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Aus der Stadt So werden die neuen Pflegestufen bestimmt
Hannover Aus der Stadt So werden die neuen Pflegestufen bestimmt
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00:17 24.12.2016
Von Jens Heitmann
MDK-Gutachterin Anja Zschernitz zu Besuch bei einer 78-Jährigen. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Die Beine fühlen sich steif an, aber die Spottlust sitzt noch locker. „Sie kommen ja auch nur schwer hoch“, sagt die alte Dame. Anja Zschernitz stutzt für einen Moment, als sie aus der Hocke näher heranrückt, damit die 78-Jährige sie besser verstehen kann. Doch die lächelt nur milde: „So fängt das an!“ Nur kurz blitzt der Humor auf, die Rentnerin ist seit Langem bettlägerig, wegen offener Wunden am Bein war sie erst kürzlich im Krankenhaus: „Allein gehe ich nicht mehr raus - habe schon zweimal im Garten gelegen.“

Anja Zschernitz, die Gutachterin vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK), kennt die Diagnosen bereits aus der Akte. Eine Kollegin hat die 78-Jährige bereits als „schwer pflegebedürftig“ eingestuft - sie bedarf demnach „mindestens dreimal täglich zu verschiedenen Tageszeiten über mindestens drei Stunden“ fremder Hilfe „bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität“. Heute geht es darum, ob die Seniorin zusätzlich zu den Leistungen der Pflegestufe 2 einen Betreuungsbetrag erhalten soll.

Die Gutachterin hockt erneut vor ihrem Laptop und geht ebenso freundlich wie routiniert ihre Frageliste durch. Daneben sitzt ein Mann vom Pflegedienst - und schnell wird klar, dass dieser mindestens ein ebenso großes Interesse an zusätzlichem Geld von der Pflegekasse hat wie Betroffene selbst: Sein Chef könnte dann mehr Leistungen abrechnen. Er dringt aber nicht durch. Anja Zschernitz kann bei der 78-Jährigen keine „eingeschränkte Alltagskompetenz“ erkennen - den Antrag wird sie später ablehnen.

220.000 Gutachten im Jahr

Nicht immer liegen die Fälle so schnell so klar. Bis zu fünf Hausbesuche absolvieren die knapp 600 Gutachter des MDK in Niedersachsen pro Tag und schreiben etwa 220.000 Gutachten im Jahr. „Man muss gut beobachten können“, sagt Anja Zschernitz. Die gelernte Kinderkrankenschwester hat die nötige Erfahrung. In diesen Wochen ist allerdings auch für sie vieles neu: Zum Jahreswechsel greift die Pflegereform - das verändert auf einen Schlag die gesamte Systematik.

Ein paar Tage später sitzt deshalb auch die Gutachterin in einem Schulungsraum des MDK in Hannover: Auf dem Stundenplan steht der neue Kriterienkatalog für die Einstufung in die neuen Pflegegrade. Statt nur die Minuten für die tägliche Pflege zu zählen, sollen die Gutachter künftig „den Menschen in seiner Lebenswelt in den Blick nehmen“, wie es das Bundesgesundheitsministerium formuliert - neben körperlichen Beeinträchtigungen werden bald auch Wahrnehmungsstörungen und psychische Leiden stärker berücksichtigt.

