18°/ 11° Regen

Navigation:
OB-Kandidat Stefan Schostok im Porträt
Mehr Aus der Stadt

Wahlkampf in Hannover OB-Kandidat Stefan Schostok im Porträt

Wer wird am 22. September in Hannover zum neuen Oberbürgermeister gewählt? Die HAZ begleitet die Kandidaten und beobachtet ihren Wahlkampf. Nahaufnahme: Stefan Schostok, der die Tradition der sozialdemokratischen Rathauschefs fortsetzen will.

Voriger Artikel
Barbara Thiel will Landrätin werden
Nächster Artikel
Wir suchen Ihre Frühlingsbilder

Im Fokus: Stefan Schostock – noch als Landtagsabgeordneter – wird zur Affäre um den Nord-Süd-Dialog befragt.

Quelle: Behrens

Hannover. Weiß gedeckte runde Tische, ein Klubraum mit historischen Hannover-Fotos an den Wänden, 20 Zuhörer warten hier mit Blick auf einen dunkelblauen Maschsee. Klaus Ritgen sagt, das Publikum sei eher konservativ. Ritgen ist Präsident vom Lions-Club Aegidius, er trägt ein Klub-Jackett und stellt seinen Gast des Abends vor. Stefan Schostok, Oberbürgermeisterkandidat der SPD. Leider vergisst Ritgen, einen Universitätsabschluss zu erwähnen. Diplom-Sozialpädagogik. Der Gast nimmt das nicht krumm, er lächelt. Er steht auf, stellt sich in Schlips und Kragen hinter seinen Stuhl und holt das Versäumnis nach. Er erzählt, was für einen tollen Beruf er gelernt habe damals, er müsse nichts verstecken. Und dass er sich an Vorurteile gewöhnt habe. „Ich kenne ja die Leute die sagen: ,Ach, das ist ein Sozialpädagoge, der kann sowieso nichts.‘“ Zufällig heißt das Thema dieses Abends: soziale Ungleichheit in der Stadt.

Fünf Monate hat Stefan Schostok, 48 Jahre alt, Zeit, in Hannover zu beweisen, dass er ein fähiger Mann für das Rathaus wäre. Dieser Termin am Maschsee ist einer von etlichen Dutzend, die der Kandidat bereits absolviert hat. Schlank und groß steht er da, das blonde Haar verflüchtigt sich allmählich, und wenn man möchte, kann man eine leichte Ähnlichkeit mit dem „Tagesthemen“-Moderator Tom Buhrow erkennen. Ein Clubmitglied fragt ihn, warum er die Landespolitik verlassen habe, um im September Oberbürgermeister zu werden. Eine gute Frage. Es wäre ja denkbar gewesen, dass der Sozialdemokrat, bis zum Machtwechsel im Januar als Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion vertraut mit niedersächsischer Politik, ein Amt in einer neuen Regierung anzustreben versucht hätte.

Schostok hat sich dafür eine Standardantwort zurechtgelegt. Der Weg in die Stadtpolitik? Kein Abstieg, vielmehr eine „einmalige Gelegenheit“ und die Chance, „Politik so direkt wie möglich zu machen“. Er spricht ruhig, aufzutrumpfen ist ihm fremd, hier steht kein Sigmar Gabriel, der kleine wie große Säle mitreißen kann. Schostok ist für diese OB-Kandidatur ein kleines Risiko eingegangen. Er verzichtete auf ein Landtagsmandat, weil er während des OB-Wahlkampfes nicht wie einer dastehen will, der sich einen warmen Platz im Parlament als Hintertürchen offenhält für den schlimmsten Fall. Der schlimmste Fall aus Sicht der Genossen wäre: Hannover fällt einem Nicht-Sozi in die Hände. Der schlimmste Fall für Schostok wäre: Wenn er der erste Sozialdemokrat in 100 Jahren wäre, dem dies passierte.

