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„Leine-Bogen“

Noch viele Fragen zu Hannovers See-Projekt


Noch viele Fragen: Die Veröffentlichung der Pläne für das geplante See-Projekt „Leine-Bogen“ in Hannover hat bei den Initiatoren teilweise heftige Verärgerung ausgelöst.
Hannover soll einen riesigen Freizeitsee erhalten.

Hannover soll einen riesigen Freizeitsee erhalten.

© HAZ-Grafik

„Ein kleiner Kreis von Engagierten hat sich große Mühe gegeben, ein qualifiziertes Projekt zu entwickeln“, sagt Michael Beck, Chef des Standortentwicklungsprojekts Hannover-Holding: „Jetzt kommen die Fragen, die wir mithilfe detaillierter Gutachten solide beantworten wollen – aber zu diesem Zeitpunkt nicht können.“ Die Macher hatten gehofft, die Pläne noch einige Monate intern diskutieren zu können. „Wir wollen dicke Bretter bohren“, sagt Beck. Er habe „Sorge, dass jetzt wieder alles zerredet wird“.

Für Hannover biete das Vorhaben, innerhalb der nächsten Jahrzehnte im Überschwemmungsgebiet der Leine zwischen Herrenhausen, Garbsen und Seelze einen dreigeteilten Großsee auszubaggern, ungeahnte Chancen. „Hannover hat jetzt schon einen Ruf als Stadt im Grünen mit hohem Freizeitwert – dieses Projekt würde den Schwerpunkt ungemein fördern“, sagt Holding-Chef Beck. Er sucht seit Jahren nach einem Leitmotiv, mit dem sich Stadt und Region Hannover besser vermarkten lassen. Auch Hannovers Tourismuschef Hans-Christian Nolte spricht nur positiv über das Seenprojekt: „Das Vorhaben geht weit über eine Attraktivitätssteigerung im Tourismus hinaus“, sagt Nolte: „Ziel ist eine größere Lebensqualität für den Raum Hannover.“ Problem ist allerdings, wie berichtet, insbesondere die Einstufung des betroffenen Gebiets als Naturschutzgebiet nach europäischer FFH-Richtlinie (Text links unten). Mithilfe einer Machbarkeitsstudie soll geklärt werden, ob die FFH-Festlegung aufgehoben werden kann. Auch Fragen zu Hochwasserschutz und anderen Themen sollten vor Veröffentlichung geklärt werden. Es dürfte mehrere Monate bis zur Vorstellung des Gutachtens dauern, sagt Beck. Öffentliches Geld werde nicht genutzt.

Bei den Kommunalpolitikern überwiegen derweil die Bedenken. Die Grünen sprechen sich klar gegen die Umnutzung der Leineaue aus. „Die Idee bringt uns inhaltlich nicht voran und ist ökologisch nicht verantwortbar“, sagt Fraktionsvize Michael Dette. SPD-Kollege Thomas Hermann findet das Vorhaben zwar „auf den ersten Blick bestechend“. Es täten sich aber „auf den zweiten Blick viele Fragen auf“. So halte er den Bau von bis zu 10.000 Wohnungen für völlig unrealistisch, das Gesamtprojekt für überdimensioniert, die Naturschutzprobleme für nahezu unlösbar und eine mögliche Privatisierung von Uferarealen für indiskutabel.

Allein in der FDP und Teilen der CDU gibt es deutliche Zustimmung. „Das wäre eine weitere Attraktion für Hannover“, sagt FDP-Stadtchefin Claudia Winterstein, die als Bundestagsabgeordnete Vergleiche mit der Seenlandschaft bei Berlin zieht. Sie fordert allerdings eine gute Vermarktung und das Einbeziehen der Wirtschaft. Zustimmung signalisieren auch die Ratsherren Wilfried Engelke und Jens Meyburg – allerdings auch Zweifel, dass es den geplanten See jemals geben wird. „Bevor ich anfange zu planen, würde ich bei der EU nachfragen, ob das Projekt überhaupt umgesetzt werden darf“, sagt Engelke. CDU-Regionsfraktionschef Eberhard Wicke findet hingegen, dass es Wichtigeres gibt als das Anlegen von Seen. Er fordert, das Auengebiet aufzuwerten, statt es zu fluten. Der hannoversche CDU-Wirtschaftspolitiker Jens-Michael Emmelmann dagegen ist „sehr aufgeschlossen auch für große Visionen“ und verlangt daher, das Projekt genau zu prüfen: „Es hat großes Potenzial, auch wenn noch viele Gutachten nötig sind.“

