Einer hat sich getraut, immerhin. Dirk Toepffer, Chef der hannoverschen CDU und Mitglied des Landtages, sitzt auf dem Podium im Sprengel Museum und rutscht betont gelassen auf seinem Stuhl in eine bequeme Position. Angesichts eines in seiner Meinung sonst weitgehend einigen Podiums und rund 400 verärgerter Gäste wird er in den folgenden rund zweieinhalb Stunden in der Diskussion um Um- oder Neubau des Landtags-Plenarsaalgebäudes den Prellbock geben. Den einzigen Verantwortlichen, der den Kopf für den möglichen Abriss des Oesterlen-Baus hinzuhalten bereit ist – und der diesen in dieser emotionalen Debatte so recht nur retten kann, weil er sich auf keine Seite schlägt.
Nicht auf die der Jury des jüngsten Architektenwettbewerbs, der er angehört. Und nicht auf die seiner Landtagsfraktion, die sich bisher für den Siegerentwurf des Kölner Büros Yi positioniert hat. Stattdessen signalisiert Toepffer Gesprächsbereitschaft mit jenen, die den Oesterlen-Bau retten wollen – mithin allen Anwesenden an diesem Abend.
Erstaunlich an der Debatte ist derweil nicht so sehr, was die anderen Experten auf dem Podium zu den Plänen des Landes sagen, einen tempelartigen Neubau auf dem Platz der Göttinger Sieben zu errichten. Die Berliner Kunsthistorikerin und Oesterlen-Expertin Anne Schmedding spricht von einem „politischen Skandal“. Roman Graf, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Architekten (BDA) prophezeit den „schmerzlichen Verlust“, den die Hannoveraner bei einem Abriss des Oesterlen-Baus bald beklagen würden. Der hannoversche Bauhistoriker Sid Auffahrt kritisiert, bisher sei nur das Interesse der Abgeordneten berücksichtigt worden – „nicht das der Bürger“. Zuhörer bemängeln das „intransparente Verfahren“, in dem der Landtag ohne Bürgerbeteiligung das Ende des denkmalgeschützten Baus besiegeln will. Und CDU-Mann Toepffer ergreift die Flucht nach vorn: „Wir hätten die Bürger viel früher an der Diskussion beteiligen müssen, das habe ich aus der Debatte gelernt.“
Dann aber schält sich aus dem angestauten Ärger eine klare Forderung heraus: Immer wieder verlangt das Auditorium, nach den Bildern der Siegerentwürfe des gerade zu Ende gegangenen Architektenwettbewerbs auch die Entwürfe des hannoverschen Büros Koch/Panse zu sehen, das bereits 2002 einen Wettbewerb gewonnen hatte. Dieser ist es, den die anwesende, oft schon in Ehren ergraute hannoversche Bildungselite umgesetzt haben möchte. Und wer sie noch nicht kannte, dem erschließen sich im Laufe der folgenden Debatte die Ungereimtheiten, über die die leidige Geschichte der Landtagssanierung in den vergangenen acht Jahren geholpert ist.
2002 hatten Koch/Panse, wie zahlreiche Kollegen, einen Entwurf eingereicht, der sich an strengen Vorgaben der Landtagsverwaltung orientierte. Die sahen vor, den historischen Oesterlen-Bau so gut wie möglich zu erhalten. Das Büro hielt sich an diesen Wunsch ebenso wie an den vorgegebenen Raumplan, gewann den Wettbewerb – und wartet seither auf eine Reaktion des Landes. Das aber lobte stattdessen im vergangenen Jahr einen neuen Wettbewerb aus. Begründung: ein neuer Raumplan mit mehr Bedarf. Wie aber kann das sein, fragen sich die Kritiker, wenn doch die Zahl der Abgeordneten abgenommen hat seither?
