Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Neue Software sorgt für Ärger beim Bafög-Amt

Längere Bearbeitungszeit Neue Software sorgt für Ärger beim Bafög-Amt

Die neue Software Bafög 21 sollte die Anträge der Studenten eigentlich schneller bearbeiten – doch das Gegenteil ist der Fall und das Programm sorgt für Probleme. Jetzt häufen sich die Anträge. Ein Besuch beim Bafög-Amt.

Voriger Artikel
Mehr Flüchtlinge verlassen freiwillig die Region
Nächster Artikel
HAZ live: Der Morgen in Hannover

Kann die Sorgen der Studenten verstehen: Rosa-Lee Himmer prüft im Bafög-Amt Anträge. 

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Für die Studenten, die dieses Jahr auf die Entscheidung über ihren Bafög-Antrag warten müssen, empfindet Rosa-Lee Himmer Bedauern. „Wir brauchen für alles länger“, berichtet die Sachbearbeiterin im Bafög-Amt Hannover. „Wenn man nichts hat und nicht weiß, ob 500 Euro im Monat vom Bafög-Amt kommen oder nicht, ist das schwierig.“ Ein Software-Problem führt derzeit dazu, dass zum Semesterstart in Hannover in der kommenden Woche noch nicht sicher ist, dass alle Studenten ihre Förderung rechtzeitig bekommen.

Wie konnte es so weit kommen? Die neue Software namens Bafög 21, die niedersachsenweit zur Bearbeitung der Anträge eingesetzt wird, macht schon seit Längerem Probleme - obwohl das Studentenwerk Hannover seit Jahresanfang Verbesserungen anmahnt. Weil die Bundesregierung das Bafög um 7 Prozent erhöht hat, kommt die Software ins Schlingern: Die Mitarbeiter im Bafög-Amt müssen bei jedem einzelnen Antrag zusätzlich die geänderten Förderbedingungen mit der Hand eingeben - denn die neue Software übernimmt die Änderungen im Bafög-Bundesgesetz nicht automatisch. Es ist nur ein Beispiel von vielen Kleinigkeiten, bei denen das Programm Probleme macht.

Kurzum: Im Bafög-Amt kommt man derzeit ins Schwitzen. Dauerte die Eingabe eines einfachen Antrags früher zehn Minuten, ist Rosa-Lee Himmer jetzt meist mindestens 20 Minuten damit beschäftigt. Für die Eingabe komplizierter Anträge braucht die Sachbearbeiterin nun oft 40 Minuten oder mehr. Dass ihre „Kunden“ deshalb ungeduldig werden und viel häufiger nachfragen als in den Vorjahren, anrufen, Mails schreiben oder vorbeikommen, kann Himmer gut nachvollziehen. „Studenten, die Anspruch darauf haben, sind bedürftig und brauchen das Geld.“

Was die 36 Mitarbeiter im Bafög-Amt Hannover so übermäßig beschäftigt, das Softwareprogramm Bafög 21, hat das Land vergangenen Dezember eingeführt. Doch die Nagelprobe steht jetzt bevor, denn bei Weitem die meisten Studenten beginnen ihr Studium zum Wintersemester. Deshalb häufen sich aktuell die Anträge auf die staatliche Finanzspritze fürs Studium - Oktober und November sind quasi Hochsaison.

Ein Bürokratie-Albtraum

Es klingt wie ein Bürokratie-Albtraum, wenn die Sachbearbeiter von Bafög 21 berichten: Da das Programm nicht das macht, was es soll, müssen die Fachleute es mit Tricks überlisten, damit sie am Ende ein richtiges Ergebnis bekommen. „Wir berichtigen Fehler, die eigentlich gar nicht da sein dürften, indem wir andere Fehler einbauen“, erklärt Matthias Wilschnack, EDV-Systemverwalter im Bafög-Amt. In der Fachsprache nennt es sich Workaround, wenn Mitarbeiter einen bekannten Software-Fehler umgehen. „Bei der Eingabe muss ich an diesen Stellen mehrere Schritte machen, wo vorher einer nötig war, um zum gleichen Ergebnis zu kommen“, berichtet Rosa-Lee Himmer. Dabei plagt sie permanent die Unsicherheit, ob das Resultat der Berechnungen am Ende korrekt ist.

Mehr als 40 dieser Workarounds müssen die Sachbearbeiter bei Bafög 21 beachten. Der Umgang mit dem Programm erfordert erhöhte Konzentration und vermehrte Kontrollen. „Das strengt an. Und seit mehr Anträge eingehen, steigt der Arbeitsdruck noch“, sagt Thorsten Wagner, Leiter Ausbildungsförderung beim Studentenwerk. Dazu kommt, dass angesichts der verbesserten Fördermöglichkeiten die Zahl der Antragsteller dieses Mal höher als sonst liegen dürfte. Bisher beantragten jährlich rund 11 000 Studenten in Hannover Bafög.

