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Aus der Stadt Stadt Hannover kündigt Ehepaar Notunterkunft
Hannover Aus der Stadt Stadt Hannover kündigt Ehepaar Notunterkunft
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00:20 29.06.2018
Der letzte Tag in der alten Wohnung, in Containern will das Paar nicht leben. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Am 1. Juni 2018 setzte ein städtischer Mitarbeiter im Rathaus ein amtliches Schreiben auf, Überschrift: „Widerruf der Zuweisung“. Ein paar Tage später landete der Umschlag im Postkasten eines etwas heruntergekommenen Wohnblocks in Wülfel. Das junge Ehepaar Doreen und Andreas Müller (die Namen sind geändert) war überrascht, was es da lesen musste. Innerhalb von kaum vier Wochen sollten sie ausziehen und ihre Möbel mitnehmen, bei Widerstand und Terminüberschreitung drohe Zwangsräumung auf eigene Kosten. Als Alternative für die Zwei-Zimmer-Wohnung bot das Rathaus an: zwei Betten in einem Containermodul in Ahlem, Bad und Küche wären mit zwei weiteren Bewohnern zu teilen. Die Anlage war als Flüchtlingsunterkunft gedacht, inzwischen leben dort 52 obdachlose Menschen.

Die Nachricht aus dem Rathaus kam aus heiterem Himmel. Vielleicht hat sich das Paar zulange eingerichtet in der günstigen und schlichten Notunterkunft. Vielleicht hätte die Stadt eine Rückkehr gestatten sollen, bis das Paar auf dem knappen Wohnungsmarkt bezahlbare vier Wände gefunden hätte, statt eine rigorose Frist zu setzen. Doch jetzt erleben Doreen und Andreas Müller, dass es leicht ist, noch weiter nach unten zu fallen, wenn man bereits unten ist.

„Wir gehen nicht in Container

Das Haus in Wülfel ist eine städtische Notunterkunft, die einfachen Wohnungen sind als akute Hilfe für Obdachlose gedacht, nicht als dauerhafte Adressen. Doch Andreas Müller wohnt hier seit drei Jahren im Erdgeschoss und lebte schon zuvor im selben Haus bei seiner Mutter. Er fühlt sich nicht als Obdachloser. „Und wir gehen nicht in Container“, sagt Müller in ruhigen Worten. Er hat da feste Vorstellungen: Container seien etwas für Flüchtlinge, nicht für Deutsche, die Steuern zahlten. Der 29-Jährige ist derzeit arbeitslos und lebte zuvor von Gelegenheitsjobs. Nun will er „die ganze Sache und den Stress mit der Wohnung“ hinter sich bringen, erst dann, sagt Müller, könne er sich wieder um einen neuen Job kümmern, beides zusammen gehe nicht. Zuletzt war er als Lagerist bei einer Zeitarbeitsfirma beschäftigt.

Das Geld verdient Doreen Müller. Sie arbeitet als Helferin in der Altenpflege, Schichtdienst inklusive. Nebenbei kümmert sie sich um die Angelegenheit mit der Stadt. Sie trägt die Papiere stets in einer Tasche mit sich, damit sie in der Wohnung nicht verloren gehen. Sie hat einen Anwalt gefragt, ob man sich wehren könne gegen die Stadt, aber der machte ihr wenig Hoffnung auf Erfolg. Seit der Kündigung sucht sie nach einer neuen Wohnung, die sie von ihrem Lohn bezahlen kann. „550 Euro Warmmiete, das ist die Obergrenze.“

Miete und Strom sind das Wichtigste

Der Brief von der Stadt war auch für Doreen Müller ein Schock. Erschöpft vom Spätdienst in einen Container kommen, das will sie sich ersparen. Das Paar hatte sich an sehr bescheidene Verhältnisse in der kleinen Wohnung in Wülfel gewöhnt, mit zwei Hunden und Meerschweinchen, deren Käfige im ohnehin engen Wohnzimmer standen. Es gab keine Heizung, im Winter spendete nur ein Ofen etwas Wärme, und wenn es zu kalt wurde, half eine elektrische Heizung nach. Die Wohnung war günstig, „177 Euro im Monat“, erzählt Andreas Müller. Seine Erfahrung ist: „Miete und Strom bezahlen, das ist das Wichtigste.“ Das Leben im Containermodul würde teurer werden. Pro Tag und Bett hat das Rathaus einen Satz von 3,55 Euro festgesetzt, macht 213 Euro im Monat. Haustiere sind nicht erlaubt.

Die Stadt darf Obdachlose jederzeit umquartieren und ihnen andere Unterkünfte zuweisen. Es gibt keine Mietverträge mit gesetzlichen Kündigungsfristen, und es gibt keine Wohnstandards, die die Stadt garantieren muss. „Grundsätzlich sind alle städtischen Unterkünfte für die Unterbringung von Obdachlosen geeignet und angemessen“, sagt eine Sprecherin. Eine Wohnung mit Wänden aus Stein und eigenem Bad oder ein provisorischer Container mit Gemeinschaftsklo – die städtische Satzung macht da keinen Unterschied. In der Notunterkunft in Wülfel sind Abwasserleitungen beschädigt. Im bewohnten Zustand sei eine genaue Untersuchung ebenso wenig möglich wie eine Sanierung. Wolle man weiteren Schaden am Gebäude verhindern, müsse sofort mit den Arbeiten begonnen werden. Deshalb sei die „Umsetzung von Bewohnern in eine andere Unterkunft“ nötig.

Eine neue Wohnung gibt es nicht

Die Müllers haben ausgemistet und alle überflüssigen Möbel beim Sperrmüll angemeldet und vors Haus gestellt. Am Dienstag um 9.30 Uhr übergaben sie dem Hausverwalter alle Schlüssel. Das Paar ist nun formell ohne festen Wohnsitz und ohne Postadresse. Eine neue Wohnung gibt es nicht, die ersten Tage und Nächte verbrachten sie bei Verwandten, Hunde und Meerschweinchen immer dabei. Die renovierte Wohnung wird wieder vergeben. An Flüchtlinge, behauptet Andreas Müller, das habe er von der Stadt gehört. Im Rathaus heißt es: Nein, an Obdachlose.

Von Gunnar Menkens

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