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Jung. Exzellent. Ohne Perspektive.

Nachwuchsforscher in Hannover Jung. Exzellent. Ohne Perspektive.

90 Prozent der Nachwuchswissenschaftler hangeln sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag – fünf hannoversche Spitzenforscher schildern ihre Situation.

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„Mir geht es gut, aber was ist morgen? Es fehlt die sichere Perspektive.“: Robotik-Spitzenforscherin Jessica Burgner-Kahrs.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Jessica Burgner-Kahrs gehört zu den jungen Wissenschaftlern, auf die Politiker gern verweisen, wenn sie die Zukunft Deutschlands in den rosigsten Farben schildern. Die Informatikerin, 34 Jahre alt, betreibt auf dem Gebiet der Robotik Spitzenforschung. Sie entwickelt in ihrem Labor an der Leibniz-Uni computergesteuerte medizinische Instrumente, auf die Chirurgen hände­ringend warten. Sie hat eine der renommiertesten deutschen Forschungsförderungen bekommen und - Eins mit Sternchen - in der vergangenen Woche wurde sie auch noch mit dem begehrten Nachwuchspreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Bundesbildungsministeriums ausgezeichnet. Jessica Burgner-Kahrs ist eine Hoffnungsträgerin; hochbegabt und erfolgreich. Dennoch hat sie ein Problem. Ein gravierendes. Ihr Vertrag endet 2017. Und es ist nicht der erste, der befristet ist. „Es fehlt die sichere Perspektive“, sagt sie. „Mir geht es gut, aber was ist morgen?“

Seit fast zehn Jahren rettet sich die junge Forscherin von einem Arbeitsvertrag in den nächsten. Ihre Promotion wurde über ein EU-Forschungsprojekt finanziert. Nach zwei Zeitverträgen an der Uni in Nashville erhielt sie ein sechsmonatiges Rückkehrer-Stipendium für einen Neustart in Hannover. Ihre aktuelle, auf fünf Jahre befristete Forschungsstelle, die sie - wie allgemein üblich - selbst eingeworben hat, ist mit einem Millionenetat ausgestattet. Aber 2018 ist spätestens Schluss. Und dann?

Auch ihr Mann, ebenfalls Akademiker, hat einen Zeitvertrag. „Danach hängen wir vielleicht in der Luft“, sagt sie. Sie hätte gern Kinder. Aber sie fürchtet, als Mutter im Wettbewerb zurückzufallen. „Ich bin Kopfmensch. Die Logik sagt: Es passt leider nicht.“

Der schwere Weg von der Juniorprofessur zum eigenen Lehrstuhl

Die Juniorprofessur wurde (ebenso wie sogenannte Nachwuchsgruppen) 2002 eingeführt, um jungen Wissenschaftlern frühzeitig die selbstständige Forschung an der Hochschule zu ermöglichen. Die Stellen sind auf sechs Jahre befristet, in der Regel ohne Zusicherung auf eine Anschlussberufung als regulärer Professor. Die MHH hat elf Juniorprofessoren, die Leibniz Uni aktuell 30.

Eine Professur ohne Befristung wird in Deutschland im Schnitt mit 41 Jahren angetreten. Nur ein kleiner Teil der Nachwuchswissenschaftler schafft den Übergang auf eine dieser begehrten Stellen und kann an der Hochschule bleiben.

Drittmittelprojekte sind befristete Forschungsstellen an Universitäten, die von Dritten – von Stiftungen, Unternehmen, Ministerien, der EU oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – finanziert werden. Sie sind ein wachsender Posten im Haushalt jeder Uni, weil die Länder bei der Grundfinanzierung immer stärker geizen.

Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, seit 2007 in Kraft, erlaubt befristete Verträge über eine Gesamtlaufzeit von zwölf Jahren (in der Medizin 15 Jahre). Wer nach dieser Zeit keinen der wenigen Lehrstühle bekommt, muss seine akademische Laufbahn beenden. Ausnahmeregelungen sind möglich, wenn die Stellen über Drittmittel finanziert werden.

Wettbewerb? Tobias Cantz, Stammzellbiologe an der MHH, spricht lieber von „Competition“, wenn er vom Konkurrenzkampf um Forschungsgeld - kurz: Drittmittel -, Stipendien und Stellen erzählt. Ein gewisses Maß an „Competition“ sei sinnvoll, meint der 42-Jährige. Es gehe nicht darum, jedem jungen Forscher einen krisensicheren Beamtenjob zu verschaffen, aber Kreativität, neue Ideen und Engagement müssten angemessen honoriert werden. „Ein talentierter Profisportler wird gut bezahlt. Warum nicht der exzellente Wissenschaftler?“ Vom Wissenschaftler werde sogar erwartet, dass er sein Gehalt in Form von Forschungsmitteln selbst mitbringt.

Cantz leitet seit 2008 eine Nachwuchsgruppe im Exzellenzcluster-Forschungsverbund „Rebirth“. 2011 wurde sein Dreijahresvertrag das erste Mal um ein weiteres Jahr verlängert; danach jedes Jahr wieder. Seit 2014 hat er eine W2-Professur, dotiert laut Besoldungstabelle mit 4500 Euro, befristet für drei Jahre. Die Finanzierung der Exzellenzinitiative und damit auch von „Rebirth“ endet 2017, nicht nur für ihn, sondern für Tausende Forscher bundesweit.

