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Offene Bücherschränke in Hannover sind ein Erfolgsmodell

Freiluftbibliothek Offene Bücherschränke in Hannover sind ein Erfolgsmodell

Eine Stadt mit vielen Lesezeichen: In Hannover und der Region sind Bücherschränke an der Straße für jedermann zugänglich. Das Modell mit dem Entleihen und Zurückstellen der Lektüre ist ein Erfolgmsodell geworden. Für fast jeden Lesegeschmack halten die Schränke etwas bereit.

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Bücherschrank in Stöcken: "Bücher kann man nicht einfach wegschmeißen", meint Irina Yura.

Quelle: Wallenwein

Erika Toborowski mag besonders die „kleinen Romanbücher“, „Doktor- und Liebesromane eben“, wie sie schmunzelnd gesteht. Die Heftchen holt sich die 67-Jährige aus dem offenen Bücherschrank in Stöcken in der Ithstraße. Dann liest sie sie in ihrem Garten in einer Kleingartenkolonie in der Nähe – und legt sie abends wieder zurück. Auch Brigitte Paul kann über die Stöckener Freiluftbibliothek fast nur Positives berichten: Bei gutem Wetter würden oft Leute draußen vor dem „Stadtteilladen“ auf den Holzbänken sitzen und in Büchern aus dem Bücherschrank schmökern, erzählt die ebenfalls 67-Jährige, die gerade mit Dalmatinerhündin „Ricky“ Gassi geht. Nur Jugendliche trieben manchmal Schindluder mit der geborgten Lektüre: „Die nehmen sich schon mal ein Buch aus dem Schrank und reißen es in der Mitte durch.“

Fast fünf Jahre alt ist das schlichte, dunkelbraune Möbel mittlerweile, das aus wasserfestem Sperrholz und Plexiglas gemacht ist, weil es nicht in einem Wohnzimmer, sondern auf der Straße steht. Der Schrank in der Ithstraße war die erste literarische Tauschbörse dieser Art in Hannover. Jeder kann sich hier Bücher herausnehmen und nach der Lektüre wieder zurücklegen. Gefällt einem ein Fund ganz besonders gut, kann man ihn auch behalten und dafür etwas anderes in den Schrank stellen. In der Ithstraße ist an diesem Tag für viele Geschmäcker etwas dabei: John Le Carrés „Spion, der aus der Kälte kam“ steht neben Vicki Baums „Marion“, Konsaliks „Agenten kennen kein Pardon“ müssen sich den Platz mit den „Materialien zu Brechts ,Kaukasischem Kreidekreis‘ teilen.

Sogar Schätze wie Erich Kästners Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ in einer Erstausgabe aus der Deutschen Verlagsanstalt von 1931 ist zu finden. „Hier nehmen sich täglich viele Leute etwas zu lesen, aber fast noch mehr schenken uns Bücher“, sagt Irina Yura, die im „Stadtteilladen“ für das Lesecafé zuständig ist – und auch den offenen Bücherschrank betreut. Stolz zeigt die 52-jährige Ukrainerin mehrere Kisten voller gebrauchter Bücher. Regale sollen jetzt im Lesecafé angebracht werden, damit noch mehr Schmöker zum Ausleihen Platz finden. „Fast jede Woche bringen Leute ausgemusterte Bücher. Sie können sie einfach nicht wegschmeißen“, sagt Yura.

Es sei eines der Erfolgsgeheimnisse der offenen Bücherschränke, dass es eine große Hemmschwelle gebe, Gedrucktes oder Gebundenes im Altpapier zu entsorgen, bestätigt Sigrid Ortmann, Leiterin der Stadtteilkulturarbeit, die in Hannover für die offenen Bücherschränke zuständig ist. Auch bei der 56-Jährigen melden sich Leute, die zu Hause Platz in den Regalen brauchen und einen Ort suchen, wo ihre „Schätze“ für andere noch zu etwas nütze sind. „Sie wollen wissen, in welchem offenen Bücherschrank gerade Platz ist“, sagt Ortmann: „Da müssen sie allerdings selber vor Ort vorbeischauen.“

Das Konzept der Minibüchereien hat in Hannover und in der Region Erfolgsgeschichte geschrieben. 18 Bücherschränke stehen mittlerweile in der Landeshauptstadt: in Limmer beispielsweise, in der List, in der Altstadt, in Hainholz, Davenstedt oder Bornum. Dazu kommen viele kostenlose Tauschbörsen in der Region, die genaue Zahl weiß man nicht. In Langenhagen beispielsweise steht eine Freiluftbibliothek neben dem Rathaus, in Alt-Laatzen ist neben dem offenen Bücherschrank am Lindenplatz eine Leseliege aufgestellt, in Wennigsen hat die Sophie-Scholl-Gesamtschule in ihrem Schulgebäude aus einer alten englischen Telefonzelle eine „Lesezelle“ mit gebrauchten Büchern gemacht. In Garbsen stehen zwei Schränke, in Lehrte mittlerweile sogar vier – allesamt aufgestellt von dem früheren Apotheker Wilhelm Nieschlag. „Ich möchte, dass die Leute wieder lesen“, sagt der 76-Jährige bescheiden, wenn man ihn auf sein Engagement anspricht.