Dass der Sozialdemokrat dennoch einen Arbeitsplatz finden würde im Getriebe, ist wohl anzunehmen. Sein Berufsleben ist von der Politik bestimmt. Nach dem Studium arbeitete er im Bildungswerk niedersächsischer Volkshochschulen, im Anschluss bei der Stiftung Arbeit und Umwelt der IG Bergbau, Chemie und Energie als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er war Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Umweltministerium und dann zehn Jahre lang Leitender Geschäftsführer des SPD-Bezirks Hannover. In der Partei ist das kein besser bezahlter Verwaltungsjob, es ist ein Posten mit großer Vergangenheit, Kurt Schumacher und Gerhard Schröder zählten zu Schostoks Vorgängern. In dieser Tradition zu stehen, das bedeutet ihm etwas. Bei seiner Kandidatur für den Landtag gewann Schostok 2008 das Direktmandat für Hannover-Mitte, drei Jahre lang führte er im Parlament die SPD-Fraktion gegen David McAllisters Regierung. Eine öffentliche Verwaltung hat er nicht geleitet.

Wenn sich ein Urteil durch Stefan Schostoks Arbeit zieht, dann ist es die Einschätzung, er sei ein zuverlässiger Mann, fleißig und mit strategischem Denken - aber für das politische Geschäft mit seinen Härten oft zu freundlich. Die Bereitschaft, politischen Gegnern auch mal schneidig in die Parade zu fahren und seinen Willen gegen Widerstände durchzusetzen, fehle ihm. Mit drei Worten: Ein harmloser Mann. Zu wenig Testosteron. Als Schostok vor drei Jahren mit Olaf Lies verabredete, die Rollen von SPD-Landesvorsitz und Fraktionschef im Landtag aufzuteilen, galt dies etlichen Sozialdemokraten als geradezu idealtypisch falsches Ergebnis. Lies, die Rampensau, im Hintergrund als Parteichef, Schostok, der leise Organisator, auf öffentlicher Bühne.

Natürlich kennt er diese Ansichten, auf seiner Internetseite schreibt er selbst kurz darüber. Im Verständnis des OB-Bewerbers sagen diese Einschätzungen indes mehr über das Politikverständnis seiner Kritiker als über seine tatsächlichen Fähigkeiten. „Ich werde unterschätzt“, sagt er bei einem Gespräch im Kurt-Schumacher-Haus. „Ich bin nicht aufbrausend, ich komme auch unaufgeregt ans Ziel.“ In seiner letzten Zeit als Fraktionschef beschäftigte sich Schostok zunehmend mit den Vorgängen um Christian Wulff und die Frage, ob dieser, noch als Ministerpräsident, das Parlament belogen habe. Es wäre leicht gewesen, gegen einen fallenden Mann nachzutreten, aber das ist nicht der Stil, den Schostok bevorzugt. „Ich wollte auf keinen Fall als Wulff-Jäger dastehen. Mir ging es immer um die parlamentarischen Rechte von Abgeordneten.“ In diesem Wahlkampf, von dem Schostok behauptet, er habe noch gar nicht begonnen, ist er seinem Ton bislang treu geblieben. Auf den Vorwurf seines CDU-Kontrahenten Matthias Waldraff, das Rathaus sei grün-rot verfilzt, reagiert er sachlich. In der Verwaltung, sagt er, arbeiten 11000 Menschen. „Da ist es ein Zerrbild, von Filz zu sprechen.“ Wäre der Unterhaltungswert sozialdemokratischer Politik ein Gradmesser für Erfolg, dann läge Peer Steinbrück weit vor Hannovers OB-Kandidaten.

Vor der kleinen Schar im Lions Club spricht Stefan Schostok über Stadtentwicklung. Immer mehr Menschen würden alleine leben, der Anteil alter Bürger deutlich zunehmen. Im Rathaus, sagt er, gibt es 45 Pläne und Konzepte, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Bau. Soziales. Gesundheit. Kultur. Jugend. Stadtentwicklung ist im Grunde alles. Schostok fehlt da im Rathaus bislang der rote Faden in einigen Bereichen. Er hat Daten und Statistiken parat. Nur in eigener Sache passt er einen Moment nicht auf. Schostock spricht von Stephan Weil, Stadtchef bis zum Januar, als „meinem Vorgänger“. So, als wäre die Wahl schon vorbei.

Die Vorstellung, die Stefan Schostok von Politik hat, heißt: Zusammenarbeit.