Das ändert sich

Statt drei Pflegestufen gelten künftig fünf Pflegegrade, über die Einstufung entscheidet ein Punktekatalog. Los geht es mit der Beurteilung der Mobilität: Wie steht es etwa mit dem Treppensteigen? Als selbstständig gilt, wer „unabhängig von der Wohnsituation ohne Hilfe aufrecht“ Stufen meistert. „Neulich hatte ich einen 20-jährigen Rollstuhlfahrer, der die Treppen zu Hause auf dem Hinterteil herunterrutscht und dann wieder nach oben robbt“, sagt eine Gutachterin. „Was gilt in diesem Fall?“ Kursleiterin Susanne Matusche muss nicht lange überlegen: „Das entscheidende Wort ist hier ,aufrecht‘.“ Im Übrigen müsse man sich auch immer fragen, wie es vor der Wohnungstür aussehe. „Der Betroffene kann ja schlecht zum Supermarkt robben.“ Das Kreuzchen im Beurteilungsbogen wäre in diesem Fall also bei „überwiegend unselbstständig“ zu setzen. Neben der Mobilität müssen die Gutachter beurteilen, wie weit sich die Pflegebedürftigen orientieren können, ob sie aktiv an Gesprächen teilnehmen und ob sie sich selbst mit Essen und Medikamenten versorgen können. Für die mehr als fünf Dutzend Fragen haben die MDK-Experten beim Hausbesuch eine Stunde Zeit. Das reiche in der Regel aber aus, sagt die zweite Kursleiterin Brigitte Kampe: „Wenn die Tür aufgeht, wissen wir meist schon, was los ist.“ Entscheidend sei der Fokus, ergänzt ihre Kollegin Matusche. „Wir gucken immer, wo der Knackpunkt beim Hilfebedarf liegt.“

Im Alltag trifft diese Selbstgewissheit der Gutachter auf die Verunsicherung der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen. Bis zu 1000 Anrufe täglich erreichen die 20 Mitarbeiter im Callcenter des MDK, mit dem näher rückenden Starttermin für die Pflegereform steige der Beratungsbedarf, sagt der zuständige Geschäftsbereichsleiter Matthias Ernst. Es müsse sich jedoch niemand Sorgen machen: „Das neue System ist gerechter.“ Es berücksichtige den Alltag der Pflegebedürftigen besser als das geltende Regelwerk.

Anja Zschernitz sieht dem Systemwechsel gelassen entgegen und vertraut auf ihre Erfahrung: „Es müssen sich eben alle umstellen - die Gutachter wie die Pflegedienste.“

Fünf Pflegegrade und sechs Bewertungsmodule

Im neuen Jahr ersetzen fünf Pflegegrade die bisherigen drei Pflegestufen. Auch die bisher übliche Ermittlung des Pflegebedarfes nach Minuten wird aufgegeben und von einem neuen Punktekatalog zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit abgelöst. In sechs Modulen werden Punkte vergeben, die mit unterschiedlichen Gewichtungen in eine Gesamtpunktzahl eingehen. Wer auf 12,5, aber weniger als 27 Punkte kommt, wird in den Pflegegrad 1 eingestuft, ab 27 Punkte in den Pflegegrad 2, ab 47,5 Punkte in den Pflegegrad 3, ab 70 Punkte in den Pflegegrad 4, und wer 90 bis 100 Punkte hat, erhält den Pflegegrad 5.

Die sechs Bewertungsmodule nehmen die Eigenständigkeit in jeweils einem Alltagsbereich in den Fokus:

  • Modul 1, Mobilität: Kann der Pflegebedürftige allein aufstehen, sich umsetzen und gehen? Wie steht es um Kraft, Balance und Koordination?
  • Modul 2, kognitive und kommunikative Fähigkeiten: Gutachter stellen etwa die Fragen, ob sich der Pflegebedürftige räumlich und zeitlich orientieren, an Gesprächen beteiligen und Gefahren einschätzen kann.
  • Modul 3, Verhaltensweisen und psychische Probleme: Der Gutachter prüft, wie es um die Selbststeuerung bestellt ist. Gibt es psychische Auffälligkeiten, Depression oder aggressives Verhalten gegenüber Pflegekräften, die einen personellen Unterstützungsbedarf notwendig machen?
  • Modul 4, Selbstversorgung: Die Gutachter prüfen, ob Pflegebedürftige sich selbst anziehen und selbstständig essen und trinken können. Auch die Körperpflege spielt eine Rolle.
  • Modul 5, Umgang mit krankheitsbedingten Aufforderungen: Die Gutachter stellen fest, ob Medikamente noch eigenständig eingenommen werden und ob Unterstützung bei Arztbesuchen notwendig ist.
  • Modul 6, Gestaltung des Alltags: Hier geht es um die Frage, wie die Pflegebedürftigen generell mit ihrem Leben umgehen. Gestalten sie ihren Tagesablauf bewusst? Haben sie Hobbys, treffen sie sich mit Freunden? 

lok

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