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Aus der Stadt Sexarbeiterinnen fürchten um Anonymität
Hannover Aus der Stadt Sexarbeiterinnen fürchten um Anonymität
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00:16 04.06.2016
Von Jutta Rinas
„Wir sind stinknormale Frauen, die ihre Arbeit als ganz normalen Beruf ansehen“: Die 40-jährige Thalia ist Sexarbeiterin in ihrem eigenen kleinen Bordell. Fotos: Franson (3) Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Ein paar Hurenausweise hat Thalia in einem ihrer Arbeitsräume schon auf den Tisch gelegt. Keine echten, sondern ausgedachte. Zu Demonstrationszwecken: Um zu zeigen, was hannoverschen Prostituierten wie ihr, „Sexarbeiterinnen“, wie sich die Frauen aus dem Milieu heute selbstbewusst nennen, das Leben künftig schwerer machen wird. Wie beim Frauenarzt sähe es in diesem Zimmer in Thalias „Studio Anders“ aus. Weiß, klinisch, steril wirkt der Raum - mit Gynäkologenstuhl und Patientenliege. Wären da nicht die Gasmasken, Fesseln, Gürtel und Peitschen, die unmissverständlich darauf hindeuten, dass es in Thalias Studio nicht um Gesundheitsfragen, sondern um das Ausleben sexueller Fantasien von Kunden geht.

Einen Ausweis wie den auf dem Tisch müsste Thalia nach dem neuen Prostitutionsschutzgesetz, das am heutigen Welthurentag in erster Lesung im Bundestag verhandelt wird, künftig bei der Arbeit immer bei sich haben: einen Ausweis, der möglicherweise nur einen Aliasnamen, aber ein Lichtbild und die Berufsbezeichnung Prostituierte enthält.

Dazu soll eine neue Anmeldepflicht kommen, damit Prostituierte ihrer Arbeit überhaupt legal nachgehen können. „Niemand weiß genau, was mit den Daten passiert“, sagt Thalia. „Und was macht eine Frau, wenn sie den Ausweis verliert und jemand postet ihn bei Facebook“, ergänzt Anja Kasten, in Hannover lebende Sprecherin des Berufsverbandes „Erotische und sexuelle Dienstleistungen“. Viele Prostituierte führten auch heute noch ein Doppelleben, selbst Ehepartner wüssten nichts von ihrem Job. Sie fürchteten, durch solche Maßnahmen aus dem Schutz der Anonymität in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden, sagt Kasten: „Sie werden sich verweigern. Man stößt sie so wieder in die Illegalität zurück.“

Mehr Schutz für Frauen, die als Prostituierte arbeiten, will die rot-grüne Bundesregierung mit dem neuen Prostitutionsschutzgesetz eigentlich schaffen. Betreiber müssen künftig eine Erlaubnis für ein Bordell beantragen. Hygienische, räumliche und sicherheitstechnische Mindestanforderungen werden vorgeschrieben. Freier müssen sicherstellen, dass sie es beim käuflichen Sex nicht mit einer Zwangsprostituierten zu tun haben. Sie sind verpflichtet, ein Kondom zu benutzen, sonst drohen bis zu 50 000 Euro Strafe.

Sexarbeiterinnen gewähren einen Einblick in das Studio Anders an der Ikarusallee.

Den „bestmöglichen Schutz vor Ausbeutung, Menschenhandel, Gewalt und gesundheitlichen Schäden“ soll das Gesetz Sozialministerin Cornelia Rundt zufolge bieten. Da böten die bestehenden Gesetze ausreichend Möglichkeiten, hält Dorothee Türnau von der Beratungsstelle „Phoenix“ dagegen: „Man muss sie nur anwenden.“ Die Rechte auf Selbstbestimmung von Frauen, die freiwillig anschaffen gehen, stärke das neue Gesetz hingegen nicht, sagt Türnau. Mehr noch: Prostituierte werden Anja Kasten zufolge durch das neue Gesetz stärker reglementiert und kontrolliert als jeder Tischler oder Malermeister.

Die gelernte Bäckereifachverkäuferin ging wegen Schulden auf den Straßenstrich, arbeitet bis heute dort und bereut es nicht. Auch die 40-jährige Thalia, die bis vor fünf Jahren als Eventmanagerin tätig war, stieg aus eigenem Antrieb aus, um mit Sex Geld zu verdienen. „Wir sind stinknormale Frauen, die ihre Arbeit als ganz normalen Beruf ansehen“, sagt sie. „Dieses Übermaß an Kontrolle hilft uns nicht.“

Mehrkosten in Millionenhöhe

Durch das neue Prostitutionsschutzgesetz entstehen Ländern und Kommunen auch erhebliche Kosten. Niedersachsen rechnet jährlich mit 2,5?Millionen Euro Verwaltungskosten, dazu kommt einmalig rund eine Million Euro, um überhaupt Instrumente zur Durchsetzung der neuen, strengeren Regelungen zu schaffen. Wer genau für die Kontrollen zuständig sein soll, will das Land im Herbst mit den Kommunen beraten. Die Stadt Hannover rechnet damit, künftig „Prostitutionsorte“ überwachen zu müssen. Bordellbetreibern müssten „Erlaubnisse oder Ablehnungen“ ausgestellt werden, je nachdem, ob sie die neuen Auflagen erfüllen. Nach derzeitigen Schätzungen koste das 200?000 Euro pro Jahr. Sollte die Anmeldepflicht für Prostituierte den Kommunen übertragen werden, gebe es zusätzliche Kosten. Das neue Gesetz soll im Juli 2017 in Kraft treten.? Aus Protest demonstrieren Sexarbeiterinnen heute von 10 bis 13 Uhr am Kröpcke, indem sie sogenannte Huren­ausweise verteilen.

Jutta Rinas

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