Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Netrada will im November bauen
Hannover Aus der Stadt Netrada will im November bauen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:16 06.07.2012
Von Conrad von Meding
Foto: Die Stadt Hannover war verärgert über die Hinhaltetaktik von Amazon – und hat Netrada den Zuschlag gegeben. Quelle: Frey
Hannover

Die Stadt Hannover hat dem Internetdienstleister Amazon am Dienstag eine Absage für seinen Ansiedlungswunsch an der Messe erteilt. Stattdessen soll der regionale E-Commerce-Spezialist Netrada die Grundstücke bebauen dürfen. Er will zunächst 500, später möglicherweise sogar 1800 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze auf dem Areal schaffen. Bei Amazon war stets von bis zu 1500 festen und 1000 weiteren Saisonarbeitsplätzen die Rede gewesen. Zusagen hatte es allerdings nie gegeben.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) kritisierte die Absage scharf: „Das Vorgehen der Stadt ist inakzeptabel.“ Netrada hätte auch auf anderen Flächen in der Region bauen können, argumentiert Bode. Mit der Amazon-Absage sei die Chance zur Ansiedlung eines internationalen Unternehmens mit Tausenden Arbeitsplätzen vertan. In der Stadtspitze löste diese Reaktion Kopfschütteln aus. „Herr Bode sollte sich informieren, bevor er sich äußert“, sagte Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) spitz. 

Der E-Commerce-Spezialist Netrada ist in finanzielle Bedrängnis geraten. Derzeit baut das Unternehmen am Kronsberg für 50 Millionen Euro eine neue Halle.

Seit Herbst hat die Stadt vertraulich mit Amazon verhandelt, Änderungen am Bebauungsplan gestartet und sogar schon Rohrverlegungen auf dem Grundstück veranlasst. Am Ende aber habe es „zunehmende Irritationen“ über die neunmonatige Hinhaltetaktik des Konzerns gegeben, sagte Weil: „Unser Vertragspartner hat die Verhandlungen nicht hinreichend zielorientiert geführt.“ Deshalb sei dem Konzern am Dienstagmorgen schriftlich die Absage erteilt worden. Mit Netrada seien die Verhandlungen angenehmer und die Resultate besser.
Das 1997 in Hannover gegründete Unternehmen managt das Internetgeschäft für Marken wie Esprit, Hugo Boss, Tommy Hilfiger, C&A, Tamaris und andere. 

Bereits im November will der E-Commerce-Spezialist Netrada mit dem Bau seiner neue Versandhalle an der Messe beginnen. „Wir wachsen stark und wollen daher zügig beginnen“, sagte Geschäftsführer Jürgen Reinhardt am Dienstag bei einem gemeinsamen Termin mit der Stadtspitze. Auf mehr als 50 Millionen Euro schätzt Netrada im ersten Bauabschnitt die Kosten für Halle und Ausstattung. Wenn bis 2020 tatsächlich alle drei Bauabschnitte realisiert werden sollten, werde ein deutlich dreistelliger Millionenbetrag investiert sein.

Die Stadt hatte das Grundstück eigentlich für den Internetkonzern Amazon entwickelt und neun Monate lang die Vorzüge des Partners gelobt: Tausende Arbeitsplätze wurden versprochen und eine gute Ausnutzung des letzten Großgrundstücks mit einer zukunftsträchtigen Branche. Zu Wochenbeginn deutete sich, wie berichtet, eine Abkehr von Amazon  an, am Dienstag nun gab es die Kehrtwende. Amazon hat die Absage erhalten, stattdessen soll nun Netrada bauen dürfen, wenn die Ratsgremien zustimmen.

Wirtschaftsdezernent Hans Mönninghoff erzählte, die Firma sei im Mai nach den häufigen Zeitungsberichten über die Probleme mit Amazon auf ihn zugekommen und habe gefragt, ob die Stadt sich einen anderen Partner vorstellen könne. „Am nächsten Tag saß ich dort im Büro“, sagt Mönninghoff. Netrada-Manager Bernd Humke bestätigte, die Zusammenarbeit mit Hannovers Wirtschaftsteam habe „hervorragend“ funktioniert. Netrada will in alle Bedingungen, die Rat und Verwaltung an Amazon gestellt hatten, voll einsteigen:

Verkehr: Statt wie bei Amazon bis zu 800 Lastwagenfahrten am Tag soll es bei Netrada nur 100 täglich geben. Das Unternehmen verpflichtet die Speditionen zur ausschließlichen Nutzung des Schnellwegs. „Das ist kein Problem“, verspricht Netrada-Manager Joachim Reinhardt. Die Firma bietet Jobtickets für Mitarbeiter an, alle Stellplätze auf dem Grundstück sollen kostenlos sein.

Gebäude: Die Hallen werden in Niedrigenergiebauweise errichtet, der später mögliche Verwaltungsbau in Passivhausbauweise. Fotovoltaik ist geplant.

