicht da, weil auch im gut sortierten Notdienst nicht alles sofort zu haben ist. Dann ist da der einsame Mann, der nicht schlafen kann. Er ruft an und fragt nach Cannabis, ohne Rezept, ein Stoff aus dem Tresor. Bald stellt sich heraus, dass er jemanden zum Reden braucht, aber draußen warten neue Patienten. Um halb drei kommt die letzte Kundin, sie tauscht ein Rezept gegen ein Antibiotikum. Die Blasenentzündung brennt fürchterlich.

Dann war Schluss. „Eine normale Nacht“, sagt Stefanie Köplin. Kein Viagra, keine Kondome, kein Junkie wollte Spritzen. Sie hat wohl 20-mal gute Besserung gewünscht, Dosierungen erklärt, nach Vorerkrankungen gefragt, Medikamente gegeneinander abgewogen und bei manchem Patienten ein bisschen mitgelitten. Um halb drei legt sich Stefanie Köplin ein wenig aufs Bett, das vorschriftsmäßig existiert. Drei Stunden Zeit bleiben. Dann kommen in aller Herrgottsfrühe die ersten Kollegen. Langsam wird es Tag.

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