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Aus der Stadt Neue Feldjägerschule in Hannover nimmt den Betrieb auf
Hannover Aus der Stadt Neue Feldjägerschule in Hannover nimmt den Betrieb auf
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22:13 18.10.2009
Immer auf die Leinwand: Im Schießkino trainieren die Soldaten den scharfen Schuss. Kameras zeichnen jede Bewegung auf. Nach der Übung wird ausgewertet, analysiert, verbessert. Quelle: Tobias Kleinschmidt

Bei der Ausbildung von Feldjägern und Soldaten im Stabsdienst sollen international Maßstäbe gesetzt werden.

Die letzten Arbeiten auf dem Gelände zwischen Kugelfangtrift und Vahrenwalder Straße sind in der vergangenen Woche planmäßig abgeschlossen worden. Die Schule, an der künftig rund 7000 Soldatinnen und Soldaten pro Jahr ausgebildet werden, wird am nächsten Freitag mit einem Festakt eröffnet. Die Bundeswehr hat rund 80 Millionen Euro in die Sanierung des Kasernengeländes in Hannover investiert.

Ein Ausbildungsschwerpunkt werde die Vorbereitung auf Auslandseinsätze sein, sagte Schulkommandeur Oberst Hubert Katz der HAZ. Feldjäger sind die Militärpolizei der Bundeswehr. Sie übernehmen auch bei Auslandseinsätzen wichtige Aufgaben, in Afghanistan sind sie unter anderem an der Ausbildung einheimischer Polizeikräfte beteiligt. Soldaten des Stabsdiensts sind für die Organisation und Koordination der Truppe zuständig. Darüber hinaus werden Spitzensportler, die eine Förderung der Bundeswehr genießen, Lehrgänge an der Schule in Hannover besuchen. Die Einrichtung ist eine der ersten, in der Soldaten des Heeres, der Luftwaffe und der Marine sowie Unteroffiziere und Offiziere gemeinsam ausgebildet werden. „Die Militärs anderer europäischer Streitkräfte und der Nato blicken gespannt darauf, was an dieser Schule passiert“, sagte Schulkommandeur Katz.

Auf dem Gelände der Emmich-Cambrai-Kaserne war lange Zeit die Offiziersschule des Heeres untergebracht. Sie siedelte 1998 nach Dresden um. Seitdem verwaisten die Gebäude aus den dreißiger und siebziger Jahren zunehmend. Die jetzt fertiggestellten umfangreichen Sanierungsarbeiten dauerten 48 Monate. Unter anderem wurden Computerhörsäle, Simulationsräume und multimediale Konferenzräume eingerichtet. 25 Gebäude wurden umgebaut, acht neu errichtet, darunter ein Schießkino. Insgesamt verfügt die Kaserne nun über 900 modern ausgestattete Einzelzimmer. Die Zeit der Sechserstuben ist beendet.

63 Millionen Euro hatte das Bundesverteidigungsministerium für den Umbau ursprünglich veranschlagt. Rund 80 Millionen Euro sind letztlich in den Standort investiert worden. Bis zum Jahr 2011 soll noch eine Ausbildungsfläche für Einsatzfahrten ähnlich der des ADAC-Fahrtsicherheitszentrums in Laatzen für mehrere Millionen Euro entstehen.

Das Staatliche Baumanagement Hannover hat die Bauarbeiten im Auftrag des Verteidigungsministeriums koordiniert. „Die Arbeiten sind bewusst in 38 Bauprojekte mit jeweils bis zu 15 Aufträgen unterteilt worden“, sagt Karsten Pilz, Sprecher der zuständigen Oberfinanzdirektion. So habe das Baumanagement erreichen wollen, dass die einzelnen Baumaßnahmen überschaubar bleiben und auch für mittelständische Betriebe aus der Region zu bewältigen sind.

Die Schule für Feldjäger und Stabsdienst war 53 Jahre lang in Sonthofen im Allgäu untergebracht. Mit der Entscheidung, sie zu einer zentralen Ausbildungsstätte der Bundeswehr auszubauen, fiel auch der Entschluss für den Umzug nach Hannover, unter anderem wegen der zentralen Lage.

Bereits im Juni war der Schulbetrieb in Sonthofen mit einem offiziellen Festakt beendet worden, an dem auch Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil teilgenommen hatte. Am Freitag wird Weil neben Innenminister Uwe Schünemann, dem Chef der niedersächsischen Staatskanzlei, Lothar Hagebölling, dem stellvertretenden Regionspräsidenten Wolfgang Neubauer, dem Amtschef des Streitkräfteamtes, Generalmajor Thomas Wollny, und weiteren 250 nationalen und internationalen Vertretern aus Politik und Wirtschaft unter den Gästen sein.

Vorbereiten auf den Ernstfall

Als der Unbekannte in seine Hosentasche greift, drückt der Feldwebel ab. Die Kugel löst sich mit einem lauten Knall, trifft den Mann ins Knie, bringt ihn zu Fall. Kurz darauf ist klar: der Schuss war überflüssig. Der Mann ist unbewaffnet, hat lediglich nach seinem Handy gegriffen. „Der Kamerad hat die Situation falsch eingeschätzt. Während des Trainings soll er lernen, die Gefahr richtig einzuordnen. Gerade wenn es heikel wird“, sagt Stabsfeldwebel Thorsten Hantke. Er ist Leiter des Schießkinos an der neuen Schule für Feldjäger und Stabsdienst, die vor Kurzem aus Sonthofen im Allgäu auf das Gelände der Emmich-Cambrai-Kaserne in Vahrenheide gezogen ist. Die ersten Lehrgänge haben bereits begonnen, am 23. Oktober nimmt die Schule offiziell ihren Lehrbetrieb auf. Jährlich sollen 7000 Soldaten an den rund 80 verschiedenen Lehrgängen der Schule teilnehmen.

