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Alt werden unter Freunden

Neue Wohnungsideen Alt werden unter Freunden

Was nützt die schöne Wohnung, wenn man am Ende allein darin wohnt? Viele Menschen machen sich Gedanken, wie sie im Alter leben wollen – und manche schließen sich zusammen.

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Bauen und Wohnen: Andreas Rümke (rechts) mit Gabriele Rümke (Mitte) und Mitbewohnern in Wennigsen.

Quelle: Wallmüller

Hannover. Ein Weizenfeld wogt sacht in lauer Luft, verstreut darauf ein paar kräftig gewachsene Bäume, unter einem blauen Himmel ziehen Wolken vorbei. Vögel tschirpen. Herrlich. Nichts als Landschaft. Seit ein paar Monaten lebt Andreas Rümke hier. Auch vorher war es nicht schlecht in der tollen Altbauwohnung in Hannover, Seitenstraße, Blick auf Gründerzeitfassaden, nah an der Einkaufsmeile. Was auch hieß: Straßenfeste, Weihnachtsmarkt, Musik, betrunkene Leute pinkeln gegen Häuser. Stadt kann laut und eng sein, die Erinnerung ist noch frisch. „Ich habe mich immer gefreut, wenn man mal wieder den Horizont gesehen hat.“

Jetzt ist die Wohnung verkauft. Andreas Rümke wohnt mit seiner Frau Gabriele in einem Wohnprojekt in Wennigsen am Deister, am Rand dieses Feldes. Zwei weiß gestrichene Blöcke stehen dort in L-Form, 26 Wohnungen mit bepflanzten Balkonen und begrünten Terrassen, gerade beackert eine Bewohnerin ein aufblühendes Beet. Großzügige Laubengänge in den zwei oberen Etagen und Fahrstühle, man wird ja nicht jünger, vielleicht muss später Rollator oder Rollstuhl her. Dazu ein Gemeinschaftsraum und eine Werkstatt. „Graubunt“ nennen die Bewohner ihr Projekt, weil die Haare grau geworden sind, das Leben aber bunt bleiben soll. Eigentümer und Mieter halten sich die Waage, was bei den Bewohnern nicht so ist. Frauen sind deutlich in der Überzahl, nur sieben Männer leben hier. Das Arbeitsleben ist Vergangenheit für die meisten Bewohner, sein 60. Lebensjahr hat jeder im Projekt erreicht.

"Und die Kinder will man nicht belästigen"

Der Weg zum neuen Heim war lang und mitunter beschwerlich. Fast zehn Jahre ist es her, als sich einige Frauen überlegten, wie ihr Leben im Alter aussehen könnte, im Guten wie im Schlechten. Auch Gabriele Rümke, die später dazukam und nun Vorsitzende des Vereins ist, stellte sich diese Frage. Sehr realistisch, sehr nüchtern beschreibt sie, was viele Bewohner dazu brachte, beim Projekt mitzumachen. „In seiner Wohnung vereinsamen, das will niemand. Vielleicht stirbt der Mann, die Nachbarschaft ändert sich, die ganze Umgebung. Und die Kinder will man nicht belästigen.“ Gemeinschaft, wenn sie funktioniert, könnte eine Lösung sein. Der Horizont ist eine schöne Zugabe.

Die Gruppe zu finden, die am Schluss tatsächlich in Wennigsen baute, das dauerte. Interessenten kamen und gingen. Auf Wochenmärkten und Festen verteilten Vereinsmitglieder Infoblätter und manche wunderten sich, dass immer nur Frauen stehen blieben, während Männer gedanklich die ewig gleichen Kreise zogen, als würde immer alles bleiben wie es ist. Der Verein überstand hitzige Debatten um die Farbe von Balkonanstrichen und eine dramatische Krisensitzung: Als Banken für ein Genossenschaftsmodell kein Geld geben wollten, stellte „Graubunt“ auf Eigentumswohnungen um. „Da haben wir viele Stützen verloren“, sagt Gabriele Rümke. Wer jetzt Mieter ist im Projekt, der lebt in Wohnungen von Besitzern, die dem Verein verbunden sind.

Neues Wohnen hat Konjunktur, in den unterschiedlichsten Milieus. In Wennigsen hielten Bürger die Mitglieder des Wohngruppenprojekts anfangs für komische Esoteriker. Wer sonst verkauft Wohnungen und Häuser, bloß um sich mit anderen Leuten zusammenzutun. Vereinzelung im Bungalow ist ja ein Lebensmodell, das Deutschland prägt. Diese Sicht verkennt das Ziel, das zahlreiche Initiativen leitet: Wohnprojekte sind der Versuch, eine Art Familie zu organisieren, nur dass sie aus Freunden besteht. Etwa in Hannover, wo die Gruppe „Stadtteilleben“ der Stadt eine leer stehende Schule abkaufte, das Gebäude in Wohnungen unterteilte und diese nun an Familien und Singles mit und ohne Kinder günstig vermietet. Im friesischen Varel wollen im September ein Dutzend ältere Menschen in die umgebaute ehemalige Volkshochschule einziehen. Auch das ist der Versuch, drohender Isolation im Alter zu entgehen. In Friesland ist 2020 ein Drittel der Bevölkerung älter als 60 Jahre.