Bei den offenen Bücherschränken sei die Schwelle, sich die Bücher wenigstens mal anzuschauen, viel niedriger als in einer Bibliothek. Man müsse sich nicht namentlich registrieren lassen und nichts bezahlen. Beides halte manche Leute von Ausleihen ab. Auf dem Lehrter Rathausplatz steht auf Nieschlags Initiative hin eine zum Bücherschrank umfunktionierte alte Telefonzelle in den Stadtfarben Rot und Gelb. In den Eingangsbereichen der Volksbank-Filialen in Lehrte und Aligse und in einem Regal in einer Apotheke in Sievershausen kann man jetzt auch Bücher tauschen.

In Hannover ist der offene Bücherschrank ein Einheitsmodell. Etwa 1600 Euro koste es, ihn vom Werkstatt-Treff Mecklenheide fertigen zu lassen und einzuweihen, sagt Ortmann. Oft seien es die Stadtbezirksräte, die die Schränke initiierten – und sich die Kosten mit Sponsoren teilten. Dazu müsse ein Pate gefunden werden, der sich kostenlos und regelmäßig um den Bücherschrank kümmere. Das Maß der Zerstörungen sei bislang überschaubar, sagt Ortmann. „Dabei war die größte Sorge im Vorfeld, dass ein öffentlich aufgestellter Bücherschrank sofort wieder kaputt gemacht wird.“

In Hainholz sei eine der Minibüchereien Ende 2008 abgebrannt, erzählt die 56-Jährige. Vermutlich hätten Jugendliche darin Silvesterraketen gezündet. In Limmer sei die unterste Klappe infolge heftiger Fußtritte ramponiert, und in Ahlem hätten Unbekannte den Bücherschrank einmal sogar umgekippt. Dazu hätten im Schrank in der Calenberger Neustadt eine Zeit lang besonders schöne oder neuwertige Bücher sofort gefehlt – und seien später bei Flohmarkthändlern wieder aufgetaucht. Insgesamt zieht Ortmann aber eine bemerkenswert positive Bilanz: „Meistens gehen die Leute sehr sorgfältig mit den Tauschbörsen um“, sagt sie: „Man merkt, sie schätzen es, wenn Bürger etwas für Bürger machen.“

In Döhren am Fiedelerplatz hat eine Rentnerin gerade einer alleinerziehenden Mutter eine Freude bereitet. Die 72-jährige Ursula Oelsner hat einige Bücher in den offenen Bücherschrank gelegt. Die Freiluftbibliothek gegenüber dem Obst- und Gemüseladen ist die jüngste in Hannover. Im April dieses Jahres wurde sie aufgestellt. Ursula Oelsner ist zum ersten Mal da und hat Kinderbücher dabei. Die sind selten in offenen Bücherschränken – und heiß begehrt. „Nur mein Enkel hat sie gelesen“, sagt die Rentnerin: „Jemand anderes soll sich auch noch dran freuen.“

Schon fünf Minuten, nachdem sie gegangen ist, holt Stefanie Heyda die Kinderbücher aus dem Schrank. Die 41-Jährige aus Isernhagen HB besucht regelmäßig ihre Mutter in Döhren. Heute ist sie fast zu spät gekommen – und nach viel Hektik noch sichtlich gestresst. Aber mit dem Bücherfund verbessert sich ihre Laune bald. „Das ist genau die richtige Lektüre für meinen Sohn Fynn“, sagt sie. Auch für sich selbst hat sie einen Schmöker gefunden. Den wird sie – ganz gemütlich – auf dem Rückweg nach Hause in der Straßenbahn lesen.

Offene Bücherschränke gibt es mittlerweile in zahlreichen hannoverschen Stadtteilen.

Die Schrank-Standorte im Überblick:

Ahlem: Wunstorfer Landstraße 50A, vor der Martin-Luther-Kirche

Altstadt: Am Markte, neben der Marktkirche

Bornum: an der Kreuzung Ludwig-Gleue-Weg Ecke Im Dorfe

Bothfeld: Kurze-Kamp-Straße, gegenüber der Einmündung der Einsteinstraße

Bult: auf den Kirchplatz der Melanchthongemeinde an der Rimpaustraße

Calenberger Neustadt: auf dem Neustädter Markt (Platz vor der Kirche St. Johannis)

Davenstedt: Davenstedter Marktplatz

Hainholz: auf der Wiese an der Voltmerstraße/ Ecke Bömelburgstraße

Kleefeld: am Eingang der Ebellstraße, gegenüber dem Schaperplatz

Linden-Süd: Kreuzung Charlotten- Ecke Haspelmathstraße

Limmer: Stadtbahnhaltestelle Limmer Schleuse

List: Jakobistraße 31

Oberricklingen: Butjerbrunnenplatz, nähe Wallensteinstraße

Stöcken: Ithstraße 8

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Vandalismus
Der offene Bücherschrank in der Ebellstraße liegt auf dem Boden, mehrere Fensterklappen sind herausgebrochen.

Mutwillig haben Unbekannte den offenen Bücherschrank an der Ebellstrae in Kleefeld zerstört - und samt Fundament aus der Verankerung gekippt. Ähnliche Vorfälle hat es bereits in anderen Stadteillen gegeben.

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Von Redakteur Jutta Rinas

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