Zwar stellten die Auslober den Architekten weiterhin frei, einen Um- oder einen Neubau zu planen. „Aber alle Signale standen angesichts des Raumplans auf Neubau“, merkt SPD-Landtagsfraktionschef Wolfgang Jüttner an, der im Publikum sitzt. „Jeder musste davon ausgehen, dass er nur mit einem Neubau eine Chance hat.“ Ganz nebenbei, so sehen es die 400 im Sprengel Museum, setzt sich der Landtag damit über sein eigenes Denkmalschutzgesetz hinweg, das gute Gründe voraussetzt, die einer haben muss, der ein Denkmal abreißt. Prellbock Toepffer gibt sich vieldeutig: „Als Jurist bin ich es gewohnt, dass man sich an Recht und Gesetz hält. De jure ist der Abriss kein Problem – wohl aber für das Rechtsgefühl der Bürger, das hier verletzt wird.“ Der Saal applaudiert.
Und noch etwas nimmt Toepffer „mit nach Hause“, wie er sagt: die Einsicht, dass die interessierten Hannoveraner den zweiten Preisgewinner des neuesten Wettbewerbs, der den Oesterlen-Bau nicht abreißen will, zwar besser finden als den ersten – aber nicht so gut wie den Koch/Panse-Entwurf aus 2002.
Was bleibt von diesem Abend ist eine „Resolution“, die fast einstimmig beschlossen wird: Präsident und Abgeordnete des Landtags sollen das „öffentliche Interesse“, das einen Abriss des Oesterlen-Baus rechtfertigen würde, „in breiter und öffentlicher Diskussion mit den Bürgerinnen und Bürgern Niedersachsens“ nachweisen. „Anderenfalls ist das bauliche Zeugnis der jungen Demokratie zu erhalten und instand zu setzen.“
Die Resolution im Wortlaut:
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Kommentare
Landtag Mipam – 04.03.10
Genau so ist es richtig.30 Sitzungstage können auch in dem vorhandenen Saal erledigt werden. Jeder meiner Freunde, die den Saal besichtigt haben, sind auch dieser Meinung.
Wir benehmen uns wie die Griechen: kein Geld in der Kasse , aber Schulden machen und leben wie die Fürsten. Die Griechen bauen aber nicht die Akropolis ab und bauen eine Tiefgarage unter ihrem schönen Hügel , um die abgerissenen " alten" Steine später in einer Glassäulenhalle zu lagern und der Verwaltung der Akropilis schöne Büros dort zu bauen.
Wenn Herr Dinkla alle Kraft in den Neubau steckt, ist er als gewählter Politiker am falschen Platz. Die nächsten Wahlen werden es zeigen.
Vorher brauchen wir einen " Volksaufstand" gegen den Abriss.
Wir 68 er können doch noch mal wieder aktiviert werden...
Parameter für die Entscheidungsfindung und Empfehlung Bürger – 02.03.10
Sehr geehrter Herr McAllisterErscheinungsbild: Norddeutsche Zurückhaltung wäre ein angemessener Ausdruck. B. Klarheit, Sachlichkeit, Rationalität sind weitere Leitlinien für die Architektur. C. Die Wirtschaftlichkeit des Gebäudes ist ein wichtiges Ziel, das mit dem Entwurf erreicht werden soll. Das beinhaltet mehrere Faktoren. 1. Die Baukosten, 2. die Flächenwirtschaftlichkeit, 3. ganz besonders die laufenden Betriebskosten. Kostenschätzungen nach DIN, sowie erste Kostenberechnungen sind von externen und unabhängigen Planungsbüros einzuholen.
Kosten Rubber Duck – 28.02.10
Die 45 Mio. für den Protzbau wären m. A. ja bereits zuviel, doch es werden weitaus mehr werden:Allein mit der bei öffentlichen Bauten üblichen Verdoppelung der Baukosten sind wir bereits bei 90 Mio. (Der Kölner U-Bahn Bau kostet bereits das 4-fache der ursprünglich veranschlagten Summe)
Dann muss das hoch verschuldete Land die gesamte Summe auch noch als Schulden aufnehmen. Bei 1 % Tilgung und 4 % Zinsen wären dafür innerhalb 40 Jahren 180 Mio. zurückzuzahlen.
