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Neuer Doppelkorn-Chef guckt aufs Geld

Führungswechsel in Bio-Bäckerei Neuer Doppelkorn-Chef guckt aufs Geld

Die Bio-Bäckerei Doppelkorn wurde 1984 als Kollektiv gegründet. Und plötzlich wird alles anders. Mit dem neuen Chef kommen Qualitätsmanagement, Personalmanagement, Filialmanagement und zahlreiche Unstimmigkeiten mit der Belegschaft.

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"Der Kauf war eine Rettungsaktion": Manuel Pietrusky (re.) und Manfred Dust vor der Filiale in der Limmerstraße.

Quelle: Sielski (Archiv)

Hannover. Plötzlich klebte ein schlichter Zettel an der Ladentür am Bünteweg. „Diese Filiale wurde geschlossen“, stand drauf, „doch dafür haben wir unsere Gründe.“ Die aber wurden nicht genannt. Hinter den großen Fensterscheiben des ehemaligen Cafés unaufgeräumtes Durcheinander von Küchenpapierrollen, zurückgelassenen Zeitungen, Pappkartons und letzten Angeboten, mit Kreide auf eine Tafel notiert, „Curry-Möhrenburger mit Brötchen und Salat, 3,90 Euro“. Doppelkorn, Bio-Bäckerei mit Tradition, hat die Filiale in Kirchrode dichtgemacht, von heute auf morgen standen die Leute vor verschlossener Tür, kaum war die Marke an den neuen Besitzer verkauft.

Ein neuer Stil hielt Einzug, mit etlichen Konflikten. Die Logik der Betriebswirtschaft stieß auf eine Betriebskultur, die solch ein Denken nicht gewohnt war.

Die Ökonomie lag im Argen

Manuel Pietrusky, 34, hat Doppelkorn zum April vom Lindener Öko-Pionier Manfred Dust übernommen. Es ist ein mittelständischer Betrieb mit neun Filialen in Hannover und rund 110 Mitarbeitern. Dust führte das Unternehmen, sein Lebenswerk, recht familiär, noch immer schwärmen Angestellte von einem Stil, den sie als irgendwie solidarisch erinnern. Dann kam Pietrusky. Halblange Haare, Vollbart, modische Brille. Nachdem er sich seinen Besitz eine Zeitlang von innen angesehen hatte, stellte er fest, dass einiges im Argen lag, besonders die Ökonomie. „Der Kauf war eine Rettungsaktion. Weil durch schlechte Organisation noch mehr Verlust entsteht, habe ich ein Controlling eingeführt. So etwas gab es hier vorher nicht.“

Fünf von 110 Angestellten entlassen

Auch gab es vorher keine Entlassungen. Acht Wochen nach seinem Einzug hat der neue Chef inzwischen fünf Beschäftigte entlassen, er habe das eigentlich gar nicht gewollt, findet aber doch, „fünf von 110, das ist nicht viel“. Einige sind von sich aus gegangen, oft junge Leute, die auf eine Zukunft bei Doppelkorn nicht angewiesen sind. Manche sprechen über den neuen Besitzer, als überwältige jetzt rüder Kapitalismus das sanfte Regime eines gutmütigen Patriarchen. Einer, der ging, sagt, Leute seien Pietrusky egal, „in solch einer Atmosphäre will ich nicht arbeiten“.

Aus Sicht des Unternehmers ist jede Maßnahme nötig, um ein schwankendes Schiff weg von den Klippen zu manövrieren. Der neue Fingerabdruckscanner zum Beispiel. Nötig, sagt Pietrusky, für schnelle Abrechnungen, Arbeitszeitkontrolle und dafür, „dass keiner für jemand anderen stempelt“.

Vom Kollektiv zur Institution

Das ist nicht die Welt von einst. Doppelkorn wurde zur Institution, seit es 1984 von einem Kollektiv gegründet wurde. Manfred Dust übernahm 2000 und führte den Betrieb als GmbH. Der Gedanke selbstbestimmter Arbeit hielt sich. Bis zum Schluss war jede Filiale nahezu selbstständig, sagt der neue Besitzer, es habe keine Hierarchie gegeben und keinen Austausch von Mitarbeitern, etwa bei Krankheit. Jetzt gibt es: Qualitätsmanagement. Personalmanagement. Filialmanagement. Jede einzelne Maßnahme heißt: Kontrolle, Effizienz, Wirtschaftlichkeit. Pietrusky sagt, er habe unterschätzt, was es bedeutet, ein Unternehmen zu übernehmen, das vorher praktisch keinen Chef gehabt habe. Der neue Inhaber muss kämpfen, nicht alle haben auf ihn gewartet.