Dennoch will Wagner sich nicht an Spekulationen über Verzögerungen bei der Bafög-Auszahlung beteiligen. „Es kann passieren, aber wir haben das Personal extra aufgestockt, weil wir von den schlechten Erfahrungen mit Bafög 21 in anderen Bundesländern gehört hatten.“ Der Bafög-Amtschef geht davon aus, dass Zahlungen fließen, wenn Studenten sechs bis acht Wochen vorher einen vollständigen Antrag gestellt haben. Erinnerungen hat das Amt seit April per Mail und Post verschickt.

"Uns geht wertvolle Zeit verloren"

Die fertigen Bafög-Bescheide druckt wie früher der Landesbetrieb IT Niedersachsen zentral für das Bundesland einmal pro Monat und liefert sie ans Bafög-Amt. Neu ist, dass sie durch das Software-Programm Bafög 21 jetzt unsortiert kommen. Bis zu drei Tage sitzen die Mitarbeiter nun daran, die Dokumente alphabetisch zu ordnen, damit sie sie noch einmal kontrollieren können. „Da geht uns wertvolle Zeit verloren“, kritisiert Wagner.

Unter den Fachleuten an der Basis gilt Bafög 21 als absoluter Flop. „Es bindet unglaublich Arbeitskraft. Die Antragsbearbeitung tritt fast schon in den Hintergrund“, beschreibt es Thorsten Wagner. Das Programm ist als Projekt der Bundesländer extra für die Eingabe von Bafög-Anträgen seit den Neunzigerjahren entwickelt worden. Länder wie Hessen, Hamburg und Bayern sind im Laufe des Zeit ausgestiegen. Niedersachsen hat es trotzdem - als letztes Bundesland - eingeführt. „Die Routine der Sachbearbeiter allein hilft nicht. Das Programm muss sich verbessern“, glaubt der Chef des Bafög-Amts.

Für die Studenten bleibt ein Trost: Notfalls bekommen sie eine Abschlagszahlung. Das hat das Wissenschaftsministerium bestätigt, nachdem Studentenvertretungen die Probleme im August publik gemacht hatten.

Günstiges Geld vom Staat

Die staatliche Beihilfe Bafög ist die günstigste Art, das Studium zu finanzieren. Die eine Hälfte bekommen Studenten als zinsloses Darlehen, die andere Hälfte gibt es geschenkt. Außerdem müssen die Bezieher der Beihilfe nach dem Studium maximal 10?000 Euro zurückzahlen, egal, wie viel Bafög sie bekommen haben. Chancen auf Bafög haben Studenten, wenn ihre Eltern über ein niedriges oder manchmal auch mittleres Einkommen verfügen. Wo die Grenze liegt, lässt sich nicht pauschal sagen. Der Bafög-Anspruch wird individuell berechnet und kann zum Beispiel auch davon abhängen, ob im Haushalt der Eltern jüngere Kinder leben. Der Einkommensfreibetrag ist jetzt um sieben Prozent gestiegen.

Bis zu 7500 Euro Vermögen dürfen Studenten neuerdings besitzen. Diese Freigrenze ist zum Wintersemester um 7 Prozent angehoben worden. Bafög-Empfänger dürfen außerdem 5400 Euro im Jahr dazu verdienen. Im Monat macht das im Durchschnitt 450 Euro (vorher 400 Euro). Der Bafög-Höchstsatz für Studenten, die nicht bei ihren Eltern wohnen, hat sich zum Wintersemester um 7 Prozent von bisher 670 Euro auf jetzt 735 Euro erhöht. Wohnen sie noch in der Familie, gibt es maximal 537 Euro. Bafög ist eine Sozialleistung. Wenn Studenten Einkünfte oder Erspartes verschweigen, können sie ihren Anspruch verlieren. Seit dem Jahr 2000 hat das Bafög-Amt Hannover ungerechtfertigt gezahltes Bafög in Höhe von 9 Millionen Euro zurückgefordert. Davon hat es bisher 8,6 Millionen Euro eingetrieben.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Nacht der Pferde auf der Pferd & Jagd 2016

Am Freitag zeigten sich 3740 Zuschauer bei der Nacht der Pferde auf der Pferd & Jagd begeistert. Harmonie zwischen Mensch und Pferd, atemberaubende Kunststücke – 150 Pferde und 60 Akteure sorgten für Gänsehautstimmung.