Kostengünstige Alternative:
Wenn man für die 3-tägigen Plenarsitzungen einen Saal in einem hannoverschen Luxushotel mieten würde kostete dies für jeden der derzeit 152 Parlamentarier max. 500 - 600 € (ohne Übernachtung, die geht auch bisher extra), also 90.000 € je Plenarsitzung. Davon gibt es 10 jährlich, die jährlichen Kosten lägen also bei 900.000 €. Für die Kosten eines Neubaus könnte der Landtag also 200 Jahre in einem Luxushotel tagen, das wäre weitaus länger als die Nutzungsdauer eines Neubaus.
Neubau Corinna K. – 27.02.10
Aber woher wollen Sie denn das Geld nehmen ? Das muß zuerst geklärt werden.Kölner Büros Yi joerch – 27.02.10
Also, wenn ich das schon lese: ...Kölner Büros Yi...und das Ganze mit Säulen, au weia.
Wenn dann hoffentlich Mamorsäulen statt Betonsäulen. Die Kölner kämen dann nicht in Versuchung die Stahleinlagen als Schrott zu verhöckern.
Herr Oesterlen hat ja bekanntlich sehr mit viel Asbest gearbeitet. Aber trotzdem, der Sieger-Entwurf 2002 ist schlicht und einfach gut und hat Charme.
Beispiel: Verfahren eines Wettbewerbs Bürger – 27.02.10
So läuft eigentlich ein ordentlicher Wettbewerb ab.1. Allgemeine Auslobungsbedingungen. 2. Anlass und Zweck des Wettbewerbs: z.B.
Der Auslober beabsichtigt einen Neubau zu realisieren. Zweck des Wettbewerbs ist es, alternative Lösungsvorschläge für die Planung des Gebäudes zu erhalten.3. Wettbewerbsart (es gibt unterschiedliche Arten): Z.B. Der Wettbewerb wird als „beschrängter“- man wird vom Auslober eingeladen- Realisierungswettbewerb für eine Bauwerksplanung in Form eines anoymen Verfahrens ausgelobt. Wettbewerbsteilnehmer: 1. 2. 3. 4. 5. 6.etc.. Dann gibt es auch Fachpreisrichter und manchmal auch sachverständige Berater im Wettbewerb. Es wird normalerweise die Entwurfsidee/Leitgedanke, die städtebauliche Einbindung, die Gestaltung/Gebäudekonzept (Identität/Symbolik/Proportionen/Raumqualitäten etc.), Funktionen/Nutzungskonzeptionen, Technische Konzeptionen/Wirtschaftlichkeit (Konstruktionen/baulicher Aufwand, Technikkonzept etc.) bewertet. Ensprechend der Empfehlung des Preisgerichts, wird nun die weitere Berarbeitung der Aufgabe, zumindest bestimmer Leisungsphasen, schrittweise dem Sieger übertragen. Entscheidungen sind im übrigen sehr anstrengend, wenn man die Sache nach bestem Wissen und Gewissen macht.
... Architekt – 27.02.10
Der vermeintliche größere Platzbedarf kann nicht das schlagende Argument sein, da1. ohnehin zu viele Abgeordnete im Landtag sind - man diskutiert schon lange über eine Reduzierung der Anzahl, aber leider ist es wie bei den Fröschen, mit denen man nicht reden sollte wenn man den Sumpf trockenlegen will,
2. Im Zuge der Föderalismusreform endlich ein Nordstaatenverbund entsteht, der zu erheblichen Effizienssteigerungen und Einsparungen führt und einen riesengroßen Landtag in Hannover schlicht überflüssig machte.
@ Arnulf Neumann echo167 – 27.02.10
Was waren denn die stichhaltigen Argumenten einen weiteren Wettbewerb zu veranstalten? Doch nicht etwa der vermeintliche Platzbedarf?Ich persönlich bin froh, dass der Koch/Panse-Entwurf wieder ernsthaft diskutiert wird.