Arbeitsplätze: Netrada hat 2011 einen Haustarifvertrag mit ver.di geschlossen. Er sieht, je nach Betriebszugehörigkeit, Stundenlöhne von 8,50 bis 11,20 Euro vor. Die 500 Arbeitsplätze im ersten Bauabschnitt sollen definitiv zusätzlich entstehen, also nicht an anderen Standorten in der Region abgebaut werden. Passiert das doch, drohen Millionenstrafen. „Ich möchte eine andere Regionskommune sehen, die solche Verträge zugunsten der Landeshauptstadt mit Investoren schließt“, sagt Oberbürgermeister Stephan Weil.

Bei der Initiative „Pro Kronsberg“, die gegen das Versandhandelszentrum am Kronsberg kämpft, war man nicht begeistert. „Wir kommen vom Regen in die Traufe“, sagte Sprecher Frank Podschadly. „Im Prinzip sind wir belogen worden – die Stadt hat längst gewusst, dass Amazon nicht kommt, und versucht jetzt zu retten, was zu retten ist.“ Bei Amazon war die Reaktion allerdings eher kleinlaut. „Unsere Analysen zu einem Standort in Hannover konnten zum jetzigen Zeitpunkt nicht abgeschlossen werden“, entschuldigte eine Sprecherin die lange Planungszeit. Zur Absage aus Hannover gab es keine Stellungnahme.

Drei Abschnitte

Netrada hat sich Optionen für einen quasi dreistufigen Vertrag gesichert. Im ersten Bauabschnitt ist das Grundstück 110.000 Quadratmeter groß, die Halle darauf soll 50.000 Quadratmeter Grundfläche haben. Die Fläche des zweiten Bauabschnitts, der bis 2017 frei gehalten wird, misst mit Straße fast 70.000 Quadratmeter, die Halle darauf könnte auch rund 50 000 Quadratmeter groß sein.

Zum Vergleich: Amazon wollte diese beiden Flächen sofort kaufen und darauf eine 110.000 Quadratmeter große Halle bauen. Im dritten Bauabschnitt läuft die Option bis 2020. Dort will Netrada möglicherweise den Verwaltungsbau für 800 Mitarbeiter errichten.

Der Zeitplan

Egal, welche Firma sich auf den ehemaligen Messeparkplätzen ansiedelt: Für eine Bebauung dieser Größe müssen Bebauungs- und Flächennutzungsplan geändert werden. Die erste Phase mit Planauslegungen und Bürgerdiskussionen ist abgeschlossen. Bei der Stadt sind 195 Stellungnahmen und eine Liste mit 406 Unterschriften eingegangen, die jetzt in die zweite Runde gehen.

Bereits am Donnerstag wird sich der Bezirksrat Döhren-Wülfel mit einer neuen Drucksache zur Netrada-Ansiedlung beschäftigen. Bis Herbst sollen alle Ratsgremien die Pläne endgültig behandelt haben, Netrada will sich vorab notariell zu den Vertragskonditionen verpflichten. Im Oktober sollen die letzten Abstimmungen erfolgen, im November Baubeginn sein.

Und Amazon?

Der Internetkonzern Amazon hatte in Hannover ein Drehkreuz für Warenversand und -retouren aufbauen wollen. Nach der Absage der Stadt wird die Firma nun in der gesamten Region kein vergleichbares Grundstück finden. „Wir haben derzeit keinen Vorrat an Flächen dieser Größe und Qualität mehr“, sagte Regionsdezernent Ulf-Birger Franz am Dienstag.

Landeswirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) deutete an, dass es andere Flächen in Niedersachsen gebe: „Wir haben einen Plan B in der Schublade. Wir wollen nicht zulassen, dass dem Logistikstandort Niedersachsen eine solche Chance entgeht.“ Er kritisierte die Absage aber scharf: „Man muss sich die Frage stellen, ob man künftig noch Investoren an die Stadt weiterempfehlen kann.“

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der amerikanische Vater einer Achtjährigen hat jetzt vor Gericht die Rückkehr seines Kindes aus Hannovers Umland in die USA erstritten.

Tobias Morchner 03.07.2012
Aus der Stadt Kostenpunkt: Zwei Milliarden Euro - Bau des Leinebogens würde 30 Jahre dauern

Vor der Tür demonstrierten 70 Bürger gegen das Seeprojekt Leinebogen, drinnen informierten sich fast 200 Gewerbetreibende und Politiker über den Planungsstand. Am Montagabend hat der Verein Leinebogen erstmals sein Projekt in Seelze vorgestellt.

Conrad von Meding 06.07.2012

Der Zoo Hannover will sein mehr als 30 Jahre altes Urwald-Haus modernisieren und dadurch die Lebensqualität der Menschenaffen verbessern. „Wir diskutieren gerade, was machbar ist. Wir wollen das Optimum für die Affen, es muss aber finanzierbar sein“, sagte der Zoologische Leiter, Heiner Engel, am Dienstag.

03.07.2012