Austausch, verzahnen, kooperieren, beteiligen, das sind die Wörter, die er benutzt, wenn er über Strategien für Hannovers Zukunft spricht. Das gilt für Wirtschaftsförderung, die Schaffung neuer Arbeitsplätze in einem wachsenden Hannover und für Wissenschaftspolitik. Stadtteile will er gemeinsam mit Bürgern entwickeln. Manchmal fällt er in den Jargon des Sozialwissenschaftlers. Dann wird Kultur in Hannover „als kreativer Cluster erlebbar“. Regt er an, junge Menschen rechtzeitig für Kultur zu interessieren, spricht er davon „Prägung zu organisieren“. Es ist eine Sprache, in der die Welt überschaubar, handhabbar, organisierbar wird.

Tage später steht Stefan Schostok vor 30 türkischen Frauen. Sie alle haben einige Lebensjahrzehnte hinter sich, beim Verein Can Arkadas treffen sie sich regelmäßig, und wenn sie aus dem Fenster sehen, fällt der Blick auf einen Hinterhof. Die Clusterwelt ist weit weg. Nicht allen Frauen geht es blendend, aber bei Tee und Gebäck spielt das gerade keine Rolle. Schostok will etwas Lockeres machen, womit er gleichzeitig die Wirklichkeit in vielen türkischen Familien treffen könnte. Also besorgte er sich den Fragenkatalog, den Ausländer bewältigen müssen, wenn sie deutsche Staatsbürger werden wollen. „Schön, dass heute so viele schöne Frauen hier sind“, sagt er zur Begrüßung. Man wähnt sich nach diesem steifen Satz kurz im vorvergangenen Jahrhundert. Den Frauen gefällt es. „Oioioi“, sagen einige vergnügt, sie lachen, und einige klatschen in die Hände nach diesem Satz des blonden Mannes, dessen Sprache sie nicht immer verstehen. Welchen Einstieg er wohl wählen würde, wenn er die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen besucht?

Schostok liest Fragen vor, Projektleiterin Ömür Türk übersetzt. Zu welchem Fest tragen Menschen in Deutschland bunte Kostüme? Wie heißt die Hauptstadt von Niedersachsen? Antworten fliegen durcheinander, eine halbe Stunde geht das so. Später bietet er an, bei schwierigen Fragen mit aufs Amt zu kommen. Er bittet, Müttern zu sagen, dass deren Kinder Schule und Deutschlernen ernst nehmen müssten. Ist das hier jetzt Wahlkampf? Nein, meint Schostok, höchstens ein Drittel der Frauen dürfte ja wählen. Aber der Besuch des Kandidaten bleibt doch nicht ohne Botschaft. „Als Oberbürgermeister“, sagt der Bewerber, „werde ich mich dafür einsetzen, dass Ihre Kinder Ausbildungsplätze bekommen.“ Zustimmendes Gemurmel. Schostok ist Mitglied der deutsch-türkischen Gesellschaft. Integration, das ist für ihn noch so ein Riesenthema der Stadtentwicklung.

Am Maschsee, bei Gastgeber Klaus Ritgen, korrigierte Stefan Schostok seinen Irrtum übrigens noch. Der SPD-Kandidat stellt die angestrebte Fortsetzung sozialdemokratischer Tradition im Rathaus erst einmal als Wunschresultat dar. Als die Rede auf einen bekannten Verwaltungschef kommt, sagt Schostok: „Herbert Schmalstieg, mein Vorvorgänger - falls ich die Wahl gewinnen sollte …“

Voriger Artikel Voriger Artikel
Nächster Artikel Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Angst vor dem Steinbrück-Effekt
Matthias Waldraff will für die CDU Hannover Oberbürgermeister werden.

Die Aufregung kann er nicht verstehen, falsch interpretiert fühlt er sich, und überhaupt sei er eben kein „Parteisoldat“, sondern habe seinen eigenen Kopf. Die Rede ist nicht von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück - es geht um den hannoverschen CDU-Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt, Matthias Waldraff, der jetzt in seiner Partei aneckt.

mehr
Anzeige
HAZ-Fotowettbewerb 2014: „Meine Sommermomente“

Unter dem Motto „Meine Sommermomente in der Region“ haben wir die schönsten Bilder unserer Leser gesucht. Klicken Sie sich hier durch die Einsendungen.

Luftbilder: So schön ist Hannover von oben

HAZ-Fotochef Michael Thomas hat sich in die Luft begeben und Hannover von oben fotografiert.

Anzeige
Es war einmal in Hannover ... Aber wo?

Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.