Was sagt die Bank? Kann man eigene Ideen umsetzen?

Eine der aufreibendsten Schwierigkeiten für Baugruppen und Mietgemeinschaften ist die Suche nach Grundstücken. Findet sich auf dem freien Markt eine Fläche, beginnt in den Gruppen oft eine langwierige Meinungsbildung: Gefällt allen Platz und Gegend? Was sagt die Bank? Kann man eigene Ideen umsetzen? Kurz entschlossene Konkurrenten können da schneller zuschlagen. Die Stadt Hannover hat inzwischen das Büro „Wohnprojektmentoren“ eingerichtet, um Gruppen zu beraten. Dort weiß Thekla Fomiczenko-Beyer indes, dass der Wettbewerb auch bei Flächen groß ist, die Kommunen extra für Baugruppen ausschreiben. „Für ein Grundstück bewerben sich manchmal zwölf Gruppen. Eine bekommt den Zuschlag, alle anderen bleiben auf ihren Kosten sitzen.“ Nach solchen Rückschlägen verlören manche Gruppen ein Drittel ihrer Mitglieder. Man mag solidarisch leben wollen, doch der Markt ist es nicht, zu knapp ist das begehrte Gut.
Vor einem bunt bemalten Bauzaun auf dem hannoverschen Klagesmarkt stehen Uschi Jensen und Dörte Eggers-Bodenstein vor einem Fernrohr. Es ist ein Graffito, etwa auf dieser Höhe wohnen sie in naher Zukunft. Das Fernrohr ist ein gutes Symbol für die Weitsicht und Geduld, die beide Frauen aufgebracht haben, um doch noch ihren Traum zu verwirklichen. „WAK“, Wohnen am Klagesmarkt, heißt das Projekt. Ungewöhnlich ist es, weil im Stadtzentrum in zwei Häusern 24 Wohnungen für gemeinschaftliches Wohnen reserviert sind. Zur Miete. Die kommunale GBH baut, WAK zieht ein. Gerade wird in der Wunschimmobilie die Tiefgarage gebaut, Ende 2016 soll alles fertig sein. Dann leben hier Familien mit Kindern, Singles, Paare, Behinderte und Wohngeldbezieher in Wohnungen zwischen 50 und 107 Quadratmetern. Einige haben flexible Grundrisse, was Veränderungen ermöglicht. Der Mietpreis: 9 Euro kalt pro Quadratmeter. Nicht eben wenig, dafür Neubau und zentral. Den Gemeinschaftsraum zahlen alle Mieter, auch Hobby- und Werkräume gibt es. Einige sind ausgestiegen, 9 Euro, das war zu viel.

"Man achtet aufeinander"

Auch Uschi Jensen und Dörte Eggers-Bodenstein haben ihren Plan für die Zukunft entworfen, weil sie im Alter nicht allein sein wollten. „Selbstbestimmt leben, und nahe dran am kulturellen Leben“, das will Eggers-Bodenstein. Dafür verzichtet sie auf ihre Eigentumswohnung in Hainholz. Jensen gibt in Langenhagen ihre Doppelhaushälfte mit großem Garten auf. Sich noch mit 90 Jahren darum kümmern zu müssen, dass Handwerker die Dachrinne reparieren, konnte sie sich nicht vorstellen. Im Projekt, sagt sie, „achtet man aufeinander. Geht was kaputt, ruft man die GBH an.“ Nachbarschaftshilfe im Alltag und bei Krankheit steht sozusagen im Programm, wie auch Engagement für das Stadtviertel, das machen auch die Graubunten in Wennigsen so. Kooperation mit Kitas, Lernhilfe, Computerkurse, diese Dinge. Sie wollen etwas zu tun haben mit der Umgebung, in der sie leben.

Fragt man bei den Wohnprojekt-Beteiligten in Wennigsen und Hannover nach, was sie gelernt haben in all den Jahren, vom ersten Gedanken bis zum Einzug, dann sagt Gabriele Rümke: „Man muss den Gemeinschaftsgedanken wirklich leben wollen, und man sollte sich professionelle Hilfe holen.“ Dörte Eggers-Bodenstein, künftig Mieterin am Klagesmarkt, ist wichtig, dass der Verein auf Augenhöhe mit dem Investor verhandelt. „In einem Kooperationsvertrag sollte man alles regeln. Zum Beispiel, dass der Verein neue Mieter aussuchen kann.“ Das ist der Unterschied zum Eigentum: Mietprojekte müssen sich mit dem Investor abstimmen.

Ob die Gruppen später so solidarisch sind, wie geplant? Was ist in 20 Jahren, wenn viele sehr alte Menschen zusammenleben? Geht alles gut, teilen sie nicht nur Räume, sondern ein Leben.

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