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Aus der Stadt OB-Kandidat Lothar Schlieckau im Porträt
Hannover Aus der Stadt OB-Kandidat Lothar Schlieckau im Porträt
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18:13 02.09.2013
Von Gunnar Menkens
Platte statt Plattitüden: Lothar Schlieckau mit einer Vinylscheibe im fairkauf-Laden. Quelle: Emine Akbaba
Hannover

Was für ein Paukenschlag! Der Ratsherr Lothar Schlieckau, 62, ein Grüner, schreibt im Internet: Wer ihn finden will bei einem offiziellen Anlass, muss den Schützenausmarsch meiden. Unpopulärer geht es nicht in Hannover, dem Ort des angeblich weltgrößten Schützenausmarsches. Und dieser Mann will bald die Stadt regieren? Eine Zeile weiter stellt sich heraus: Er bevorzugt das Weltbeatfestival Masala, eine Art Schützenfest der Grünen, zu getrommelter Musik wird getanzt und getrunken.

Wenn es richtig schlecht läuft für Lothar Schlieckau, den Kulturpolitiker und Theaterliebhaber, dann wird er im nächsten Sommer im Schützenzelt das Bierfass anstechen und später, beim Ausmarsch, auf der Prominententribüne von Amts wegen Uniformierte, Pauken und Trompeten durchwinken. Blumensträuße, Küsschen. Auf der anderen Seite wäre es für ihn richtig gut gelaufen. Im Herbst seiner politischen Karriere wäre er Stadtoberhaupt von Hannover. Wenn es der Preis der Macht wäre, einmal im Jahr ein Holzfass zu bezwingen, er würde es tun.

Wie 62 wirkt er nicht

Lothar Schlieckau sitzt seit zwei Jahrzehnten für die Grünen im Stadtparlament, seit etlichen Jahren führt er die Ratsfraktion der Grünen. Er zählt zu den einflussreichsten Personen der Stadtpolitik und verhandelt mit SPD und Dezernenten, beharrlich und zäh. Sein Bart ist grauer geworden in der Zeit, die Haarlänge variiert, aber immer noch fällt diese eine ungebändigte Strähne in seine Stirn. Wie 62 wirkt er nicht. Nach städtischen Kriterien wäre Schlieckau ein Fall fürs Seniorenbüro, aber nie hat er ein höheres Amt angestrebt, weder einen Platz im Landtag noch im Bundestag. Stattdessen hat er die typische Geschichte eines Linken hinter sich: Demos gegen Nazis, Atomkraftwerke, Endlager, Nato-Doppelbeschluss gehören dazu. 1988 wurde er Mitglied der Grünen. Damals holte ihn Frank Bsirske, inzwischen Bundeschef von ver.di, in den Gesundheitsausschuss des Rates. Schlieckau begann dort seinen kommunalpolitischen Weg als Bürgervertreter.

Das Kuriose an Lothar Schlieckaus Bewerbung ist: Er hat die größte kommunalpolitische Erfahrung aller drei Kandidaten. Er arbeitet als einziger Bewerber in einer Verwaltung, und er wird diesen Vorsprung ausspielen im Wahlkampf. Und doch hat er die geringsten Aussichten, am Abend des 22. September, wenn alle Stimmen gezählt sind, als Sieger die für die Fernsehkameras ausgeleuchtete Freitreppe im Rathaus hinunterzulaufen. Die offizielle Ansage von Schlieckau ist: „Ich bin nicht der Zählkandidat der Grünen.“ Was man so sagt, wenn man denkt, Leute könnten glauben, die Grünen hätten wieder einen Zählkandidaten geschickt.

An einem warmen Nachmittag sitzt der Bewerber in einem gebrauchten Sofa-Zweisitzer, an der Wand hinter ihm hängen gebrauchte Küchenuhren, vergangene Designperioden überwiegen. Schlieckau besucht das Sozialkaufhaus in der City. Blusen für zwei Euro hängen hier, in Regalen stehen Bücher für 50 Cent, ein zehnteiliges Teeservice für vier Personen kostet weniger als 50 Euro. Eine Musiktruhe mit Plattenspieler und Kassettenrekorder steht massiv herum, es ist ein Ding aus seiner späteren Jugend. „Guck hier“, sagt Schlieckau und nimmt die Platte vom Teller: „Wenn der Tag erwacht“, interpretiert von den Egerländer Musikanten.

Schlieckau ist Mitglied in der fairkauf-Genossenschaft. Dieser Termin ist eine gute Gelegenheit für ihn, seine Verbundenheit mit Politik und Verwaltung und der sozialen Realität zu zeigen. Das Kaufhaus hat Probleme mit dem Jobcenter, weil vermittelte Arbeitslose keine qualifizierten Tätigkeiten ausüben dürfen. Eine Bundesrichtlinie. Im Kaufhaus fasst man es nicht, wie sonst soll man Langzeitarbeitslose fortbilden? „Eine Schieflage“, sagt Schlieckau. Er kennt das Thema. Jetzt will er mit Jobcentern und grünen Politikern reden. Mal sehen, was sich machen lässt.