Conrad von Meding und Felix Harbart

In diesem Jahr soll er nach 15 Jahren Bauzeit seine endgültige Wasserhöhe erreichen, auch werden die letzten Straßen am Seeufer fertiggestellt. Erste Planungen begannen schon 1974 zu Zeiten der Diktatur, wurden aber 1978 wieder gestoppt – es gab heftige Proteste von Umweltschützern und Archäologen. 1995 startete das Projekt erneut, seit 2004 arbeitet das Wasserkraftwerk mit zwei Turbinen der 130 Megawatt-Klasse. Für das Seeprojekt musste ein Dorf verlegt werden, mehrere archäologische Fundplätze sind untergegangen. Portugal verspricht sich für die zuvor nicht sonderlich erschlossene Bergregion milliardenschwere Umsätze im Tourismus und in der Immobilienwirtschaft. Während der Aufbauphase profitieren zudem Handwerk, Bauindustrie und Dienstleister.

Der größte künstliche See in Deutschland ist nicht einmal ein Zehntel so groß: Es ist der weitgehend fertiggestellte Geiseltalsee bei Halle in Sachsen-Anhalt. Er misst 1840 Hektar. Der Aufbau der maritimen und touristischen Infrastruktur hat etwa 7,5 Millionen Euro gekostet. Weil der Geiseltalsee eine Fläche des ehemaligen Tagebaus ist, musste er nicht mehr extra ausgebaggert werden. Zudem gab es rund 5,9 Millionen Euro aus Fördertöpfen für die Bergbausanierung. 2008 war die erste Marina bei der Ortschaft Mücheln fertig, eine zweite ist geplant.

In Norddeutschland gilt der Sedlitzer See in Brandenburg als größter künstlicher See. Mit einer Wasserfläche von 1330 Hektar ist er der größte von 30 Seen in der Lausitz, auch dort handelt es sich um die Rekultivierung eines Braunkohletagebaugebiets. 2015 soll die Flutung abgeschlossen sein. Zurzeit beginnt der Bau eines 186 Meter langen schiffbaren Verbindungstunnels zum nahen Ilsensee, der eine Bahnlinie und eine Bundesstraße unterquert – allein dieser Tunnel soll zwölf Millionen Euro kosten.

Conrad von Meding

Deutschland hatte damals den Vorsitz im EU-Rat, die Konferenz tagte am 27./28. Juni in Hannover. Inkraft trat die Richtlinie schließlich nach vierjährigen Beratungen und mit Zustimmung auch des Europäischen Parlaments. Heute schützt sie unter anderem das Feucht- und Überschwemmungsgebiet, durch das die Leine nordwestlich von Hannover mäandert.

Ziel der Richtlinie 92/43/EWG ist, Flora (Pflanzenwelt), Fauna (Tierwelt) und Habitate (Lebensräume) zu bewahren. Dazu schließt sie sowohl Artenschutz für bedrohte Pflanzen und Tiere ein als auch Bestrebungen, zusammenhängende Schutzgebiete zu schaffen. Seit 1998 ist die Richtlinie in deutsches Recht übernommen – wie üblich erst nach langer Verzögerung und einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes, das die damalige Bundesumweltministerin Andrea Merkel zum Handeln zwang. Insgesamt sind mehr als 4500 FFH-Gebiete aus Deutschland in Brüssel registriert.

Conrad von Meding

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Hannover in Zahlen

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  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 521.000
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