„Wir bilden unter Bedingungen aus, die denen des Einsatzes so nah wie möglich kommen – und zwar des Auslandseinsatzes“, sagt Schulkommandeur Oberst Hubert Katz. „Dafür setzen wir die Soldaten ständig unter Stress“, erklärt Oberstleutnant Volker Koors. Zum Beispiel im Schießkino mit Nebel- und Blitzlichtanlage. Von einem Regieraum aus können die Ausbilder unterschiedliche Szenarien auf die Leinwand am Ende der Halle projektieren. Darauf müssen die Soldaten reagieren. Einfache Zielscheiben flimmern über die Leinwand, aber auch minutenlange Filme. Etwa der, in dem der Unbekannte nach seinem Handy greift, oder der, in dem er auf einmal doch ein Maschinengewehr zur Hand hat, oder der mit dem Titel „Taliban“. Geschossen wird mit echter Munition.

Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde errechnen Computerprogramme, an welcher Stelle die Kugel die Darsteller auf der Leinwand getroffen hat. Ein Team von Mediengestaltern hat die digitalen Filmsequenzen so programmiert, dass der Darsteller – abhängig davon, ob er am rechten oder linken Knie, am Oberkörper oder an den Armen getroffen wird – in die richtige Richtung fällt. Während des gesamten Trainings filmen Kameras das Geschehen. „Die Aufzeichnungen werden gemeinsam ausgewertet. Die Soldaten sollen sehen, welche Fehler sie machen, davon in der Stresssituation aber gar nichts mitbekommen“, sagt Ausbilder Hantke.

Die Aufgaben der Feldjäger, auf die sie an der neuen Schule vorbereitet werden, ähneln denen der Polizei. Allerdings ist die Militärpolizei ausschließlich für militärische Angelegenheiten zuständig. Feldjäger regeln den Verkehr, sorgen für Konvoischutz, nehmen Unfälle auf oder spezialisieren sich auf den Personenschutz hochrangiger Vertreter der Bundeswehr. Die Diensthundeführer leiten Sprengstoff- und Drogenspürhunde an, ausgebildete Ermittler sichern Spuren und sammeln Beweise. Zum Beispiel, wenn ein Soldat eine Schussverletzung erlitten hat. Bei Auslandseinsätzen sorgen „Greiftrupps“ dafür, dass etwa die Situation unter aufgebrachten Demonstranten nicht eskaliert, „Zugrifftrupps“ durchsuchen, mit Präzisionsgewehren bewaffnet und durch eine 40 Kilogramm schwere Ausrüstung am Körper geschützt, verdächtige Objekte. „Die Feldjäger sorgen für Ordnung. Das ist die Basis für den gesamten Rest“, sagt Katz. In Afghanistan sind Feldjäger schon lange an der Ausbildung einheimischer Polizeikräfte beteiligt.

Etwas trockener geht es in den Lehrgängen für den Stabsdienst zu – zumindest auf den ersten Blick. Die Teilnehmer lernen, die Truppe zu koordinieren und zu organisieren. Die Soldaten des Stabsdiensts sind unter anderem für das Personalwesen zuständig, aber auch für die Organisation eines Gefechtsstandes, andere wiederum für die zivil-militärische Zusammenarbeit im Katastrophenfall oder das sogenannte Verbindungswesen. „Verbindungsoffiziere sind immens wichtige Leute. Sie halten am Einsatzort Kontakt zu den Offizieren anderer Nationen. Sie sind unsere Botschafter vor Ort, müssen die deutschen Anliegen richtig einbringen“, sagt Katz. Anders als bei den Feldjägern findet ihre Ausbildung vor allem in Seminarräumen statt. Und auch dort herrscht Druck. „Das Telefon klingelt, die Soldaten bekommen eine kurze Beschreibung der Lage, müssen sofort reagieren“, sagt Ausbilder Koors. Wieder laufen Kameras mit. Später wird ausgewertet, besprochen, verbessert. In Hannover soll praktisch gelernt und gelehrt werden.

Die Theorie können sich die Soldaten selbstständig aneignen, vor oder nach dem Lehrgang in Hannover und über das Internet. An der neuen Schule werden sie von einer Pilotgruppe an das sogenannte „Fernlernen“ herangeführt. Der Begriff klingt zwar verstaubt. Dahinter verbirgt sich jedoch die durchaus zukunftsweisende Idee des virtuellen und ständig begehbaren Klassenzimmers. Lebenslang sollen die Soldaten lernen und das vom Arbeitsplatz aus, egal, ob in der Kaserne oder am Einsatzort im Ausland. „Der Ausbilder ist ständig erreichbar. Fehler können sofort überwunden werden“, sagt Major Michael Guder.

Die Soldaten an der Schule sollen ihre Erfahrungen mit dem Stress machen – und darüber reden. Über das drückende Gefühl im Magen, die Ängste vor dem Einsatz. „Das fällt vielen schwer“, sagt Ausbilder Koors. Er selbst hat Einsätze in Bosnien und in Afghanistan hinter sich. In Stressseminaren versucht er mit den Soldaten, den Umgang mit der Belastung zu trainieren. Es ist ein Versuch. „Jeder erlebt Stress anders. Das merkt man erst, wenn es wirklich in den Auslandseinsatz geht“, sagt Koors. Der eine komme mit der ständigen Enge in den Unterkünften nicht zurecht, der andere ertrage die Entfernung zur Familie nicht.

Auf manche Dinge kann keine Schule vorbereiten.

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