Auf exemplarische Weise wurde der Kulturkampf am Pfarrlandplatz ausgetragen, da, wo Linden-Nord ganz schön Linden-Nord ist mit Schwätzchen und Bierchen am Trinkbüdchen und Anti-Gentrifizierungsplakat am Altbau. Vorm Doppelkorn-Geschäft stehen Tische und Stühle, Biobier und Biozisch werden angepriesen. Hier traf das alte auf das neue Doppelkorn. Der Anlass: angebliche Partys in der Filiale und bedrohliche Post.

Partys in der Filiale

Ein Rechtsanwalt von Anwohnern forderte unverblümt, der Vermieter müsse in einem erneuten Fall von Lärmbelästigung Pietrusky mit der Kündigung der etablierten Doppelkorn-Filiale drohen. Es soll wieder eine laute Feier gegeben haben, bis in die Nacht hinein. Der neue Inhaber sah die Existenz des zweitgrößten Umsatzbringers gefährdet.

Ein Streit mit Mitarbeitern eskalierte, unflätige Worte sollen durch den Raum geschwirrt sein, und vielleicht will man als Besitzer und Arbeitgeber nicht hören, man solle „die Fresse halten“. Am Ende erhielten drei Mitarbeiter Kündigungen, darunter die Filialleiterin. Es habe Krankschreibungen aus Solidarität gegeben, sagt Pietrusky. In einer Mail fragte der neue Inhaber, warum Mitarbeiter nach Geschäftsschluss im Laden privat feiern müssten. Er gestattete Mitarbeitern sogar, bei Nachfragen Kunden das Anwaltsschreiben zu zeigen.

„In dem Anwaltsbrief stehen Lügen“

Der interne Konflikt drang nach außen. Die Betroffenen sahen sich vor Kunden bloßgestellt. „In dem Anwaltsbrief stehen Lügen“, sagt eine empörte Beschäftigte. Sie und Kollegen stellen die Dinge anders dar. Die Party, angeblich bis in die Nacht, sei um 23.30 Uhr zu Ende gewesen. Feiern und Aufenthalt in der Filiale? Dust, der frühere Inhaber, habe das erlaubt. Der Vermieter habe nie mit Kündigung gedroht, wie es der Anwalt gefordert habe, sie sei ein Konstrukt von Pietrusky, um die Bedrohung hochzuspielen und das eingespielte Team am Pfarrlandplatz zu zerstören. Es komme vor, dass er von jetzt auf gleich neue Leute zu Chefs mache.

Öl ins Öko-Feuer goss zudem ein Satz, den Manuel Pietrusky in einem Brief an Mitarbeiter schrieb. „Ich werde nicht darüber spekulieren, wer die Kosten der Party-Verköstigungen getragen haben mag“, heißt es da. Mit dieser Spekulation fühlten sich die Linden-Norder als Feiertruppe mit Neigung zum Klauen verunglimpft. Beweise für Diebstähle gibt es nicht, Pietrusky räumt das heute ein. Dafür sagt der 34-Jährige, Mitarbeiter hätten als Folge dieser Auseinandersetzung „einen Shitstorm gegen das eigene Unternehmen organisiert und Kunden aufgefordert, nicht mehr bei uns zu kaufen“.

So weit war es gekommen. Der Betriebsrat stimmte Kündigungen zu, ohne mit den Betroffenen gesprochen zu haben. Bei Doppelkorn fragten sich manche, was das denn für ein willfähriger Betriebsrat sei. Manuel Pietrusky stellt heraus, dass alle Maßnahmen, Abnahme der Fingerabdrücke inklusive, mit dem Personalrat abgestimmt worden seien. Er hofft jetzt auf Ruhe im Bio-Laden und Konzentration aufs Geschäft. Am Bünteweg will er wieder eröffnen, die Filiale hatte bisher zu wenig eingebracht, weil zu viele Leute beschäftigt waren. Doppelkorn will mehr Frische, neue Produkte und auch Großhandel und Gastronomie beliefern. In der Sallstraße und in der Sedanstraße öffnen neue Geschäfte. Pietrusky will wachsen, mit Betriebswirtschaft und dem Zeitgeist. „Biologische Ernährung“, sagt er, „das ist die Zukunft.“

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