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Ein bisschen retro

Wingenfelder-Album Ein bisschen retro

Alles muss raus: Die Brüder Kai und Thorsten Wingenfelder – Ex-Fury In The Slaughterhouse – haben ihr drittes Album in vier Jahren veröffentlicht. Die beiden beenden ihre Tournee in der alten Heimat Hannover.

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Unermüdliche Brüder: Kai (links) und Thorsten Wingenfelder - und das tierische Cover des neuen Albums.

Quelle: OLAF GEBERT

Hannover. Ein Fußballsong muss ab und zu mal sein. Besonders, wenn man die eigenen Kinder kicken sieht, bekommt man eine neue Sichtweise auf das Spiel. „Dann fühlt es sich wieder anders an“, sagt Kai Wingenfelder und spielt auf seinen Bruder Thorsten an, der das Lied „Jeden Samstag“ geschrieben hat. Und weil das Herz der beiden - längst nach Schleswig-Holstein und Köln gezogenen - früheren Furys immer noch an Hannover hängt, bleibt bei diesem Thema der Bundesligasaisonstart von 96 nicht unkommentiert. „Ich habe die Frontzeck-Taktik noch nicht verstanden“, sagt Kai in Anspielung auf den Trainer der „Roten“ und murmelt dann noch etwas von kindlichem Vertrauen, nicht ohne sich sofort für den „blöden Kalauer“ zu entschuldigen. Die beiden sind auf dem Laufenden. Müssen sie auch, in der aktuellen Band des Brüderpaars spielen ein Braunschweiger, ein Wolfsburger und ein Exot, der es, warum auch immer, mit Blau-Weiß Berlin hält. Da möchte man sich nicht mit veraltetem Kenntnisstand erwischen lassen.

Zu hören ist „Jeden Samstag“ auf dem neuen Wingenfelder-Album „Retro“, das heute erscheint. Fleißig sind sie, seit sie mit ihrem Brüderprojekt ihre neue musikalische Heimat im Deutschrock gefunden haben. „Retro“ ist schon das dritte Studioalbum (plus eine Live-CD) in vier Jahren, ein Rhythmus, der ziemlich gegen den Trend ist. Meist geht’s eher in größeren Intervallen zu, wenn Musiker 30 Jahre Plattenmachen auf dem Buckel haben. Hier ist es anders: „Wir sind im Kopf schon fast beim nächsten Album“, sagt Kai, Sänger und mit 55 der Ältere der beiden.

Es ist nicht Langeweile, die sie antreibt. Wenn sie nicht im Studio sind, sind sie unterwegs, zu zweit, zu dritt, mit der vollen Band, mal auf großen Festivals, mal in Jugendherbergen. Dazu übernehmen sie Gestaltung und Fotografie (Thorsten) sowie Videos (Kai) selbst und haben beide Familie. Trotzdem: „Wir gucken nach vorn.“

Was der neue Albumtitel „Retro“ nicht unbedingt vermuten lässt. Allerdings ist es kein Konzeptalbum zum Thema „Früher war alles besser“. Der gleichnamige Song entpuppt sich nicht als vertonte Stammtischparole, sondern als Liebeslied. Ein bisschen retro geht es aber doch zu. „Beste Band der Welt“ ist so ein Damals-Lied: „Wir haben gelebt von Luft und unerfüllter Liebe / bis oben hin mit Arroganz betankt / allen Jazzfunk-Bands den Tod erklärt / mit Morrissey aufm Fahrrad in ein unbekanntes Land“ heißt es da in der Strophe; und dann im Refrain „Vergiss die Ärzte und alles, was sich dafür hält / denn wir waren mit Abstand die beste Band der Welt“. Dieses wunderbar aufgeplusterte Selbstbewusstsein junger Durchstarter gilt sicher für viele Bands, in diesem Fall darf man das aber wohl auch autobiografisch sehen.

Wie auch die erste Single „Hey Cowboy“, die Kai Wingenfelder in aller Offenheit einem Typen zuordnet, der ihn immer genau so genannt habe. „Ein Freund, so dachte ich“, sagt er über diesen Menschen, der sich dann aber als „Riesenarschloch“ entpuppt habe. Wingenfelder nennt keinen Namen, sagt aber: „Er wird wissen, dass er gemeint ist, und er soll es sich schön im Radio anhören. Ich wollte ihm meine Meinung öffentlich sagen.“

Zoff gab es auch bei Furys nicht zu knapp, besonders in der letzten Bandphase. Auch jetzt haben die Wingenfelders wieder eine feste Band um sich geschart, doch die Strukturen sind anders. „Die Jungs können sich alle einbringen, das tun sie auch, aber die Entscheidungen treffen wir.“ Dass demokratische Strukturen in Bands auch nach hinten losgehen könnten, hätten sie eben schon erlebt, „und das wollten wir nicht wieder haben“.

Nicht mal das Brüderpaar sei frei von Streitigkeiten, es habe immer wieder Tiefen gegeben, aber „wir machen mit kleinen Unterbrechungen seit 1986 Musik, und wir sind immer noch zusammen“, sagt der Große nicht ganz ohne Stolz und hat mit dem 49-Jährigen „Kleinen“ den Song „Brüder“ geschrieben. Eben ein bisschen retro, ein bisschen aktuell. So wie das gesamte Album - und im Grunde auch die beiden zuvor, was im Radio mit Songs wie „Perfekt“ oder „Klassenfahrt“ zu einem ganz beachtlichen Airplay geführt hat.

In Spanien sind die neuen Songs entstanden, unter der Regie zweier ganz unterschiedlicher Produzenten: Ralf C. Mayer kümmert sich sonst um Chartsstürmer wie Cro und den aktuellen Bundesvision-Sieger Mark Forster. Paul Grau hat schon Fury-Alben aufgenommen. „Diese Mischung wollten wir haben“, sagt Kai Wingenfelder. Die Mischung geht sogar so weit, dass Bandgitarrist Norman Keil auch in diesem Rahmen einmal zeigen kann, welch hervorragender Songwriter er ist, und auf „Retro“ seinen eigenen Beitrag bekommt: „Springen in die Nacht.“

Die Wingenfelders springen zunächst von Promotiontermin zu Promotiontermin, im Winter geht es dann auf große Tournee. Schlusspunkt: natürlich das Capitol. 11. März. Vielleicht kommt ja auch Michael Frontzeck.

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