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Kulturfrage Krippe

Nur jedes zehnte Einwandererkind in Krippe: Für Grünen zu wenig

Von Felix Harbart

Nur jedes zehnte Einwandererkind kommt vor dem Kindergarten in eine Betreuung – zu wenig, finden etwa die Grünen. Experten aber sind skeptisch.
Während viele Einwanderer den Besuch von Kindergarten und Schule für ihre Kinder als selbstverständlich erachten, wird die Krippe als nicht so wichtig angesehen.

Während viele Einwanderer den Besuch von Kindergarten und Schule für ihre Kinder als selbstverständlich erachten, wird die Krippe als nicht so wichtig angesehen.

© Handout

Ingrid Wagemann ist Ratsfrau der Grünen und Fachfrau für Jugendpolitik. Als die Stadt Hannover jüngst ihren neuesten Bildungsbericht präsentierte, fiel Frau Wagemann vor allem die niedrige Zahl von Migrantenkindern in hannoverschen Krippen auf: Nur jedes zehnte Einwandererkind wird von seinen Eltern schon mit unter drei Jahren in eine Betreuungseinrichtung gegeben. „Wir müssen weiter unter Einwanderern für Krippen werben, denn dort werden sie gut gefördert“, sagt Wagemann hierzu, was logisch ist angesichts der Linie ihrer Fraktion. Die hat sich den Ausbau der frühkindlichen Betreuung ebenso auf die Fahnen geschrieben wie die Integrationsarbeit. Auch Christine Handke, zuständige Expertin der oppositionellen CDU, regt an, Migranten demnächst in ihrer Landessprache auf Krippen hinzuweisen – als Teil des Begrüßungspakets für Neugeborene.

Alptekin Kirci ist hingegen Ratsherr der SPD, und, weil er türkischstämmig ist, eine Art Sprachrohr der Partei für Fragen der Migration. Doch obwohl die grüne Linie in Hannover meist auch die rote Linie ist, mag der Familienvater und SPD-Mann Kirci Bündnispartnerin Wagemann in der Krippenfrage nicht recht folgen: „Ich finde es abenteuerlich, den geringen Migrantenanteil in Krippen als Defizit darzustellen“, sagt er und spricht von einer gängigen „Mainstreamansicht“ zum Thema frühkindliche Betreuung: „Auf einmal sollen alle Kinder in die Krippe – es gibt aber nunmal Familien, deren Lebensentwurf ein anderer ist.“ Für den Besuch des Kindergartens müsse bei Migranten unbedingt geworben werden, findet Kirci. Aber für Krippen? „Viele Migranten haben ein anderes Familienbild und wollen ihr Kind in den ersten Jahren selbst erziehen. Das muss man akzeptieren.“

Zunächst einmal, sagen Experten, gebe es ganz praktische Erklärungen dafür, dass nur 9,9 Prozent der unter dreijährigen Einwandererkinder in eine Krippe kommen, aber 23,1 Prozent der deutschen Kinder. „Viele Frauen mit Migrationshintergrund sind Hausfrauen oder arbeitslos“, sagt Havva Mermertas, Vorsitzende des Türkischen Elternverbandes Niedersachsen. „Die benötigen natürlich keine Krippe.“ Darüber hinaus sei der Zusammenhalt in den Familien meist sehr groß. „Wenn beide Elternteile arbeiten, übernehmen Onkel, Tante oder Großeltern die Kinderbetreuung.“

Derweil war die Sache mit dem Anwerben von Migrantenkindern bisher ein Problem, sagt Stadtsprecher Andreas Möser. „Erst mit dem vom Bund geplanten Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab dem Jahr 2013 sind Kommunen in den letzten Jahren finanziell in die Lage versetzt worden, gezielte Programme für die Altersklasse der unter Dreijährigen aufzulegen.“ Sprich: Als es noch kaum Krippenplätze gab, machte es keinen Sinn, Einwanderer anzuwerben. Zudem hätten sich die Träger von Krippen und Kindertagesstätten angesichts des hohen Anteils von Migrantenkindern Einwanderern zuletzt „zunehmend geöffnet“, sagt Nada Nangia, Fachbereichsleiterin für Migration und Integration bei der Arbeiterwohlfahrt Hannover (AWO). „Die Träger können diese Tatsachen nicht mehr ignorieren“, sagt CDU-Frau Handke.

Doch wie Kirci zweifelt auch Havvan Mermertas daran, dass ausländische Eltern sich in Massen vom Krippenbesuch ihrer Kinder überzeugen lassen werden. „Viele Eltern wollen ihrem Kind zunächst die Muttersprache vermitteln, weil sie Angst haben, es sonst zu verlieren“, sagt sie. Zudem entspreche es nicht dem Familienbild der meisten Migranten, das Kind so früh in andere Hände zu geben. „Eher organisieren Eltern ihre Schichten um.“

Dennoch ist die Quote der Migranten gewachsen, die ihr Kind in eine frühkindliche Betreuung geben – zuletzt um fast 14 Prozent innerhalb eines Jahres. Ähnlich sieht es mit dem Besuch des Kindergartens aus. Den besuchten im vergangenen Jahr 45 Prozent der Migrantenkinder eines Jahrgangs – gegenüber 41 Prozent im Jahr 2008. „Die Eltern haben die Erfahrung gemacht, dass Kinder, die vorher im Kindergarten waren, in der Schule viel erfolgreicher sind“, sagt Mermertas.

Dabei setze sich bei den Eltern immer mehr die Ansicht durch, dass der Besuch des Kindergartens unerlässlich ist, meint Nada Nangia von der AWO. Der einer Krippe ist es nicht unbedingt, findet sie, denn: „Sprachliche Defizite aus dieser frühen Phase kann man aufholen, das zeigen viele Beispiele.“

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