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Aus der Stadt Notunterkunft für Obdachlose: „Ich will da nie wieder hin“
Hannover Aus der Stadt Notunterkunft für Obdachlose: „Ich will da nie wieder hin“
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22:49 05.03.2009
Von Thorsten Fuchs
"Eine reine Notanlaufstelle": Der Bunker am Welfenplatz. Quelle: Michael Thomas
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Es ist Donnerstag, an den Kiosken liegt die neue „Zeit“, und Bianca weiß noch nicht, dass Günter Wallraff darin seine üblen Erfahrungen im Bunker am Welfenplatz beschreibt. Aber sie weiß, was sie selbst erlebt hat. Zwei Nächte hat die 31-Jährige dort verbracht. Ihre Tasche habe sie die ganze Zeit aus Angst vor Dieben fest an ihren Körper gepresst. Die Räume seien schmutzig und stänken, die Tür des Wachmanns zugesperrt und alle Versuche, mit ihm zu reden, vergeblich gewesen. „Die kümmern sich um gar nichts“, sagt Bianca. „Da wird man ohne Rücksicht zusammengepfercht und dann sich selbst überlassen. Es ist dort unter aller Sau.“

Die Geschichten, die die Männer und Frauen am ZOB über die Notunterkunft erzählen, ähneln sich. Sie handeln von rüden Wachleuten, der Angst vor anderen Bewohnern und verschlossenen Türen. Es sei üblich, dass die Eingangstür nachts verschlossen sei, erzählt einer, der seinen Namen nicht nennen will und fünf Nächte im Bunker verbrachte. Damit solle verhindert werden, dass Diebe flüchten: So sei es ihm gegenüber gerechtfertigt worden. Dennoch wurde ihm die Tasche gestohlen. „Ich will da nie wieder hin.“

Die Geschichten der Leute vom ZOB scheinen Wallraffs Erfahrungen zu bestätigen. Der Journalist hatte im Februar undercover einige Nächte im Bunker verbracht. Als er vor einem anderen Bewohner, der ihn bedrohte, fliehen wollte, fand er die Tür zum Bunker verschlossen, ebenso die Tür zum Büro des Bunkerwarts. Ein Brand hätte laut Wallraff eine Katastrophe ausgelöst: „Alle wären gefangen und würden krepieren.“ Sein Fazit: Der ganze Bunker sei menschenunwürdig. „Eine gruselige Angelegenheit.“ Die „gruselige Angelegenheit“ ist ein mit Farbe beschmierter Klotz am Welfenplatz. Innen bewegt man sich in schmalen Fluren durch den Bau. Nackte Rohre, Neonröhren, einfache Betten, je fünf in einem Raum, von den Fluren abgeteilt mit dünnen Vorhängen. Die Betonböden, die Duschen, die Kammern, alles das scheint sauber, ein penetranter Geruch von Desinfektionsmittel hängt in der Luft. Zugleich jedoch wird deutlich, was Wallraff unter anderem mit „menschenunwürdig“ meint: Die einzelnen Kloparzellen sind nicht abschließbar, über die niedrigen Türen kann jeder normalgroße Mann leicht hineinsehen.

Normalerweise ist der Bunker von 18 Uhr bis 8 Uhr morgens für Wohnungslose geöffnet, bis zu 40 können hier ein Bett finden. Gestern Nachmittag schloss die Stadt die Türen für Journalisten auf, um Wallraffs Vorwürfe zu entkräften. Stadtsprecherin Konstanze Kalmus versuchte gar nicht, das Ambiente des Bunkers zu beschönigen. „Der Ton kann ruppig sein, und es ist hier sicher nicht nur gemütlich.“ Es handele sich jedoch um eine reine Notanlaufstelle und nur eines von zahlreichen Angeboten der Stadt. Wenn die Tür zum Bunker verschlossen gewesen sein sollte, sei dies ein Fehler gewesen, räumte Alfons Danschick ein, Leiter des Bereichs Stadterneuerung und Wohnen im Baudezernat. Er verwies jedoch auch auf einen Notausgang, der auf jeden Fall offen gewesen sei – und der in Wallraffs Schilderung nicht vorkommt.

Tatsächlich gibt es diesen Notausgang. Das einzige Hinweisschild befindet sich jedoch unbeleuchtet am Ende eines rund 30 Meter langen Ganges. Die Tür selbst liegt hinter einer 25 Zentimeter hohen Schwelle. Wallraff selbst räumte gestern ein, diesen Notausgang nicht gesehen zu haben. Wegen der Dunkelheit im Flur habe er jedoch ohnehin nichts sehen können. Stadtvertreter Danschick hingegen widersprach Wallraff: Die Neonröhren würden die ganze Nacht über brennen, behauptete er.

Die Frage nach dem nächtlichen Licht gehört jedoch zu einer ganzen Reihe von Widersprüchen, die sich gestern zeigten: Von der Existenz zweier Überwachungskameras im Bunker wusste Danschick offenkundig nichts. Ob sie nachts benutzt werden, wer sie wie einsetzt, das konnte er nicht erklären. Nach seinen Worten ist es auch ausgeschlossen, dass Frauen die Unterkunft nutzen. Dagegen stehen der Bericht zum Beispiel jener Bianca gegenüber der HAZ, die das Aussehen der Räume schildert und glaubhaft versichert, dort übernachtet zu haben.

Die 31-Jährige reagierte gestern nicht überrascht auf die Beschreibungen Wallraffs. Ihr und vielen ihrer Freunde sei alles seit Langem bekannt – und sie hat auch einen Vorschlag, was sich ändern müsste: „Da müssten nachts Leute mit Ahnung hin.“

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