„Die Politik hat es nicht geschafft, für junge Wissenschaftler ein dauerhaftes Finanzierungssystem zu schaffen“, sagt Cantz. „Für 30-Jährige gibt es in der Wissenschaft keine Dauerstelle; ein akademischer Mittelbau fehlt.“

Das Problem hat mittlerweile auch die Politik erkannt. Fast 90 Prozent der 160 000 Nachwuchswissenschaftler haben laut dem jüngsten Bildungsbericht Zeitverträge. Mit immer kürzeren Laufzeiten, mehr als ein Dutzend binnen weniger Jahre. Was in der Wirtschaft verboten ist, gehört an Unis und Fachhochschulen zum Standard. Die Große Koalition hat nun beschlossen, 2017 eine Milliarde Euro für den Nachwuchs bereitzustellen. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) plant, das Zeitvertragsgesetz zu reformieren und Befristungen für Doktorandenstellen neu zu regeln. Die SPD will die Stellen für Juniorprofessuren verdoppeln.

Biochemiker Falk Büttner

Biochemiker Falk Büttner

Quelle: Tim Schaarschmidt

Der Biochemiker Falk Büttner ist einer von bundesweit 1500 Juniorprofessoren und arbeitet in der vorklinischen Grundlagenforschung an der MHH. Sein Bruttogehalt beträgt rund 4000 Euro. Seine Frau arbeitet als Tierärztin; eine Wohltat für die Haushaltskasse der vierköpfigen Familie. Die zweite Tochter ist gerade ein halbes Jahr alt. Vätermonate? Ausgeschlossen. Der 36-Jährige sieht sich als Kleinunternehmer; sein Produkt sei der wissenschaftliche Fortschritt. „Ein Jahr Elternzeit würde mich im Wettbewerb zurückwerfen.“

Wie jede Juniorprofessur ist auch die von Falk Büttner auf sechs Jahre befristet; ohne Garantie, wie es weitergeht. Gut zwei Jahre bleiben ihm noch für den nächsten Karriereschritt, für eine Professur ohne kurzfristiges Ablaufdatum. Derzeit schreibt er an einem Förderantrag, um zusätzlich Geld ranzuschaffen - denn das erfolgreiche Einwerben von Drittmittel zählt im Wettbewerb ebenso viel wie die Zahl der Veröffentlichungen. Und er denkt über eine Habilitation nach. Die Juniorprofessur sollte ursprünglich eine Habilitation unnötig machen, aber viele schreiben sie trotzdem. „Wer ohne Habilitation ist, könnte bei Berufungen im Nachteil sein.“

Eine Stelle auf Dauer - es ist der Traum der meisten, die sich nach der Promotion für eine akademische Laufbahn entscheiden. Auch für Christine Happle. Doch Frauen plagen sich häufig zusätzlich mit der Frage, wann sie sich endlich den Kinderwunsch erfüllen können.

Happle ist Kinderärztin, aber auch leidenschaftliche Forscherin. Drei Tage in der Woche arbeitet sie in der Kinder-Notaufnahme der MHH als Assistenzärztin; den Rest der Woche sitzt sie im Labor und forscht nach den Ursachen von Asthma. Wenig überraschend: mit einem Zeitvertrag. Christine Happle wünscht sich klare Regeln, die garantieren, dass sie Familie und Job vereinbaren kann. „Ein System, das eine Karriere 15 Jahre lang fördert, aber den Wiedereinstieg nach der Familienphase nicht klärt, ist problematisch.“

„Karriere nicht über das persönliche Glück stellen.“: Leberspezialistin Sandra Ciesek mit Tochter Ella Marlene.

„Karriere nicht über das persönliche Glück stellen.“: Leberspezialistin Sandra Ciesek mit Tochter Ella Marlene.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Sandra Ciesek gehört zu den wenigen Frauen, die nicht mehr warten wollten. Ende 2013, drei Monate nach ihrer Facharztprüfung an der MHH, hat sie Ella Marlene geboren. Gerade einmal vier Monate lang ist sie zu Hause geblieben. Zu groß war die Angst, nach einer längeren Pause beruflich aufs Abstellgleis zu geraten.

Vormittags arbeitet sie inzwischen als Ärztin in der Ambulanz für Lebertransplantationspatienten. Ab 12 Uhr sitzt sie im Labor der Klinik für Gastroenterologie; um halb vier holt sie ihre Tochter aus der Krippe der MHH ab. Von ihrem Zimmer aus kann sie auf den Garten der Kita herabschauen. Das beruhigt. Die Probleme sind nach der Geburt ihrer Tochter nicht kleiner geworden. Der Zeitvertrag und der ständige Kampf um neue Forschungsförderung erschweren langfristige Pläne. Hinzu kommt der tägliche Stress. Aber die 37-Jährige bereut nichts. Sie hat viel gelernt. Ihre wichtigste Erfahrung? „Man darf die Karriere nicht über sein persönliches Glück stellen“, sagt sie.

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