Keine Visitenkarten, keine Infostände, keine Netzpräsenz

Während seine beiden Konkurrenten Stefan Schostok und Matthias Waldraff bereits die Stadt erkunden wie einen fremden Planeten, Kleingärtner, Unternehmer und Kliniken besuchen, Visitenkarten verteilen und bei Bedarf Kümmererdienste anbieten, gibt es von Schlieckau: fast nichts. Keine Visitenkarten, keine Infostände, keine Netzpräsenz, die auf seine Kandidatur zielt. Regelmäßige Termine sieht seine Wahlkampfplanung erst im Mai vor. Der Kandidat der Grünen geht seine Aufgabe sehr gelassen an. Ein Sieg wäre eine Sensation, eine Stichwahl eine Überraschung, Platz drei normal. Er hat noch immer seinen regulären Plan, es ist Plan A, und der sieht vor, vom 1. Januar 2016 an nicht mehr Sozialarbeiter und Psychiatriekoordinator der Region Hannover zu sein, sondern Ruheständler.

Wenn nicht dieser Rathausposten dazwischenkommt. Gute Gründe für einen Erfolg sieht er zuhauf. Die Grünen, sagt Schlieckau, seien mittlerweile nicht nur eine Partei mit erfolgreichem Programm. Es gebe Oberbürgermeister in Stuttgart, Darmstadt und anderen Kommunen, im hannoverschen Rat seien die Grünen bis auf zwei Sitze an die CDU herangerückt und stellten jetzt einen Kandidaten, also ihn, der sich besser auskenne in Politik und Verwaltung als die Mitbewerber. „Mein Angebot ist die Kenntnis von Politik in Hannover. Um in der Verwaltung Erfolg zu haben, braucht man einen langen Atem. Da geht es nicht um den Tageserfolg wie bei einem gewonnenen Prozess.“ Er hat sich diesen Satz vorm Gespräch überlegt. Konkurrent Waldraff, CDU, ist Strafverteidiger. Und zugleich der Kontrahent, den Schlieckau wohl am ehesten aus einer Stichwahl drängen kann.

Blickt man auf die bisherigen Ergebnisse grüner OB-Kandidaten, würde man eher denken, dass sich Lothar Schlieckau stärker redet, als der Zuspruch ist. 2006 wählten 6,7 Prozent der Menschen Ingrid Wagemann. Bei der Wahl zuvor holte Silke Stokar nur fünf Prozent. Sie waren Zählkandidaten. Vergangenheit, meint Schlieckau. Er glaube, für die Grünen könnten neue Zeiten anbrechen.

Konstanz und Beharrlichkeit

Es wäre ein Ergebnis von Konstanz und Beharrlichkeit. Schlieckau beschreibt diese Eigenschaften als typisch für ihn. „40 Jahre beruflicher Arbeit mit Suchtkranken, 22 Jahre im Rat und verheiratet mit einer Frau, die ich im Asta kennengelernt habe.“ Dass er in seiner fünften Wahlperiode noch immer im Rat sitzt, obwohl das Rotationsprinzip der Grünen nur zwei gestattet, schreibt er einer zweiten Fähigkeit zu: Menschen zusammen zu führen und Kompromisse schließen zu können. Dreimal fanden dies auch Mitgliederversammlungen der Grünen, sie erteilten Schlieckau jeweils Ausnahmegenehmigungen für weitere Ratsperioden.

Dass die Kandidatur des 62-jährigen Fraktionschefs taktische Züge hat, bestreitet Lothar Schlieckau nicht einmal selbst. Kommt es im September zu einer Stichwahl (bis dahin will die rot-grüne Landesregierung die rechtliche Grundlage dafür schaffen) und schafft es Schlieckau nicht unter die besten zwei, geht das übliche Verhandeln los. Hieße es: Schostok (SPD) gegen Waldraff (CDU), dann würden die Grünen eigene Wähler aufrufen, den Sozialdemokraten zu unterstützen. Das, sagt Schlieckau in routinierter Manier, sei „natürlich blanko nicht zu haben“. Man müsste über den politischen Preis verhandeln. Er hat das bei vergangenen Wahlen schon durchgezogen, er versteckt diesen Gedanken nicht. Die Grünen haben der SPD in den vergangenen Jahren manches abgerungen. Einen zweiten Posten in der Dezernentenrunde für Bsirske, die umstrittene Umweltzone und den Hannover-Aktivpass zählt Schlieckau zu den größten Erfolgen der ehemals kleinen Grünen.

Eine Niederlage im September würde diesem Kommunalpolitiker keine schlaflosen Nächte mehr bereiten. Nichts kann passieren, nur zu wenig Stimmen. „Ich fall’ nicht tief“, sagt Schlieckau. Sein Tonfall sagt: Eigentlich falle ich gar nicht. Es sieht so aus, als wird ihm dieser Wahlkampf deswegen noch richtig Spaß machen.

Zur Person:

Lothar Schlieckau wurde am 18. August 1950 in Hitzacker im Kreis Lüchow-Dannenberg geboren. Nach dem Realschulabschluss folgte eine Lehre zum Verwaltungsangestellten, 1970 begann er an der Fachhochschule für Sozialarbeit und Ingenieurwesen in Braunschweig und Wolfenbüttel ein Studium, das er mit dem Graduiertentitel abschloss.

Seit 1976 lebt Schlieckau in Hannover. Zunächst arbeitete er drei Jahre lang im Jugendamt der Stadt Lehrte. 1979 wechselte Schlieckau als Sozialarbeiter zum Landkreis Hannover und später zur Nachfolgebehörde Region Hannover. Seit 1994 koordiniert er die psychiatrischen Einrichtungen der Region.

Im Rat führt Schlieckau die Fraktion der Grünen und leitet den Kulturausschuss. Er ist seit 1975 verheiratet, die gemeinsame Tochter wurde 1978 geboren.

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