Kosten D.S. – 27.02.10
Man sollte bitte auch die Kosten im Blick behalten. Bei anderen wichtigen Vorhaben (z.B. in der Bildung) hat das Land erheblichen Sparzwang verordnet. Dann bitte auch bei den eigenen Vorhaben.Es ist nicht zu vertreten, dass Hochschulen in unzumutbaren Räumen Unterricht halten müssen und diese Sanierungen stehen auf dem Prüfstand, da das Geld fehlt. Aber bei sich selbst darf es ja etwas mehr sein. Das kann ja bei den Hochschulen wieder eingespart werden.
@ Arnulf Neumann Boris Altfrau – 27.02.10
Auch ich finde, dass man das Volk so lange zu Wahlen gehen läßt, bis das gewünschte Ergebnis herauskommt.Vor..... oder zurück?... Belo Horizonte – 27.02.10
Dass bei einer organisierten Lokalveranstaltung eine aufgebrachte Menschenmenge im Chor skandiert: "Wir wollen Koch/ Panse!", mag manchen Landtagsabgeordneten beeindrucken, mich NICHT!Der Landtag würde sich nun vollends unglauwürdig machen, wenn er jetzt einen Beitrag aus der Schublade hervorholt, der bereits seit einigen Jahren zu den Akten gelegt geworden war.
Man sollte die Gründe doch nicht ganz vergessen, weshalb ein weiterer Wettbewerb ausgeschrieben wurde.
In diesem letzten Wettbewerb gab es überdies ein überzeugendes Ergebnis, das sowohl den Oesterlen- Bau ausreichend gewürdigt hat, als auch gegenüber den Ergebnissen von 2002 eine positive Weiterentwicklung darstellt.
Er hatte so überzeugt, daß er den 2. Preis erhielt.
Es gibt also eine mit Preis versehene Alternative, mit der sich entspannt nach vorne schauen lässt.
Vernunft? Arnulf Neumann – 27.02.10
"Nur nicht den 'Palast' bauen - und alles andere ist dann egal!" - das wird nicht reichen, zumindest nicht für Architektur (!)Wegen Unzufriedenheit mit dem Ergebnis des 1. Wettbewerbes (Koch Panse) war seinerzeit mit stichhaltigen Argumenten ein weiterer Wettbewerb ausgelobt worden. An dieser Unzufriedenheit hat sich zumindest bei mir nichts geändert!
Sollte nun am Ende aus juristischen Gründen etwa doch noch ein 'unbefriedigendes Ergebnis' reale Gestalt gewinnen? Ein Ergebnis, welches sich dem Denkmalschutz-Gedanken einfach nur noch total unterwirft, obwohl es dazu eine überzeugende architektonische Alternative gibt, nämlich den 2. Preis?
Was wäre das für ein Fortschritt (!)
Gestaltungsbeirat Bürger – 26.02.10
Jedes kulturelle Gebilde liefert Bedeutungen unterschiedlicher Niveaus, je nach Bildungsstand und Interpretationsschlüssel geht man damit um. Es gibt oberflächliche Betrachtungen, die auch Irrtümern ausgesetzt sind, solange man nicht auf Bedeutungen höheren Grades achtet. Nichts ist prägender für unsere Umwelt als Gebäude, also raumbildende dreidimensionale Gebilde. Erkenntnisprozess: Der Siegerentwurf ist abzulehnen, weil er nicht mehr zeitgemäße architektonische Normen aus der Architekturgeschichte benutzt. In der Baukunst gibt es keine verächtlichere Verletzung der Wahrheit, nämlich eine unwürdige Vorspiegelung falscher Tatsachen unter dem Gesichtspunkt einer falschen Konstruktion- hier in Form der „unechten Säulen“. Ich bin auf Eurer Seite!Man wagt es kaum zu hoffen Rubber Duck – 26.02.10
dass da Vernunft Einzug halten könnte bei unseren VolksvertreternEs wäre eher wohl reiner Opportunismus wenn sie vor dem Gegenwind einknicken würden der ihnen von allen Seiten entgegen bläst.
Sei's drum. Hauptsache, der bestehende Bau wird in seiner Substanz weiter genutzt und der koreanisch-griechische Tempel nicht gebaut.